Freiburg 09.07.2020

Zahlen sprechen gegen die Chirurgie in Tafers

Neben Direktor Marc Devaud (l.) und Chefarzt Lennart Magnusson erklärt Präsidentin Annamaria Müller die Entscheide des HFR.
Der Verwaltungsrat des Freiburger Spitals hat entschieden, dass die Operationstätigkeit in Tafers nicht mehr aufgenommen wird. Dafür bleibt der Notfall erhalten. Umgekehrt ist es in Riaz. Die Corona-Krise beschleunigt Schritte auf dem Weg zur Strategie 2030.

Für die Zukunft der Operationstätigkeit am Freiburger Spital (HFR) standen vier Szenarien zur Diskussion, sagte Verwaltungsratspräsidentin Annamaria Müller gestern an einer Medienkonferenz des Spitals: Alle bisherigen Operationstrakte in Freiburg, Riaz und Tafers bleiben bestehen; nur noch Freiburg führt Operationen durch; Freiburg und ­Riaz bleiben offen oder Freiburg und Tafers bleiben offen.

Wie die Präsidentin sagte, habe der Verwaltungsrat am Montagabend nach 22 Uhr unter Berücksichtigung vieler Umstände und Zahlen einen Entscheid getroffen: Die Operationstätigkeit geht in Freiburg und Riaz weiter, die Operationssäle in Tafers werden ihren Betrieb nicht mehr aufnehmen.

Bereits jetzt alle Operationen am Standort Kantonsspital zu vereinen, hätte keinen Sinn gemacht, so Annamaria Müller. Die Kapazitäten reichen dafür nicht aus. Man hätte Investitionen tätigen müssen, was weder Sinn mache noch finanziell machbar sei. Erst mit einem kantonalen Operationszen­trum im Rahmen der Strategie 2030 werden alle Operationen an einem Standort vereint. So finden in Riaz weiterhin ambulante Operationen statt.

Alle bisherigen Operationstrakte aufrechterhalten wollte der Verwaltungsrat aber auch nicht. «Wir brauchen einfachere und effizientere Strukturen», so Müller. Mit drei OP-Standorten schreibt das HFR allein für die Chirurgie und Orthopädie jährlich einen Verlust von 9 Millionen Franken. Die Verluste pro Fall sind in Tafers und Riaz rund doppelt so hoch wie in Freiburg.

Blieb einzig die Frage, ob der zweite Operationstrakt in Tafers oder Riaz sein soll. Der Verwaltungsrat entschied sich für Riaz, weil dort die Operationstätigkeit im letzten Jahr fast doppelt so hoch war wie in Tafers, weil dort mehr Personalressourcen zur Verfügung stehen und das Einzugsgebiet grösser ist.

Notaufnahme auf Deutsch

Erhalten bleibt in Tafers die Endoskopie mit Magen- und Darmspiegelungen, wie HFR-Generaldirektor Marc Devaud präzisiert. Diese Behandlungen erreichten knapp die Hälfte der Anzahl Operationen. Sie wurden in Operationssälen durchgeführt, obwohl es dazu diese Infrastruktur gar nicht brauche, präzisierte der Chefarzt für Anästhesie, Lennart Magnusson. Sprechstunden für Chirurgie und Orthopädie finden weiter in Tafers statt.

Umgekehrt hat sich der HFR-Verwaltungsrat bei den Notfallstationen entschieden. Hier wird die Aufnahme in Tafers rund um die Uhr beibehalten. Der Notfall in Riaz hingegen wird in eine Permanence mit beschränkten Öffnungszeiten von 7 bis 22 Uhr umgewandelt. Dabei spielte die Sprache eine Rolle, sagte Annamaria Müller: «Wir haben uns für Tafers entschieden, weil es eine deutschsprachige Eintrittspforte für das HFR braucht.» Dies, obwohl die Notaufnahmen in ­Riaz mit acht und in Tafers mit vier Patienten pro Nacht wenig aufgesucht werden.

Um die Behandlung von Corona-Patienten in Freiburg zu konzentrieren und genügend Personal zur Verfügung zu haben, wurden im März in Tafers und Riaz sowohl die Operationstätigkeit als auch der Notfall nachts eingestellt. Nun sollen die Operationen in Riaz und der 24-Stunden-Notfalldienst in Tafers so bald wie möglich den Betrieb wieder aufnehmen, spätestens aber Anfang 2021. Die Permanence in Riaz soll im September in Betrieb sein.

Temporär bis 2023

Wie viel mit der Neuorganisation eingespart wird, könne man noch nicht sagen, erklärte Marc Devaud. Es dürften 15 bis 20  Personen weniger benötigt werden: «Wir versuchen, für alle betroffenen Mitarbeitenden eine Lösung zu finden.» Es soll zu keinen Entlassungen kommen, die Neuorganisation werde über natürliche Abgänge erfolgen.

Die Corona-Krise habe die neu getroffenen Entscheide zwar beschleunigt, sie stünden aber im Rahmen der Strategie 2030, sagte die Verwaltungsratspräsidentin. Die Strategie sieht bis in zehn Jahren ein kantonales Akutspital am Standort Freiburg und Gesundheitszentren in den Regionen vor. Die geplanten zukünftigen Aufgaben der Standorte sind immer noch in Ausarbeitung und werden wohl im September vorgestellt, so Müller. Somit habe die Operationstätigkeit in Riaz wie auch der Notfalldienst in Tafers nur temporären Charakter. Die in dieser Woche getätigten Entscheide seien aber in jedem Fall Teil des Vierjahresplans, das heisst sie haben gewiss bis Ende 2023 Gültigkeit.

Kommentar: Zahlen gelten mehr als das Prestige

Die Chirurgie gilt als Königsdisziplin in der Medizin: Wenn in einem kleinen Spital operiert wird, setzt man das mit Prestige gleich. Nun wird in Tafers künftig das Skalpell nicht mehr verwendet, entsprechend enttäuscht ist im Sensebezirk manch einer darüber. Doch lässt man sich von Zahlen und Fakten leiten, so kommt man zum Schluss, dass das HFR gar nicht anders entscheiden konnte, als die Operationstätigkeit in Tafers nach der Corona-Krise definitiv einzustellen. «Es macht keinen Sinn, die Chirurgie nochmals zu eröffnen, um sie dann gleich wieder zu schliessen», begründete Präsidentin Annamaria Müller den Entscheid. Wenn ein Spitalnetz in einer Disziplin neun Millionen Franken Verlust schreibt, dann muss es dort nach Sparpotenzial suchen. Und dieses ist mit drei Standorten für die Chirurgie gegeben. Ökonomisch betrachtet ist es nur logisch, dass dabei der kleinste der drei Standorte geopfert wird. In Anbetracht der Zahlen ist es eher ein Entgegenkommen an die deutschsprachige Bevölkerung, dass der Notfalldienst in Tafers weiterhin rund um die Uhr offen bleibt. Effizient ist nämlich auch dies nicht. Es ist eher ein Zeichen, dass das HFR nicht auf Deutschfreiburg verzichten will. Und bei der Notaufnahme ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient entscheidender als auf dem Operationstisch.

Reaktionen

Von «Sehr positiv» bis zu «Eine verpasste Chance»

«Wir sind zufrieden im Sensebezirk», fasst Oberamtmann Manfred Raemy zusammen. «Für die Bevölkerung ist es ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass jemand in Tafers da ist, der einen bei einem Notfall gut versorgen kann.» An Treffen des HFR mit Sensler Ärzten, Taskforce und Gesundheitsnetz habe man immer gefordert, den Notfall wieder hochzufahren. Er sei froh, dass die HFR-Leitung ein Zeichen zur Unterstützung der Anliegen aus dem deutschsprachigen Kantonsteil gesetzt habe. «Damit haben wir ein Fundament, auf dem wir aufbauen können. Es gibt uns eine Planungssicherheit, nachdem wir eine Weile keine Perspektive gesehen haben.» Es gehe nun darum, mit dem HFR ein Angebot zusätzlicher Dienste zu entwickeln. «Ich wollte für die Sensler Bevölkerung eine gute Lösung und denke, dass wir damit für ganz Deutschfreiburg eine gute Sache erreicht haben.»

Ähnlich sieht es Marcel ­Kolly, Präsident der Task Force Pro Akut Tafers. «Wir sehen den Entscheid sehr positiv. Es ist eine klare Botschaft an die deutschsprachige Bevölkerung: Ihr könnt nach Tafers in den Notfall gehen. Das hat Hand und Fuss und ist auch für die Sensler Ärzte wichtig.» Er hoffe, dass dies eine Weile Bestand habe. Dass die Operationen in Tafers bleiben, wäre schön gewesen, aber die Statistik der Fälle spreche klar dagegen.

Fünf Jahre zu früh

Etwas differenzierter sieht es CVP-Grossrat Daniel Bürdel: «Die Schliessung der OP-Säle in Tafers kommt vier bis fünf Jahre früher als erhofft.» Bisher sei die Rede davon gewesen, sie so lange offen zu halten, bis sie renoviert werden müssten. «Es ist stossend, dass man in Riaz investiert, während dies für Tafers nicht nötig gewesen wäre.» Der Patient müsse sich im Notfall in seiner Sprache ausdrücken können, im Operationssaal sei dies egal.

Der Düdinger Grossrat André Schneuwly (Freie Wähler) fragt sich ebenso, warum man die OP-Übergangslösung nicht in Tafers gemacht hat. Wichtig sei aber, dass mit dem 24-Stunden-Notfall für die Deutschfreiburger eine Eingangspforte in das HFR geschaffen worden sei. Die Sprachenfrage bleibe wohl immer ein Thema «und viele Deutschsprachige werden deshalb weiterhin nach Bern ins Spital gehen».

Auch Grossrätin Bernadette Mäder-Brülhart (Mitte links – CSP) verwundert es nicht, warum viele Sensler nach Bern gehen. Sie ist gar nicht glücklich über den Vorschlag des HFR. «Ich verstehe, dass man nicht überall operieren kann, aber warum in Riaz? Nun haben wir zwei welschsprachige Spitäler.» Eine bessere Strategie wäre es gewesen, Tafers für zehn Jahre offen zu lassen. «So hätte man bei der deutschsprachigen Bevölkerung Goodwill für die spätere zentralisierte Struktur aufbauen können.» Es sei eine verpasste Chance. Der 24-Stunden-Notfalldienst mache ohne Operationsmöglichkeit wenig Sinn: «Warum soll ich erst nach Tafers, wenn ich dann doch nach Freiburg transferiert werden muss?», fragt sie. «Das HFR nimmt uns Deutschsprachige einfach nicht ernst. Wir sind ihnen nichts wert.»

Er sei froh, dass endlich ein klarer Entscheid gefallen sei, sagt SP-Grossrat Olivier Flechtner. Es sei begrüssenswert, dass der Notfall wieder rund um die Uhr geöffnet wird, damit die Erstbetreuung in der eigenen Sprache erfolgen könne. Dass in Tafers nicht mehr operiert werde, sei angesichts der Zahlen und des Personalbedarfs nachvollziehbar. «Es wurde eine Abwägung gemacht.» Auch für FDP-Grossrat Ruedi Vonlanthen ist dies angesichts steigender Kosten und Vorschriften nachvollziehbar. Was er nicht akzeptieren könne, sei, dass die Standorte Riaz und Tafers nicht gleich behandelt werden. «Beide haben ihre Berechtigung, der eine wegen der Distanz zu Freiburg, der andere wegen der Sprache.»

«Ich bin froh, dass wenigstens der Notfall reaktiviert wird», so die Reaktion von SVP-Grossrat Adrian Brügger. «Das war ein Bedürfnis in der Bevölkerung.» Wichtig sei, dass überhaupt ein Entscheid gefällt und kommuniziert wurde. «Die ­Ungewissheit war für Personal und Bevölkerung unbefrie­digend.»

Personal hat gekämpft

Der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) erinnert in einer Mitteilung, dass sich Personal der betroffenen Standorte mobilisiert hatte, um die Leistungen zu verteidigen. Nach mehreren Kontakten mit dem HFR-Verwaltungsrat konnten der Operationstrakt in Riaz und die Notaufnahme in Tafers erhalten werden. Gleichzeitig bedauert die Gewerkschaft das Ende der Chirurgie in Tafers, umso mehr als dort die nötige Infrastruktur vorhanden wäre. Das Schliessen der Notaufnahme in Riaz bezeichnet der VPOD als den grössten Leistungsabbau für 100 000 Bewohner seit der Schliessung der Geburtsklinik 2013. Das Bürgerkomitee für den Erhalt des HFR-Standorts Riaz werde nun re­aktiviert.

im/uh

 

Zahlen und Fakten

Mehr Ärzte als das Inselspital

Mit einer Struktur an drei Standorten schreibt das Freiburger Spital (HFR) für Chirurgie und Orthopädie neun Millionen Franken Verlust im Jahr. Insgesamt gab es bisher 17  Operationssäle: zehn in Freiburg, vier in Riaz und drei in Tafers. In Freiburg betrug 2019 bei 10 919 Operationen die Auslastung inklusive Wochenende und nachts 44 Prozent, in Riaz mit 2308 Operationen 36  Prozent und in Tafers mit 1372 Operationen 38 Prozent unter der Woche. Als Richtwert gilt eine Auslastung von 50 bis 70  Prozent. Für den Bereich Chirurgie Orthopädie zeigt ein Vergleich: Das Inselspital hat einen Chefarzt, das HFR vier; das Inselspital hat vier Leitende Ärzte, das HFR sieben. Bis zu den Assistenzärzten hat das HFR mehr als die Insel.

uh