schwingen 24.03.2020

Zusammengreifen verboten

Vorerst bis Ende April ist den Schwingern das Training untersagt, bis Mai wurden bereits 70 Feste abgesagt. Den beiden Freiburger Eidgenossen Lario Kramer und Michael Wiget bleibt zurzeit nur das Training zu Hause.

Social Distancing – Abstand halten –, so lautet die Devise in den Zeiten des Coronavirus. In den Kampfsportarten ist das selbstredend ein Ding der Unmöglichkeit. Der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) reagierte deshalb am 13. März umgehend, als der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausrief, und untersagte den Trainingsbetrieb bis auf weiteres. Mehr noch: Bis Ende April wurden sämtliche Feste und Trainingslager abgesagt. Einige Organisatoren gingen vorausschauend noch weiter und strichen auch ihre im Mai geplanten Anlässe. Speziell gilt das für die Westschweiz. So fallen unter anderem die Kantonalfeste Waadt (3. Mai, Oron-la-Ville), Freiburg (21. Mai, Le Mouret) und Wallis (31. Mai, Savièse) aus.

«Ein Ding der Unmöglichkeit»

Wie für alle Sportler, die ihre Wettkämpfe von einem Tag auf den anderen annulliert sehen, ist das auch für die Schwinger, die sich den ganzen Winter über auf den Saisonstart im April vorbereitet hatten, ein schwerer Schlag. «Das Training ab September, Oktober ist hart, du arbeitest auf ein Ziel hin, und kurz vor der Saison wird alles über den Haufen geworfen», erklärt Lario Kramer. Auch wenn er noch so gerne in den Sägemehlring steigen würde, wirklich hadern will der Seeländer, der im letzten August in Zug den eidgenössischen Kranz geholt hatte, aber nicht. «Jammern kann man immer, aber es geht allen gleich. Und andere trifft das Virus noch viel schlimmer. Läden werden geschlossen, es gibt Schwerkranke und Tote.» Es lässt sich eben nichts daran ändern. Es ist, wie es ist. Das sind Sätze, die man in diesen Tagen beinahe schon mantraartig immer wieder hört – auch von Michael Wiget. Der Wünnewiler, der sich seit letztem Sommer wie Kramer einen Eidgenossen nennen kann, sagt: «Social Distancing im Sägemehl? Ein Ding der Unmöglichkeit.» Ohnehin würden sich die meisten Schwingkeller in Schulen befinden. Und die seien sowieso geschlossen.

Glücksgriff im Gabentempel

Was Kramer, Wiget und den anderen Schwingern bleibt, ist zu versuchen, sich einigermassen in guter körperlicher Verfassung zu halten. Mit den eingeschränkten Möglichkeiten, die für alle noch vorhanden sind. Der Gang ins Fitnesscenter? Seit einigen Tagen ebenfalls gestrichen. «Zu Hause kann man auch etwas machen», sagt Wiget. Viel ist es allerdings nicht. «Oft kommen bei uns die Ausdauereinheiten zu kurz. Mit dem Training im Schwingkeller fehlt häufig die Zeit zum Laufen.» Illusionen müsse man sich aber keine machen. «Kraft aufzubauen, ist momentan kaum möglich.» Kramer sagt, dass er immerhin das Glück habe, ein Eisenhorn – ein multifunktionales Fitnessgerät für den Heimgebrauch – an einem Fest gewonnen zu haben. «So habe ich meinen Kraftraum zu Hause, und mein Trainer schickt mir Trainingsprogramme.»

Letztlich sei jedoch jeder mehr oder weniger auf sich allein gestellt. «Ein Austausch findet unter den Schwingern zwar noch statt, wir verstehen uns ja alle auch privat gut, aber es gibt auch solche, die sich abkapseln», so Kramer, der anstatt als Sportler zurzeit in seinem Beruf als Gemüsebauer gefragt ist. «Die Nachfrage nach Frischgemüse ist in diesen Zeiten steigend.» Langweilig wird dem 21-jährigen Galmizer ohne den Schwingsport also ganz sicher nicht.

Die Hoffnung bleibt

Für etablierte Schwinger wie ihn oder Kramer sei die aktuelle Situation bestimmt einfacher, erklärt der für den Berner Verband aktive Wiget. «Für diejenigen Schwinger, die in diesem Jahr um ihren ersten Kranz kämpfen würden oder aber erst zwei oder drei Kränze auf dem Konto haben und deshalb kaum an die später in der Saison stattfindenden Bergfeste gehen könnten, ist es nicht so einfach.» Bei ihm sei die Motivation noch vorhanden, sagt der 21-jährige Wünnewiler, der aufgrund von diversen Verletzungen bereits einen Strich unter eine ganze Saison machen musste und somit Ähnliches schon erlebt hat.

Die Hoffnung, dass in diesem Jahr doch noch geschwungen werden kann, hat Wiget, der an der Fern-Uni Schweiz Jura studiert, nicht aufgegeben. «Wir müssen wie alle in dieser Situation von Woche zu Woche schauen. Ich hoffe, dass im Juli und im August wieder geschwungen werden kann.» Denn wenn Feste wie das für den 21. Juni datierte Schwarzsee-Schwinget abgesagt werden müssten, schmerze das das Schwingerherz, sagt Wiget.

«Wenn wir Berner nur schon auf dem Brünig oder der Schwägalp schwingen könnten, wäre das schon toll. Doch ich verstehe selbstverständlich jede Festabsage in dieser aussergewöhnlichen Situation.» Schliesslich komme noch hinzu, dass gerade im Schwingsport viele der Zuschauer der Risikogruppe angehören würden.

Schwingen

Das Jubiläumsfest erst im Jahr 2021?

Die Absage der Schwingfeste liegt in der Hand der Kantonalverbände. Das einzige Fest, das unter der Obhut des Eidgenössischen Verbands (ESV) steht, ist in diesem Jahr das 125-Jahr-Jubiläumsfest des ESV vom 30. August im Appenzell, das eidgenössischen Charakter hat. Ob auch dieses Fest dem Coronavirus zum Opfer fällt, ist heute noch offen. Eine Verschiebung auf das nächste Jahr sei aber durchaus eine Option, wie ESV-Geschäftsführer Rolf Gasser gegenüber dem Online-Portal Watson erklärte. Trifft dieser Fall ein, stünden 2021 mit dem Jubiläumsfest und dem Kilchberg-Schwinget gleich zwei Grossanlässe auf dem Programm.

Ringerstaffel Sense

Trainingsvideos für die Whatsapp-Gruppe

Was im Schwingsport gilt, trifft auch auf die Ringer zu: Vorderhand steht der Wettkampfbetrieb still, die Einzelmeisterschaften etwa wurden schon auf das nächste Jahr verschoben. Was den Athleten bleibt, ist das Training zu Hause. «Klar, auf der Matte können wir jetzt nichts machen und keine technische und taktische Schulung bieten», sagt Manuel Bing, der erst vor wenigen Wochen Christoph Feyer als technischen Leiter der Ringerstaffel Sense abgelöst hat. «Darum versuche ich die Ringer auf physischer Ebene zu unterstützen und wenn möglich sogar zu verbessern.» Der Deutsche aus Freiburg im Breisgau ist ausgebildeter Sport-Physiotherapeut und arbeitet in Düdingen. «Vor diesem Hintergrund fühle ich mich imstande, adäquate Trainingspläne aufzustellen.»

Unterschiedliche Bedürfnisse

Die Ringerinnen und Ringer der RS Sense arbeiten momentan an ihrer Kraft, der Ausdauer und der Schnelligkeit. Dabei gilt es die verschiedenen Bedürfnisse der Athleten zu berücksichtigen. «Wir haben im Club die Breitensportler, die hobbymässig und in der Mannschaft ringen, und wir haben eine Handvoll Athleten, die in einem Nationalkader stehen», sagt Bing. Während die Freizeitsportler zurzeit zweimal die Woche ein Ganzkörpertraining absolvieren, stützen die Nationalkader-Athleten ihr Training auf einen detaillierten Plan mit sechs oder sieben Einheiten pro Woche. «Letzte Woche habe ich mich in Zweiergruppen mit Ringern getroffen. Wir haben die Übungen dann zusammen durchgenommen und gleichzeitig Videos erstellt. Diese teilen wir in einer Whatsapp-Gruppe», so Bing, der auch beim Schweizer Ringerverband als Physiotherapeut aktiv ist. So hätten diejenigen Ringer, die er nicht persönlich habe treffen können, die Möglichkeit, die Übungen zu visualisieren. «Eine Stunde im Wald rennen zu gehen, ist zwar besser als nichts, so haben sie aber eine gewisse Grundtheorie zur Verfügung, was doch sinnvoller ist.» Gleichzeitig finde über den Chat ein reger Austausch statt, und allfällige Fragen könnten rasch geklärt werden.

Derweil die Einzelmeisterschaften für das Jahr 2020 gestrichen sind, könnte es für die Ringer trotz des Coronavirus mit der Vereinsmeisterschaft noch klappen. Diese startet erst im September. «Ich hoffe, dass wir zuvor noch den einen oder anderen Monat auf der Matte trainieren können», blickt Bing hoffnungsvoll voraus.