Brünisried 22.05.2020

Drohnen retten Rehkitze vor einem sicheren und grausamen Tod

Heinz Huser sucht das Feld systematisch mit seiner Drohne ab.
Bei der Heuernte kommen jedes Jahr viele Rehkitze zu Tode. Doch immer mehr Landwirte holen sich Hilfe und lassen ihre Felder vor dem Maschineneinsatz kontrollieren. So kommen etwa Drohnen zum Einsatz, um rasch einen guten Überblick zu erhalten.

Am frühen Morgen auf einer Wiese in der Nähe der Buchenkapelle in Brünisried. Ausser dem Zwitschern von ein paar Vögeln ist es sehr ruhig. Doch dann kommt ein neues Geräusch dazu: das Surren einer Drohne, die sich erhebt und das Feld, das in leichter Hanglage liegt, überfliegt. Am Rande der Wiese steht Heinz Huser, der das Fluggerät über eine Fernbedienung mit Bildschirm steuert. Er schaut aufmerksam auf die Wärmesignaturen, die dort angezeigt werden.

«Wenn das Wetter stimmt, wollen die Landwirte das Gras mähen, dann muss es schnell gehen.»

Willy Buchs

Hege-Obmann Diana Sense-Oberland

Der Drohnenpilot aus dem Seebezirk ist nicht zum Spass um sechs Uhr früh unterwegs im Sensebezirk. Es geht um Leben und Tod. Seine Aufgabe ist es, zu kontrollieren, ob sich im Feld ein Rehkitz befindet. Denn diese Wiese soll noch am gleichen Morgen gemäht werden. Gegen die scharfen Messer der Mähmaschine hätte ein wenige Tage oder Wochen altes Reh keine Chance. Statt wegzurennen, duckt es sich und ist so noch weniger gut zu sehen.

Einiges ist möglich

Das Thema Rehkitzrettung ist in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt. «Immer mehr Landwirte sind sensibilisiert für das Problem. Es wäre schön, wenn einst alle den Reflex haben, uns anzurufen», sagt Willy Buchs, seit 26 Jahren Hege-Obmann des Jagdvereins Diana Sense-Oberland. In den letzten Tagen waren deshalb er und seine Kolleginnen und Kollegen sehr oft im Einsatz und mussten viel Flexibilität zeigen (siehe Kasten). «Wenn das Wetter stimmt, wollen die Landwirte das Gras mähen, dann muss es schnell gehen», sagt er.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie das Jungwild gerettet werden kann. Manchmal helfe es schon, wenn der Landwirt vor dem Mähen eine Stange mit flatternden Tüchern montiere, Baustellen-Warnblinker oder Absperrband anbringe oder am Vorabend ein Stück der Wiese anmähe.

Um sicher zu sein, dass nicht trotzdem eine Rehgeiss ihr Junges im hohen Gras versteckt hat, haben die Helfer des Jagdvereins früher die Felder systematisch durchschritten und so jeden Quadratmeter kontrolliert. Je nach Grösse des Feldes eine recht aufwendige Methode. Seit der guten Erfahrung im letzten Jahr ist Willy Buchs von der Drohnen-Methode überzeugt. «Ein Feld, für das wir drei Stunden brauchen, kontrolliert die Drohne in einer halbe Stunde.»

Jeder Wärmefleck sichtbar

Heute hilft ihnen die moderne Technik. «Die Wärmebildkamera an der Drohne zeichnet alles auf, was Wärme abstrahlt», erklärt Heinz Huser. Weil der Boden morgens noch nicht von der Sonne erwärmt ist, finden die Flüge zu dieser frühen Stunde statt. Die Messgeräte sind sehr genau, jeder Wärmefleck wird angezeigt. «Einmal hat es mir eine Stelle angezeigt, von der ich sicher wahr, dass dort ein Rehkitz liegt.» Es stellte sich als Irrtum heraus, die Wärmesignatur war nur ein frischer Kuhfladen.

Der Drohnenpilot braucht nur knapp 20 Minuten für das rund eine halbe Hektare grosse Feld. Er manövriert das Gerät auf Sicht, weil das Gelände uneben ist und weil er sein Gerät nicht durch die nahen Bäume und die Telefonleitung, die mitten hindurchgeht, gefährden will. Der Natur- und Umweltfachmann übernimmt die Rehkitz-Einsätze in seiner Freizeit, weil es ihm ein Anliegen ist zu helfen. Er bekommt vom Jagdverein eine kleine Entschädigung für den Aufwand.

Vegetation ist schneller

An diesem Tag rettet er zwar kein Leben. Obwohl ein Grossteil der Wiesen jetzt bereits gemäht ist, hat seine Drohne dieses Jahr noch kein einziges Rehkitz aufgespürt. Die Erklärung dafür ist einfach: Die Natur hat dieses Jahr einen ganz anderen Rhythmus als sonst. «Ich habe noch nie so früh mit der Heuernte begonnen», sagt Landwirt Max Neuhaus, dem dieses Stück Land gehört. Noch vor zwei Wochen sei es kalt und nass gewesen. Seither habe die Natur aufgeholt und die Vegetation sei in Rekordzeit gewachsen. «Doch die Rehe sind noch nicht so weit», sagt Willy Buchs. Sie werfen ihren Nachwuchs später.

Traumatisches Erlebnis

Max Neuhaus wollte die Wiese am Vortag mähen und sah zwei Rehgeissen davonrennen. Deshalb hat er die Jäger für eine Kontrolle avisiert. Er habe es einmal erlebt, dass seine Mähmaschine ein Rehkitz erwischt habe. «Das war sehr grausam. Das will ich lieber nie wieder erleben.» Nach der Kontrolle durch die Drohne ist er beruhigt. Kaum sind die Helfer des Jagdvereins weg, fängt er an zu mähen.

Zahlen und Fakten

Ein intensiver Einsatz

Die Jagdstatistik vermeldet in der Schweiz jährlich rund 1700 Rehkitze, die durch Mähmaschinen ums Leben kommen. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen. Dieses Jahr dürfte die Zahl der verschonten Tiere zumindest im Sense-Oberland höher sein. Nur gerade vier Kitze fanden die Helfer, die Willy Buchs vom Jagdverein Diana Sense-Oberland koordiniert, in den Feldern, weil sich der Zeitraum des Mähens nicht mit jenem deckt, in dem die Geissen setzen. Wie Willy Buchs ausführt, war seine Gruppe allein letztes Wochenende bei rund einem Dutzend Landwirten, hat mehrere Felder durchsucht und war stundenlang im Einsatz. Gefreut hat ihn vor allem, dass zweimal auch Familien dabei waren, die eifrig die Wiesen abgesucht haben. Letztes Jahr fand die Kitzrettungsgruppe mehr als ein Dutzend Rehkitze.

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