Murten 13.05.2020

«Menschliche Wärme kostet nichts»

Véronique Muller ist nach Jahren im Ausland wieder in ihrer Heimatstadt Murten zu Hause.
Véronique Muller ist ständig im Austausch und beobachtet Menschen. Das Erlebte setzt sie in ihren Liedern um. Die Krise ist für sie eine Chance, die leisen Werte wiederzuentdecken.

Die Liedermacherin Véronique Muller aus Murten strotzt vor Energie und ist guten Mutes: «Die Krise ist auch eine grosse Chance. Die Ruhe, die sich eingestellt hat, ist ein Geschenk. Wir können uns selber und einander neu entdecken, Beziehungen mehr Beachtung und Wertschätzung entgegenbringen – besonders jetzt zeigt sich, was das Leben ausmacht.»

Am Eurovision Song Contest

Véronique Muller vertrat die Schweiz 1972 am Eurovision Song Contest mit dem Titel «C’est la chanson de mon amour». Bei ihren Auftritten zeigt sie sich als fröhlicher, positiver Mensch. So auch im Gespräch: «Ich rede viel mit vielen Leuten, die ganze Zeit», sagt sie und lacht. Auch in der aktuellen Krisenzeit sei sie «voll im Austausch». Die Diversität der Menschen spiele eine grosse Rolle, gerade jetzt: «Wir geben einander, hören einander zu und können daraus Neues entwickeln.» Corona sei ein Katalysator dafür, welch ein Potenzial ein Mensch habe, wer ein Mensch sein könne. «Es zeigt sich jetzt, wie viele Ressourcen jemand hat.» Das Virus habe dafür gesorgt, dass die Menschen wieder lokal denken und sich überlegen würden, was schützenswert sei: «Es sind nun die leisen Werte, die den Raum füllen, das wäre sonst nicht entstanden. Wir haben die Gelegenheit, uns neu zu erfinden», sagt die 72-Jährige. «Wir hatten im Stress kaum Zeit dafür, jetzt haben wir sie.» Es gelte, auf einander Rücksicht zu nehmen «und unsere Eigenheiten ergänzenderweise aufzunehmen, um die Zukunft gemeinsam gestalten zu können». Sie sei tatsächlich ein positiver Mensch, sagt Véronique Muller, «aber ohne Tiefgang bringt es nichts».

Wann die Künstlerin wieder vor Publikum auftreten kann, ist ungewiss. Geplant waren Auftritte mit dem Berner Schriftsteller François Loeb: «Er liest und ich singe.» Diese Abende im Kanton Freiburg werden nun verschoben. Die Herausforderungen dieser Zeit seien toll: «Ich habe keine Angst vor Ungewissheit, das ist fantastisch.» Zu wissen, «dass wir nicht wissen, was kommen wird, was den Humus nähren wird, das macht mich glücklich». Für sie können sich in der Ruhe positive Werte bilden, «wir können optimieren und das Aufbauende wahren». Wenn die Menschen auf sich zurückgeworfen werden, entstehe gerade in Familien wieder mehr Zusammenhalt: «Menschliche Wärme kostet nichts.»

Sie beobachtet gern

Véronique Muller sitzt zufrieden auf einer Bank im Murtner Stedtli, legt grosszügig den Arm über die Lehne und sagt: «Ich finde es im Gegensatz zum Stress sehr spannend, nichts tun zu müssen und zu sehen, was daraus entsteht.» Das bringt sie mit dem Song «Hang out» zum Ausdruck, den sie kürzlich selber zu Hause in ihrer Altstadtwohnung aufgenommen hat.

«Ich mache Musik, weil sie die Menschen bewegt, so wie sie auch mich selber berührt.» Sie beobachte die Leute gern und ständig; im Anschluss setzt die Musikerin ihre Erlebnisse und Beobachtungen ruhig und zurückgezogen in ihren Liedern um. Es gehe da­rum, «den Menschen in seinen persönlichen Ressourcen zu stützen, und es geht um Vertrauen. Es gibt diese und die anderen Herausforderungen der Existenzen.» Steht am Anfang der Rückschlag, folgten darauf die Reflexion, dann die Ruhe und zu guter Letzt das Lächeln: «Le recul, la réflection, le calme, le sourire», sagt die Künstlerin, die Songs in Französisch, Englisch, Deutsch und Mundart aufgenommen hat.

Das kommt nicht von ungefähr, sie reiste um die halbe Welt und lebte in Paris, London und München. Heute ist sie wieder in ihrer Heimatstadt Murten zu Hause: «Das lebendige Murten ist eine Spielwiese von Sprachen.» Mit dem Lockdown sei gut zu erkennen, «dass Murten von den Auswärtigen lebt, die zu uns zu Besuch kommen und sich freuen über die herzlich aufbauenden Kräfte in unserer Region». Das gelte es zu bewahren.

FN-Serie

Eine Stafette mit Porträts

In einer losen Serie stellen die «Freiburger Nachrichten» verschiedenste Menschen aus ihrem Einzugsgebiet vor. Die Artikelserie funktioniert wie eine Stafette: Es ist der jeweils Porträtierte, der das nach­folgende Porträt bestimmt. Das nächste Mal bei der Porträtstafette: die Architektin Carmen Reolon.

emu