Schiessen 20.05.2020

Die Elite im Visier

Mit ruhiger Hand und innerer Gelassenheit: Jessica Waeber trainiert im Schiesskeller in Tafers.
Jessica Waeber ist eine der hoffnungsvollsten Schützinnen der Schweiz. Die Ziele der Plaffeierin sind gross, ihre Opferbereitschaft auch.

Jessica Waeber gehört zu den hoffnungsvollsten Nachwuchsschützinnen der Schweiz. Als eine von fünf Luftpistolenschützinnen gehört die 18-Jährige aus Plaffeien dem nationalen Juniorenkader an. Ende Februar hatte sie als einzige Nachwuchs­pistolenschützin die Schweizer Farben bei der Europameisterschaft in Wroclaw vertreten können. Nicht, dass die junge Senslerin noch eine letzte Bestätigung gebraucht hätte, aber die Erlebnisse an den Titelkämpfen in Polen haben sie vollends in ihrem Bestreben bestätigt, Profisportlerin zu werden. «Die Wettkämpfe in der Jahrhunderthalle in Wroclaw waren extrem faszinierend», erinnert sich Waeber. «Von aussen war die Halle eher unscheinbar, aber drinnen, mit der riesigen Glaskuppel und den Tribünen für 20 000 Zuschauer, das war eindrücklich. Zudem war es sehr interessant, einmal zu sehen, wie sich die Spitzenathleten die Zeit zwischen den Wettkämpfen vertreiben, ohne die Spannung zu verlieren.»

Mit total 560 Punkten gelang Waeber bei ihrer EM-Premiere der Sprung in die Top 20, für die Finalqualifikation fehlten ihr acht Zähler. «Ich war erkältet und anfangs sehr nervös. Danach konnte ich mich aber steigern. Platz 20 bei 70 Teilnehmern war für meine erste EM-Teilnahme ganz gut.»

«Endlich wieder Training»

Damit weitere EM- und auch WM-Teilnahmen folgen, investiert Jessica Waeber viel Zeit in ihren Sport. «Als Mitglied des Juniorennationalkaders bin ich verpflichtet, pro Woche mindestens 15 Stunden für das Schiessen zu investieren.» Dreimal trainiert die Senslerin im Schiesskeller ihres Vereins in Tafers, einmal fährt sie zum regionale Stützpunkt in Biel. «Daneben absolviere ich zu Hause Trockentrainings, bei denen ich technische Elemente einübe, und mache Haltetrainings für den Kraftaufbau.» Während der Saison, die von Oktober bis März dauert, nimmt die Plaffeierin zudem an fast jedem Wochenende an regionalen oder nationalen Wettkämpfen teil.

In den letzten Wochen waren die Trainings im Schiesskeller allerdings nicht möglich. Wie viele Sportarten muss sich auch das Schiessen aufgrund der Corona-Pandemie neu erfinden. «Mir blieb nichts anderes übrig, als zu Hause vermehrt Trockenübungen und Haltetraining zu machen.» Seit dem 11. Mai und den letzten Lockerungen des Bundesrats kann zumindest unter strengen Auflagen der Trainings- und Schiessbetrieb wieder durchgeführt werden. «Es dürfen sich aber maximal fünf Person gleichzeitig im Schiesskeller aufhalten», so Waeber». Weil zwischen den Personen mindestens zwei Meter Abstand sein müssen, kann nur jede zweite Scheibe benutzt werden, und die Betreuung der Schützen kann nur verbal und mit der nötigen Distanz erfolgen. Der direkte Kontakt mit dem Schützen und dem Sportgerät ist Trainern und Betreuern untersagt. «Nach dem Training müssen wir umgehend alle Kontaktflächen wie Ladebänke, Tische und Türklinken desinfizieren. Die vielen Einschränkungen sind mühsam umzusetzen, aber sie sind wichtig, und ich bin froh, überhaupt wieder trainieren zu können.»

Grosser Sprung zur Elite

Dass Jessica Waeber zum Schiessen gefunden hat, hat sie ihrem Paten zu verdanken. «Ich war ein paar Tage bei meinem Getti in den Ferien. Er ging ins Training und fragte mich, ob ich mal mitkommen wollte. Das habe ich getan, und es hat mich sofort gepackt.» Das war 2016. «Die Grundlagen des Schiessens habe ich allerdings bei Kuno Bertschy erlernt.» Mit Bertschy, dem mehrfachen WM-Medaillengewinner, als Trainer hat Waeber ein grosses Plus. Von seiner Routine kann sie profitieren, er hat die Erfahrung, um seinen Schützling richtig zu betreuen.

«An einer EM in den Final vorzustossen und bei einer WM dabei zu sein, das wäre cool.»

Jessica Waeber

Nachwuchsschützin

Von so grossen Erfolgen wie jenen ihres Ziehvaters träumt Waeber (noch) nicht. «An einer EM in den Final vorzustossen und einmal bei einer WM dabei zu sein, das wäre cool.» Zuerst gilt es für die Plaffeierin aber, den Sprung zur Elite zu schaffen. Den muss sie mit 21 Jahren, also in knapp zwei Jahren meistern. «Das wird eine grosse Herausforderung.» Selbst wenn man bei den Junioren zu den Besten gehöre, schaffe man es bei der Elite anfangs kaum in die Top 10. «Da darf man sich nicht entmutigen lassen.»

Ziel Spitzensport-RS

Um den Kategorienwechsel zu schaffen, wird Waeber ab dem Sommer ihren Trainingsumfang erhöhen. 22 Stunden wöchentliches Training schreibt Swiss Shooting seinen Kaderathleten vor, sobald sie die Lehre beendet haben. Waeber absolviert ihre Lehrabschlussprüfungen als Logistikerin in diesen Tagen. «Ich will nach meiner Ausbildung höchstens 90 Prozent arbeiten, damit ich mehr Zeit fürs Schiessen habe und mein Ziel, Profi zu werden, erreichen kann. Der Verband vergibt allerdings nur drei, vier Plätze für Profis, und die Konkurrenz ist gross.» Es sei ihr bewusst, dass es nicht einfach werde, sagt Waeber.

Opferbereitschaft

Sie ist aber gewillt, alles Mögliche zu unternehmen, um sich ihren Traum zu verwirklichen. «Ich habe mich für die Spitzensport-RS im nächsten Sommer beworben», sagt die Luftpistolenschützin. «In Magglingen könnte ich von perfekten Trainingsbedingungen profitieren. Zudem hätte ich 130 Diensttage zur Verfügung, die ich in Wettkämpfe und Trainingslager investieren könnte.»

«Talent macht nur 20, 30 Prozent des Erfolgs aus, der Rest ist harte Arbeit.»

Daniel Burger

Chef Leistungssport

Das Talent von Waeber steht ausser Frage. Die 18-Jährige verfügt über die nötige Gelassenheit und die Fähigkeit, sich zu fokussieren. «Talent macht allerdings nur 20, 30 Prozent des Erfolgs aus, der Rest ist harte Arbeit», sagt Daniel Burger, Chef Leistungssport von Swiss Shooting. Der Weg zum Profi sei aber lang und Jessica stehe erst am Anfang des Wegs. «Den ersten Schritt hat sie erfolgreich gemeistert. Und was noch wichtiger ist: Sie ist bereit, die vielen Opfer, die man auf dem Weg erbringen muss, auf sich zu nehmen.»