Freiburg 16.05.2020

«Es verzögert sich leider alles»

Ein Jugendlicher an einem Schnuppertag bei den Industriellen Betrieben Murten.
Für einige Lehrlinge ist es doppelt schwierig: Sie sind in ihrem Lehrbetrieb von Kurzarbeit betroffen und erhalten zudem Fernunterricht. An den Berufsschulen werden derzeit nur wenige Auszubildende in kleinen Gruppen unterrichtet.

Mit der Corona-Krise sind erstmals auch Auszubildende von Kurzarbeit betroffen. Der angehende Koch, die künftige Coiffeuse blieben während Wochen zu Hause oder tun dies noch immer. Wie viele Jugendliche im Kanton Freiburg davon betroffen sind, ist jedoch nicht bekannt: «Das Amt für den Arbeitsmarkt hat dazu keine Zahlen. Beim vereinfachten Verfahren schicken die Unternehmen keine Liste der Mitarbeitenden», erklärt Christophe Nydegger vom Amt für Berufsbildung (BBA) den FN. Die Einführung der Kurzarbeit sei aber eine gute Sache, «da sie Abbrüche von Lehrverträgen verhindert».

Ob auf längere Sicht dennoch Lehrstellen verloren gehen werden, bleibt offen: «Wir wissen, dass einige Betriebe die Berufsausbildung ausgesetzt haben, aber immer noch beabsichtigen, Lernende einzustellen», sagte Nydegger. «Es ist jedoch offensichtlich, dass Unternehmen, die in Konkurs gehen, keine Lehrstellen mehr anbieten werden.» Zurzeit sei ein Rückgang der Anzahl Lehrverträge in jenen Berufen zu verzeichnen, «die direkt vom Virus betroffen sind und keine Schnupperlehren organisieren konnten». Ein Beispiel dafür seien Restaurationsberufe. Die erfolgte Lockerung der Massnahmen mache die Durchführung von Schnupperlehren nun aber wieder möglich, sagt der Berufsbildungschef. Das Gleiche gelte für das Abschliessen von neuen Lehrverträgen.

Noch keine Bewilligung

Ein Beispiel für Kurzarbeit zeigt sich im Hotel Bad Murtensee in Muntelier: Der Kochlehrling im ersten Lehrjahr arbeitete von März bis zur Wiedereröffnung Anfang dieser Woche nicht, wie Geschäftsleiterin Manuela Stillhard auf Anfrage sagt. Die Lehrstellen für diesen Sommer habe sie noch nicht besetzen können. Diese Woche habe sie jedoch einen Termin für einen Schnuppertag vereinbaren können. Neu wolle das Hotel auch Restaurationsfachleute ausbilden. Doch weil das Berufsbildungsamt wegen des Lockdowns für die Bewilligung der Plätze erst seit kurzem wieder vor Ort einen Augenschein nehmen kann, «verzögert sich leider alles», sagt die Geschäftsleiterin.

Zimmerleute an der Arbeit

In der Baubranche sieht die Situation komplett anders aus: Bei der Firma Hayoz Holzbau in Gurmels arbeiteten die Auszubildenden auch während des Lockdowns. «Die Baustellen waren ja nicht geschlossen», sagt Sébastien Hayoz. «Wir haben die Hygienemassnahmen umgesetzt und versucht, den vorgegebenen Abstand einzuhalten.» Auch habe er gestaffelte Znünipausen eingeführt und achte darauf, dass immer die gleichen Angestellten als Equipe zusammen unterwegs seien. «Diese Massnahmen gelten natürlich für alle Angestellten, egal ob langjähriger Mitarbeiter oder Lehrling.» Für die Auszubildenden gibt es damit einzig am Schultag eine grössere Änderung: Die angehenden Zimmerleute und Schreiner lernen zu Hause. «Sie erhalten per Mail Aufgaben von der Berufsschule», erklärt Hayoz.

In kleinen Gruppen

Seit dem 11. Mai dürfen aber auch die Bildungsstätten im nachobligatorischen Bereich wieder in kleinen Gruppen zu maximal fünf Personen inklusive Lehrperson vor Ort unterrichten, wenn sie die Schutzvorgaben einhalten. Damit haben einige Freiburger Berufsschülerinnen und -schüler seit dieser Woche wieder Präsenzunterricht in kleinen Gruppen. Dabei handelt es sich laut Nydegger insbesondere um Lehrlinge, «die schulisch weniger gut ausgebildet sind oder die unter dem Fernunterricht gelitten haben könnten». Das seien angesichts der Bedingungen des Bundesamts für Gesundheit aber relativ wenige. Die Abschlussklassen würden derzeit gar nicht mehr unterrichtet: «Sie bereiten sich auf ihre praktischen Prüfungen vor oder sind bereits dran.» Die theoretischen Abschlussprüfungen, Berufsfachkunde und Allgemeinbildung, sind wegen der Pandemie ersatzlos gestrichen. Es zählen die bisherigen Schulnoten, wie Nydegger bestätigt. Die praktischen Prüfungen finden hingegen statt. Bei den Lernenden, die weder in kleinen Gruppen unterrichtet werden noch ihre Ausbildung abschliessen, bleibt es beim Fernunterricht.

Unterricht in Halbklassen

Ab 8. Juni ist Präsenzunterricht wieder in grösseren Gruppen vorgesehen. Der Bundesrat wird aber erst am 27. Mai definitiv darüber entscheiden. Mit der Vorgabe, dass zwischen den einzelnen Personen zwei Meter Abstand eingehalten werden müssen, wird eine flächendeckende Aufnahme des normalen Präsenzunterrichts aber kaum möglich sein. «Wir werden vermutlich in Halbklassen arbeiten müssen, abwechselnd im Präsenz- und im Fernunterricht. Der Beginn des neuen Schuljahrs sollte daher gesichert sein», sagt Christophe ­Nydegger.

«Von Fall zu Fall»

Für jene Lernenden, die über längere Zeit von Kurzarbeit betroffen sind, stellt sich auch die Frage, ob die Ausbildung im Betrieb zu kurz kommt. «Wie die verpasste Lehrzeit nachgeholt wird, muss von Fall zu Fall je nach Umfang und Dauer der Kurzarbeit sowie Bildungsverlauf der lernenden Person entschieden werden», schreibt das BBA auf seiner Webseite dazu und beruft sich auf die Weisungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).

Freie Ausbildungsplätze

Noch sind nicht alle Lehrstellen für das kommende Schuljahr besetzt: Gemäss Nydegger sind im Kanton noch über 900 Lehrstellen zu vergeben. Der Beruf des Landwirts ist mit Abstand Spitzenreiter: Es sind derzeit 186 Lehrstellen frei. Der Detailhandel folgt an zweiter Stelle mit 73 offenen Lehrstellen. Wer Kaufmann oder Kauffrau werden will, findet 45 offene Plätze. Auch Milchtechnologe, Köchin, Gärtner oder Sanitärinstallateurin sind Berufe, für die im Kanton Freiburg derzeit noch freie Ausbildungsplätze vorhanden sind.

Forschungsprojekt

Langfristige Auswirkungen von Corona auf die Berufsbildung

Yousty.ch hat in Kooperation mit der Professur für Bildungssysteme der ETH Zürich das Forschungsprojekt «Lehrstellen-Puls» lanciert. Während eines Jahres werden die Forscher nun regelmässig «den Puls» zur Lehrstellensituation messen, wie sie in einer Mitteilung schreiben. Die Erkenntnisse sollen mithelfen, die langfristigen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Berufsbildung abzuschätzen. Erste Ergebnisse zeigen, dass während des Lockdowns ein Drittel der aktiven Lehrlinge den betrieblichen Teil der Arbeit nicht oder in veränderter Form ausführen muss. Über den Lehrstellenmarkt lasse sich anhand erster Umfrageanalysen sagen, dass wohl 92  Prozent der angebotenen Lehrstellen für den Herbst 2020 bestehen blieben. 2,8 Prozent seien aufgrund der Pandemie bereits verloren gegangen. 22 Prozent der befragten Lehrbetriebe wären laut der Umfrage zudem voraussichtlich bereit, wegen der Pandemie zusätzliche Plätze anzubieten.

emu

www.lehrstellenpuls.ch