Freiburg 23.11.2020

Die Nachfolge frühzeitig regeln

Zwei Plattformen bringen Firmenchefs, die einen Nachfolger für ihr Unternehmen suchen, mit interessierten Käufern zusammen.

Vor dem gleichen Problem, mit dem sich Reto Lauper mit seiner Metallbaufirma in Plaffeien auseinandersetzen musste (siehe Text oben), stehen auch viele andere Firmeninhaber. Sie besitzen eine gut laufende Firma, in die sie viel Zeit und Energie gesteckt haben und die sie gerne in gute Hände übergeben würden. Früher gab es mehr Familienunternehmen, und die Firma ging oft fast automatisch vom Vater auf den Sohn über. Das ist heute immer weniger der Fall. Wenn es also familienintern keine Lösung gibt, ist der nächste Schritt, abzuklären, ob es innerhalb des Teams jemanden gibt, der die Firma übernehmen möchte. Und erst wenn dies nicht der Fall ist, wird die Suche extern auf einen immer grösseren Umkreis ausgedehnt.

Oft nicht offen kommuniziert

«Die Suche ist nicht einfach», sagt Reto Julmy, Direktor des Freiburger Arbeitgeberverbandes. Der «Markt» sei nicht sehr transparent. Es gebe Unternehmen, die Firmeninhaber gerne verkaufen würden. Doch dieser Umstand werde oft nicht offen kommuniziert. «Dafür gibt es verschiedene Gründe. Man will vielleicht die Kundschaft mit dieser Information nicht erschrecken oder riskieren, dass Spekulationen aufkommen.» Also suchen die Patrons im Stillen nach einer Lösung.

«Auf der anderen Seite gibt es Interessenten, die sich selbstständig machen und eine Firma übernehmen wollen, aber nichts finden», wie Reto Julmy weiter erklärt.

Zwei Plattformen

Eine Lösung für dieses Dilemma bieten mehrere Plattformen in der Schweiz. In der Deutschschweiz bringt der unabhängige Verein KMU Next suchende Firmeninhaber mit potenziellen Firmenübernehmern zusammen. Es ist eine Art Börse, in der sich beide Parteien austauschen können. Auf ähnliche Art funktioniert der vor allem in der Westschweiz tätige Verband Relève PME. «Die Unterstützung ist sowohl auf die Anforderungen der Unternehmensverkäufer als auch auf jene der Käufer ausgerichtet», erklärt Reto Julmy. Der Freiburger ist Mitgründer des Verbands, der von der Vereinigung Westschweizer Unternehmen getragen wird. Die beiden Plattformen organisieren Informationsveranstaltungen und weiterführende Ateliers für kleine und mittlere Unternehmen. «Sie haben letztlich zum Ziel, Verkäufer und Käufer zusammenzubringen und so eine Nachfolgeregelung zu ermöglichen.»

Denn das sollte das angestrebte Ziel sein: die Übergabe zu regeln, bevor kein anderer Ausweg als die Schliessung mehr bleibt. «Ich lege allen Firmeninhabern ans Herz, sich frühzeitig mit diesem Thema auseinanderzusetzen und sich dabei begleiten zu lassen», sagt Reto Julmy. «Es braucht viel mehr Zeit, als man auf den ersten Blick denkt.»

www.relevepme.chwww.kmunext.ch

Studie Nachfolgeregelung

Kleinere Firmen sind stärker betroffen

Misslingt eine Firmenübergabe, bleibt nur die Liquidation des Unternehmens. In einer Studie des Datenanalyse-Spezialisten Bisnode wird die volkswirtschaftliche Bedeutung des Themas Nachfolgeregelung unterstrichen: «Bei einer gescheiterten Nachfolge gehen sowohl unternehmerisches Knowhow als auch wertvolle Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verloren.»

Die Studie besagt, dass in der Schweiz im Februar 2020 rund 75 000 Firmen vor der Situation stehen, die Nachfolge regeln zu müssen. Am meisten betroffen sind Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden sowie Kleinunternehmen mit bis zu 50 Angestellten. Grössere Betriebe haben deutlich seltener Nachfolgeprobleme. In der Studie wird dies damit begründet, dass diese oftmals längerfristige Pläne verfolgen.

Einzelfirmen haben grössere Nachfolgeprobleme als etwa Aktiengesellschaften. Am besten stehen Firmen da, die als GmbH funktionieren. Bisnode hat auch die offene Nachfolge nach Regionen analysiert: Demnach haben in der Nordwestschweiz rund 15,3 Prozent der Unternehmen keine Firmenchef-Lösung. Im Espace Mittelland sind es 14,8, in der Genfersee-Region 11,1 Prozent, im Tessin 10,6 und in der Zentralschweiz 12 Prozent.

Was die Branchen betrifft, kommt die Studie zum Ergebnis, dass das Druck- und Verlagsgewerbe am stärksten betroffen ist (knapp 20 Prozent), gefolgt von Architekten, Einzelhandel, Reparaturdiensten und Autogewerbe. Währenddessen haben Firmen, die beispielsweise in den Bereichen Gesundheitsdienste, Informatikdienstleistungen oder Telekommunikation tätig sind, weniger Probleme.

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«Es braucht viel mehr Zeit, als man auf den ersten Blick denkt.»

Reto Julmy

Direktor des Freiburger Arbeitgeberverbands