St.  Ursen 23.03.2020

Von zu Hause aus im Chor singen

Andres Piller in seinem Zimmer in St. Ursen, wo er das Stück komponiert hat.
Der 19-jährige St. Ursner Schüler Andres Piller hat die Zeit zu Hause genutzt, um ein Stück für einen virtuellen Chor zu komponieren. Jeder, der mitsingen will, kann seine Stimme zu Hause aufnehmen und sie ihm zuschicken.

Andres Piller ist einer von Tausenden Schülerinnen und Schülern, die im Moment wegen der Coronavirus-Pandemie zu Hause sind und Fernunterricht erhalten. Der 19-jährige Collégien aus St. Ursen nutzt die Zeit zu Hause aber noch für ein ganz anderes Projekt. Der passionierte Musiker hat in den letzten Tagen ein Stück für einen Chor komponiert, es heisst «Malgré les murs de nos maisons», zu Deutsch also «Trotz der Wände unserer Häuser». Weil Chorproben momentan aber verboten sind, will er den Chor virtuell zusammensetzen. Das heisst: Jeder, der will, kann sich die Partitur herunterladen, das Stück zu Hause üben, sich beim Singen aufnehmen und die Aufnahme dann Andres Piller schicken. Er wird die Stimmen mit einem Computerprogramm so zusammenfügen, dass ein Chor entsteht.

Keine neue Idee

«Die Idee eines virtuellen Chors ist nicht neu», sagt Andres Piller. Der US-Komponist Eric Whitacre hat bereits vor einigen Jahren virtuelle Chöre aus Internet-Nutzern organisiert und damit weltweit von sich reden gemacht. «Wir haben vor einer Weile im Schulchor ein Stück von ihm gesungen und auch über die virtuellen Chöre gesprochen», sagt Andres Piller. «Damals fand ich die Idee ziemlich blöd, denn für mich macht gerade das Zusammensein die Magie eines Chors aus.» Doch: «In der jetzigen Situation liegt die Idee einfach auf der Hand.»

Andres Piller hat in den vergangenen Tagen bereits einige Stimmaufnahmen bekommen und ganz viele positive Rückmeldungen von Freunden und Bekannten. «Viele Leute, die ich kenne, sind sehr motiviert mitzumachen, ich bin zuversichtlich, dass noch viele Aufnahmen kommen.» Er fügt an: «Wir haben ja noch Zeit.»

Den Text zur Partitur hat Ada Aebi geschrieben, die mit Andres Piller im vergangenen Jahr die Gustav-Akademie besucht hat und wie er das Kollegium Heilig Kreuz besucht. Sie schrieb den Text in drei Sprachen, Deutsch, Französisch und Italienisch. «Zuerst wollten wir das Projekt nur an unserer Schule durchführen», sagt Andres Piller. Ada Aebi habe aber ihren Verwandten in Italien davon erzählt, die ja auch zu Hause sässen. «Und die waren begeistert. Also haben wir gedacht, warum nicht mutig sein und den virtuellen Chor für alle öffnen.» Er freue sich sehr, dass sich auch Leute aus Rom für sein Stück interessierten. «Der virtuelle Chor überbrückt nicht nur die soziale Distanz, sondern auch die geografische. Das ist schon sehr speziell.»

Seit Jahren Klavierunterricht

Das Stück «Malgré les murs de nos maisons» ist nicht die erste Komposition von Andres Piller. Er spielt seit mehr als zehn Jahren Klavier und nimmt Unterricht am Konservatorium in Freiburg. Er möge die klassische Musik sehr, habe aber vor etwa vier Jahren ein Motivationsloch gehabt. «Da habe ich angefangen, einfach selbst zu spielen, zu improvisieren.» Sein Klavierlehrer Pierre Schmidhäusler habe ihn ermutigt und ihm geholfen, seine Kreationen aufzuschreiben. Auch sein Musiklehrer am Kollegium, Jérôme Kuhn, habe ihn sehr inspiriert. Dieser ist auch Dirigent des Prager Symphonischen Ensembles. Das Orchester und Schulchöre traten am Neujahrskonzert in Düdingen auf, Andres Piller sang im Chor des Heilig Kreuz mit. «Das Konzert hat mir sehr imponiert.»

Andres Piller möchte nach der Schule ein Studium in Richtung Komposition und Film beginnen. «Ich kann mir momentan nicht vorstellen, später etwas anderes als Musik zu machen», sagt er.

Ende nicht absehbar

Bis dahin übt er sich im Zusammenstellen des virtuellen Chors. In den letzten Tagen hat er nicht nur das Stück komponiert und die Partitur geschrieben, sondern auch die verschiedenen Stimmlagen, Sopran, Alt, Tenor oder Bass, mit dem Klavier und einem Computerprogramm eingespielt und auf seine Website gestellt. «So ist es einfacher mitzusingen, als wenn man nur eine schriftliche Partitur hat», erklärt er. «Wann genau ich das Ganze auflösen und alle Stimmen zum finalen Stück zusammenfügen werde, weiss ich noch nicht.»

Er hoffe, dass sein Projekt das Bedürfnis, zusammen zu musizieren, ein Stück weit befriedige – auch wenn im Endeffekt im virtuellen Chor ja jeder allein singe. «Es ist die Symbolik, die zählt.» Die momentane Isolation sei auch für ihn schwierig. «Die sozialen Kontakte zu meinen Freunden fehlen mir sehr. Über das Telefon ist es einfach nicht das Gleiche.» Aber Andres Piller fügt an: «Wir müssen die Situation nehmen, wie sie ist, und das Beste daraus machen. Etwas anderes bleibt uns ja gar nicht übrig.»

Alle Infos zum virtuellen Chor: www.andrespiller.com