Schwingen 20.06.2020

Schwung holen für nächstes Jahr

Zumindest was die Wettkämpfe betrifft, bleiben die Zwilchhosen in diesem Jahr an den Haken hängen.
Ohne Corona hätte morgen der Schwarzsee-Schwinget stattgefunden. Das Virus machte nicht nur dem Freiburger Bergkranzfest einen Strich durch die Rechnung, sondern wohl der ganzen Saison der Schwinger.

Kaum eine Sportart traf die Coronavirus-Krise so hart wie das Schwingen. Gerade als die Saison langsam in die Gänge kommen sollte, breitete sich das Virus flächendeckend aus. Bis Ende August fielen sämtliche Feste der Pandemie zum Opfer. Möglich, dass im Herbst doch noch das eine oder andere kleine Fest durchgeführt werden kann, trotzdem ist das Schwingjahr 2020 gelaufen – ohne nennenswerten Wettkampf für die Akteure im Sägemehl.

«Es ging darum, unsere Helfer und unsere Zuschauer, die ein durch­mischtes Publikum sind, zu schützen.»

Erich Mauron

OK-Präsident Schwarzsee-Schwinget

Bereits Mitte April hatten die Verantwortlichen des Bergkranzfests in Schwarzsee – eines der ersten grösseren Feste im Jahreskalender – ihren ursprünglich für morgen Sonntag angesetzten Anlass abgesagt. «Zu dem Zeitpunkt waren in Deutschland bereits Grossanlässe bis Ende August verboten. Ich dachte mir, dass das vermutlich bei uns auch der Fall sein wird», sagt OK-Präsident Erich Mauron. «Es ging darum, unsere Helfer und unsere Zuschauer, die ein durchmischtes Publikum sind, zu schützen.» Finanziell sei die Absage für die beiden organisierenden Vereine Sense und Freiburg verkraftbar, erklärt Mauron. «Wir hatten zwar schon kleinere Auslagen, aber die waren erträglich. Alle sechs Bergfeste weisen gesunde Finanzen auf.» Einen grösseren Verlust habe die Absage für die Region Schwarzsee bedeutet, die etwa auf Übernachtungen verzichten muss. «Aber die Gesundheit steht vor dem Sport», sagt Mauron, «auch wenn der wahrscheinliche Ausfall der gesamten Saison für den Schwingsport natürlich nicht wirklich förderlich ist.»

Neuen Aufbau gestartet

«Hätten Sie mir nicht gesagt, dass am Sonntag der Schwarzsee-Schwinget stattgefunden hätte, hätte ich nicht daran gedacht», reagiert Michel Dousse schmunzelnd auf die Frage, ob ihm diese Tage das heimische Bergkranzfest durch den Kopf gegangen sei. «Zu Beginn des Lockdowns habe ich mich noch damit beschäftigt, welches Fest nun angestanden wäre. Dann habe ich aber alle Termine aus meinem Kalender gelöscht.»

«Für jeden muss es das Ziel sein, nächstes Jahr – ähnlich wie nach einer Verletzung – noch stärker zurückzukommen.»

Michel Dousse

Schwinger

Der Sieger des Walliser Kantonalfests 2017 und total 12-fache Kranzgewinner hat sich ziemlich rasch mit der Tatsache, dass in diesem Jahr keine Feste stattfinden werden, abgefunden. «Zunächst hat es mich zwar gefuchst, schliesslich haben wir seit Ende September daraufhin trainiert, dass es im Frühling losgeht. Zuerst habe ich dann versucht, mich zu Hause so fit wie möglich zu halten. Sobald aber klar war, dass bis mindestens 31. August keine Feste stattfinden können, habe ich reagiert.»

Für den Sportwissenschafter hiess das, nicht mehr seine Wettkampfform zu halten, sondern stattdessen den Fokus bereits auf die Saison 2021 zu legen und einen neuen Aufbau zu beginnen. «Im Kraftbereich geht es zunächst jeweils um Muskelaufbau und Masse, die während der Saison wieder ein wenig verloren geht, weil für den Wettkampf die Maximal- und Schnellkraft im Zentrum stehen. Ich habe diesen Zyklus wieder von vorne begonnen.» Ähnlich verhalte es sich bei der Ausdauer. Statt der Spritzigkeit und der Explosivität stünden nun wieder längere Intervalle auf dem Programm.

Immerhin wieder im Sägemehl

Auch wenn es höchst bedauerlich sei, dass in dieser Saison wohl keine Feste stattfinden werden – dafür werde letztlich ja trainiert –, will der Oberschroter nicht von einem verlorenen Jahr sprechen. «Für jeden Schwinger muss es das Ziel sein, nächstes Jahr – ähnlich wie nach einer längeren Verletzung – noch stärker zurückzukommen.» Dafür habe man jetzt so viel Zeit wie wohl nicht noch einmal. «Diesen Vorteil gilt es zu nutzen.»

«Dass wir in diesem Jahr so gut wie keine Feste haben, ist vor allem der Anwerbung von Nachwuchs nicht zuträglich.»

Christian Schmutz

Technischer Leiter

Kraft und Ausdauer sind das eine, das Schwingen jedoch das andere. Insofern war es für die Schwinger wichtig, dass sie in der vergangenen Woche nach den Lockerungen der Corona-Massnahmen wieder in den Schwingkeller zurückkehren konnten und in gleichbleibenden Gruppen die Zwilchhosen wieder anziehen können. «Zurzeit schwingen wir noch einmal in der Woche, um uns langsam wieder daran zu gewöhnen. Es wäre nicht sinnvoll, gleich voll loszulegen, zumal die nächsten Wettkämpfe noch weit entfernt sind», erklärt der 27-jährige Dousse. In erster Linie gehe es um die Freude am Schwingen. «Sonst würden wir den Sport ja nicht betreiben.» Gleichwohl werde schon an den Schwungtechniken gefeilt, so Dousse. Auch diesbezüglich gelte es die für einmal üppig vorhandene Zeit zu nutzen.

Drei Grossanlässe 2021

«Die Schwinger waren alle heiss auf das Sägemehl», nahm auch Christian Schmutz, der Technische Leiter der Südwestschweizer, die kürzliche Rückkehr seiner Athleten in die Schwingkeller mit Freude zur Kenntnis. «Dafür lieben wir diesen Sport.» Ob im Sommer die beiden noch geplanten Zusammenzüge der Westschweizer durchgeführt werden, müsse noch besprochen werden. «Eigentlich gibt es diese Zusammenzüge, damit sich die Besten messen können. Dafür braucht es aber eine Durchmischung.» Das allerdings wäre entgegen der Vorgabe der gleichbleibenden Trainingsgruppen. Sollten die Zusammenzüge nicht stattfinden, wäre das für Schmutz kein Beinbruch. «Nach drei Monaten, während denen quasi nichts gemacht werden konnte, können die Grundlagen auch in den Clubs trainiert werden.»

Viel wichtiger für den Technischen Leiter wäre, dass im Herbst noch ein paar kleinere, regionale Feste durchgeführt werden könnten. Nicht für die Spitzenschwinger, die nahezu professionell trainieren und die einen sauberen Aufbau für das nächste Jahr vorziehen, sondern für die Breite und insbesondere die Jungschwinger. «Dass wir in diesem Jahr so gut wie keine Feste haben, ist vor allem der Anwerbung von Nachwuchs nicht zuträglich.»

Noch ist also das Schwingerjahr 2020 nicht ganz abgehakt, trotzdem geht der Blick von Schmutz schon voraus. Weil der für den 30. August angesetzte Jubiläumsschwinget 125 Jahre Eidgenössischer Schwingerverband wegen der Pandemie ebenfalls um ein Jahr verschoben wurde, finden 2021 innert Kürze gleich drei Anlässe mit eidgenössischem Charakter statt: das Jubiläumsfest am 5. September in Appenzell, der nur alle sechs Jahre ausgetragene Kilchberg-Schwinget am 25. September und bereits zuvor am 29. August der Eidgenössische Jungschwingertag in Schwarzenburg. Das sind drei gute Gründe für die Schwinger, um tatsächlich stärker denn je aus der Corona-Krise hervorzugehen.