St. Silvester 24.11.2020

«Ich will mich nicht mehr verstecken»

Doris Filipelli lebt seit vielen Jahren mit einer psychischen Erkrankung.
Doris Filipelli gründet eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Damit will sie als Betroffene anderen in der gleichen Lage helfen und zugleich dazu beitragen, dass die Gesellschaft diese Krankheiten besser akzeptiert.

Doris Filipelli leidet seit ihrer Jugend an einer psychischen Krankheit. Lange blieb diese unentdeckt und unbehandelt. «Ich war halt einfach ein komisches Kind», sagt die heute 50-Jährige im Rückblick. Erst viel später, nach Aufenthalten in Psychiatrien und zwei Suizidversuchen, habe sie die Diagnose «bipolare affektive Störung» erhalten. Diese Krankheit führt zu starken Gefühlsschwankungen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, wobei bei ihr die depressiven Phasen überwiegen.

Doris Filipelli hat nach der Diagnose psychiatrische Hilfe erhalten; durch Medikamente kann sie die Schwankungen ausgleichen und hat die Krankheit heute einigermassen im Griff.

Ein Tabuthema

Die lange Zeit der Ungewissheit habe sie geprägt, erzählt sie im Gespräch mit den FN. Selbst als klar gewesen sei, woran sie litt, habe sie nicht immer offen darüber sprechen können. «Wer an einer psychischen Krankheit leidet, ist gestempelt», sagt die Senslerin. Es sei ein Tabu, darüber zu sprechen, und viele Menschen hätten Berührungsängste gegenüber dem Thema.

«Andere Krankheiten wie Diabetes oder Rheuma sind von der Gesellschaft akzeptiert, eine kranke Psyche aber nicht», sagt die 50-Jährige. «Das führt dazu, dass wir Betroffenen Notlügen verwenden und uns verstellen. So ein Leben ist einfach fürchterlich. Auf diese Weise bekommt man das Gefühl, nicht normal zu sein.»

Auch sie habe das jahrelang mitgemacht, wolle aber jetzt damit aufhören. Deshalb macht sie den Schritt in die Öffentlichkeit und gründet eine Selbsthilfegruppe für Betroffene (siehe auch Kasten). «Ich will mich nicht mehr verstecken. Ich stehe zu meiner Krankheit und schäme mich nicht dafür», sagt die Mutter von drei Kindern. Sie wolle damit auch zeigen, dass die Krankheit jeden treffen könne.

Frei reden

Sie habe selbst lange nach einer Selbsthilfegruppe für Deutschsprachige gesucht und nichts Passendes gefunden, erzählt sie. Sie wolle keine Gesprächstherapie unter der Leitung einer Fachperson. «Die Betroffenen sollen unter sich sein und frei reden können.» Mit der Gründung der Selbsthilfegruppe will sie anderen Betroffenen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind. «Man muss darüber sprechen, sonst geht man kaputt», sagt sie.

Auch wenn die Unterstützung durch Familie und Therapeuten gut und wichtig sei – «mit jemandem zu sprechen, der am Gleichen leidet, der nachvollziehen kann, was man durchmacht, ist viel einfacher und hilfreicher». Sie könne sich vorstellen, dass man in der Gruppe Erfahrungen austausche, über Ängste und Gefühle spreche und sich über Strategien austausche, wie andere mit der Krankheit umgehen.

Rückzug ist ein Reflex

Doris Filipelli ist überzeugt, dass es viele psychisch Kranke gibt, die noch keine klare Diagnose haben und mit der Krankheit leben – in allen Altersklassen. Die Dunkelziffer sei wohl sehr hoch. «Vielleicht werden durch mein Beispiel Eltern hellhörig und schauen genauer hin, wenn sie auch ein komisches Kind haben.» Sie hätte sich gewünscht, dass dies bei ihr der Fall gewesen wäre.

Für sie selbst ist die Selbsthilfegruppe auch Therapie. «Ich will Lösungen suchen, mit der Krankheit klarzukommen, damit ich nicht mehr in ein so tiefes Loch falle, das in Richtung Suizid geht.» Ihr sei aber bewusst, dass sich möglicherweise nur wenige oder niemand auf ihren Aufruf melde. «Ich weiss ja selber, wie es ist: Wenn man betroffen ist, zieht man sich lieber zurück und bleibt für sich.» Das sei eine Art natürlicher Reflex. Sie hoffe aber, dass ihre Offenheit andere ermutige, ebenfalls einen Schritt nach vorn zu machen.

Vorschau

Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke

Das erste Treffen der von Doris Filipelli initiierten Selbsthilfegruppe für Menschen mit einer psychischen Erkrankung findet am 1. Dezember statt. Dann ist vorgesehen, dass sich die Gruppe jeweils am ersten Dienstag im Monat trifft, und zwar in den Räumlichkeiten der Singschule Sense (im Untergeschoss des Restaurants Rotes Kreuz) in Giffers. Die Gesprächsrunden sollen jeweils von 19 bis circa 21 Uhr dauern.

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Weitere Infos und Anmeldung: Doris Filipelli, 079 250 02 34.