schwingen 12.01.2021

«Wollen keine Zweiklassengesellschaft»

Weil selbst Schwingerkönig Christian Stucki (oben) nicht als Profi gilt, dürfen die Schwinger während Corona nicht trainieren.
Wegen der Covid-19-Pandemie ist das Ausüben von Kampfsportarten nur Profis erlaubt. Stefan Strebel, der Technische Leiter des Eidgenössischen Verbands, will dennoch nicht am Amateurstatus der Schwinger rütteln.

Während in vielen Sportarten die Profis trotz Corona trainieren dürfen, müssen sich die Schwinger weiter in Geduld üben. Seit dem Bundesratsbeschluss vom vergangenen November sind Sportarten mit Körperkontakt ausschliesslich Professionals vorbehalten. Doch obwohl Spitzenschwinger wie König Christian Stucki wie Profis trainieren, haben sie auf dem Papier Amateurstatus und dürfen deshalb nicht ins Sägemehl. Im Interview mit den FN erklärt der Technische Leiter des Eidgenössischen Schwinger-Verbands (ESV), Stefan Strebel, warum der Verband dennoch am Amateurstatus seiner Aktiven festhalten will.

Herr Strebel, der ESV hat bereits im September des letzten Jahres beschlossen, dass trotz Corona im 2021 sämtliche Wettkämpfe stattfinden sollen – und sei es als Geisterschwingfeste. Stand heute dürfen die Schwinger aber immer noch nicht trainieren. Wie sieht die mittelfristige Planung vor diesem Hintergrund aus?

Das BAG (Bundesamt für Gesundheit – Red.) hat den Kampfsport bis auf weiteres untersagt. Das gilt es zu akzeptieren. Meine Einschätzung ist, dass Kampfsportarten im Spitzen- und Breitensport bis sicherlich Ende März nicht zugelassen werden. Mit dem Aktivenrat, das sind die fünf höchsten Schwinger als Sprachrohr von allen 3000 Schwingern, haben wir besprochen, dass es eine mindestens vierwöchige Vorlaufzeit bis zum ersten Fest braucht. Allerdings ist heute so oder so nicht vorstellbar, dass die Hallenschwingfeste vom Februar und März durchgeführt werden können.

Während Profi-Boxer in den Ring steigen können oder die NLA-Meisterschaft der Ringer durchgeführt werden kann, dürfen die Schwinger nicht ins Sägemehl, weil sie den Amateurstatus haben. Fühlen Sie sich von den Behörden ungerecht behandelt?

Nein. Man muss klar unterscheiden. Schwingen ist ein Spitzen- und Breitensport, die von Ihnen angesprochenen Sportarten haben Profisportstatus. Davon distanzieren wir uns.

Weshalb?

Weil wir keine Zweiklassengesellschaft im Schwingen haben wollen. Es macht für uns keinen Sinn, wenn die 200 besten Schwinger kämpfen können, während die anderen 2800 nicht schwingen dürfen. Das bringt uns nicht weiter. In Mannschaftssportarten wie dem angesprochenen Ringen mit den 200 stärksten Athleten oder im Fussball mit der Super und der Challenge League können Meisterschaften durchgeführt werden. Im Schwingsport gibt es im Jahr 180 bis 190 Feste – die können nicht nur mit 200 Profischwingern besetzt werden.

Trotzdem wurden Sie im November im «Blick» mit den Worten zitiert: «Wenn sich die Krise bis im Januar nicht entschärft, werden wir beim ESV vielleicht sogar über einen Profistatus reden müssen.»

Diese Worte wurden mir in den Mund gelegt. Ich habe mich klar vom Profistatus distanziert und halte am Begriff Spitzensport fest. Aber es ist schon so: In diesem Jahr sollen mit dem Eidgenössischen Jungschwingertag, dem Jubiläumsschwinget im Appenzell und dem Kilchberg-Schwinget gleich drei Grossanlässe stattfinden. Sollten Kampfsportarten bis im Mai oder Juni weiterhin verboten bleiben, dann müssen wir uns Gedanken darüber machen, ob wir für diese drei Grossanlässe gleichwohl Selektionen durchführen, damit im September die Besten der Besten gegeneinander antreten können. Stand heute ist das aber noch kein Thema. Entweder können alle schwingen oder aber niemand.

Sie plädieren also für Selektionen statt Profis?

Wir müssen wegkommen von diesem Profistatus. Rein theoretisch könnten wir aber nach Leistung selektionieren. Etwa den Schwingerkönig, alle Eidgenossen sowie die Teilverbands-, Kantons- und Bergkranzfestsieger. Und im Nachwuchsbereich könnte man wie etwa im Fussball ebenfalls Kader wie eine U16 oder U18 dem Spitzensport angliedern. Aber wie gesagt, dass ist heute noch nicht aktuell.

Sie stehen sicherlich mit dem Baspo (Bundesamt für Sport), Swiss Olympic und anderen Behörden in Kontakt – haben Sie Signale bekommen, dass die Schwinger dennoch in Bälde zusammen ins Sägemehl steigen können?

Ich hatte erst noch am Dienstag Kontakt mit Swiss Olympic. Bis Ende März werden Kampfsportarten kaum erlaubt. Ich hoffe, dass es bis dahin gelingt, mit der Impfung die Pandemie einzudämmen, damit im Mai, Juni, Juli, August wieder geschwungen werden kann.

Der Schwingsport wurde besonders hart von der Pandemie getroffen: Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten fiel die komplette letzte Saison ins Wasser. Was würde es bedeuten, wenn 2021 nochmals das Gleiche passieren würde?

Das wäre eine absolute Katastrophe für den Schwingsport, gerade im Nachwuchsbereich, wo in der Phase vom Übergang zu den Aktiven ohnehin schon viele Junge aus verschiedenen Gründen verloren gehen. Ein weiteres Jahr ohne Wettkämpfe wäre deshalb katastrophal. Darum hat der ESV im September entschieden, dass wir 2021 – falls es die Lage erlaubt – wieder schwingen, auch wenn es Geisterfeste sein sollten.

Gehen wir davon aus, dass geschwungen werden kann. Welche Auswirkungen wird das verlorene letzte Jahr aus sportlicher Sicht haben?

Da gibt es zwei Seiten. Positiv ist, dass einige Schwinger ihre Blessuren auskurieren und einen sauberen Aufbau vollziehen konnten. Die sind nun top austrainiert und erholt. Das ist sicher positiv. Dann gibt es aber bestimmt auch die Schwinger, die während Corona zu wenig gemacht haben. In beiden Fällen bin ich gespannt, wie es herauskommt.