Freiburg 29.10.2020

«Wir geben nicht auf»

Gestern Abend wurde im Equilibre noch Theater gespielt – die nächsten Veranstaltungen dürften alle abgesagt werden.
Keine Veranstaltungen mehr mit mehr als fünfzig Personen: Diese neue Corona-Massnahme hat der Bundesrat gestern beschlossen. Die Freiburger Kulturveranstalter reagieren verständnisvoll und kämpferisch.

Es ist eine Mischung aus Verständnis, Durchhaltewillen und Frustration, die nach den gestrigen Corona-Entscheiden des Bundesrats bei den Freiburger Kulturveranstaltern herrscht. Veranstaltungen mit mehr als fünfzig Personen sind ab sofort wieder verboten, grössere Konzerte oder Theater damit unmöglich. Im Equilibre in Freiburg etwa fand gestern Abend noch ein Theater statt; die nächste Veranstaltung vom kommenden Dienstag, ein Tanzstück, ist hingegen abgesagt. Wie es weitergehe, sei noch nicht klar, aber es werde sicher zu weiteren Absagen kommen, sagte Thierry Loup, Direktor von Equilibre und Nuithonie, gestern Abend auf Anfrage.

Unsicherheit macht Mühe

Überrascht sei er nicht vom Entscheid, so Loup – und es gebe sogar «ein bisschen Glück im Unglück». Er sei froh, dass die Theater nicht ganz geschlossen worden seien, wie es auch der Westschweizer Verband der Bühnenkünste gefordert habe. Die Limite von fünfzig Zuschauerinnen und Zuschauern erlaube es, die Kreationen und Residenzen von Freiburger und anderen Westschweizer Künstlern im Nuithonie aufrechtzuerhalten, allenfalls mit mehr Vorstellungen. «Diese Truppen in der schwierigen Situation finanziell und strategisch zu unterstützen, ist uns wichtig.»

Wie es mit dem Programm von Equilibre und Nuithonie im Einzelnen weitergehe, werde sich in den nächsten Tagen entscheiden. Schwierig sei, dass man nicht wisse, wie lange die Massnahme dauern werde. «Wir brauchen eine gewisse Vorlaufzeit – man kann ein Theater nicht einfach ein- und ausschalten.»

Auch der Verein «Kultur im Podium» muss seine nächsten Veranstaltungen in Düdingen absagen. Dies betreffe sicher die für den 5. November geplante Opernaufführung und sehr wahrscheinlich auch das Konzert vom 26. November, sagte Programmleiter Michael Blanchard. Die nächste Vorstellung wäre dann erst im Januar. «Wir hoffen, dass wir dann wieder öffnen können.»

Etwas frustrierend sei, dass man viel in ein Schutzkonzept investiert habe, das auch gut funktioniere, so Blanchard weiter. Die Leute seien im Theater sicher. Das schwierigste aber sei, mit der Unsicherheit umzugehen, wie lange der aktuelle Zustand anhalten werde. «Mit einzelnen Absagen können wir leben, damit haben wir gerechnet.» Nun hoffe er, dass die Schliessung nicht allzu lange dauern werde. «Wir geben nicht auf und machen das Beste aus der Situation.» Das schulde man als Veranstalter auch den Künstlern, Technikern und Zulieferern. Für sie komme die neue Massnahme faktisch einem Berufsverbot gleich. Der Bund sei in der Pflicht, diesen Leuten nun zu helfen.

Suche nach Lösungen

Bei den Konzertlokalen Nouveau Monde und Fri-Son in der Stadt Freiburg herrscht derzeit noch Unsicherheit, wie es genau weitergehen wird. «Wir werden wohl die meisten geplanten Veranstaltungen absagen müssen», sagte Rana Bassil, die Kommunikationsverantwortliche des Nouveau Monde. Anlässe mit nur fünfzig Personen seien für das Lokal finanziell nicht tragbar, und manche Künstler wollten unter diesen Bedingungen auch gar nicht auftreten. Es sei aber denkbar, dass kleinere Aufführungen stattfinden würden, dies sei in Abklärung. «Wir nehmen die Situation ernst – die Gesundheit ist das Wichtigste.»

Auch beim Fri-Son wird derzeit über mögliche Lösungen diskutiert. Das Lokal ist bereits seit zwei Wochen zu, zuerst wegen eines Covid-19-Falls im Team und dann als Reaktion auf die neuen Regeln des Kantons (die FN berichteten). Nun ist die Lage noch schwieriger geworden. «Wir wollen uns die nötige Zeit nehmen, bevor wir Entscheidungen treffen», so die Medienverantwortliche Julia Foster. Es gehe um ein ganzes Ökosystem, zu dem die Künstlerinnen und Künstler und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehörten. Das Fri-Son will in den kommenden Tagen darüber informieren, wie es mit seinem Programm konkret weitergeht.

Den Kinos gehen die Filme aus

Dass die Kinos offen bleiben dürfen, ist für Xavier Pattaroni, Betreiber der Cinemotion-Kinos, kein grosser Trost. Mit nur fünfzig Personen pro Saal betrage die Auslastung je nach dem nur 30 Prozent. «Damit können wir nicht überleben.» Zudem fordere der Bundesrat die Leute auf, soziale Kontakte einzuschränken – er erwartet darum, dass weniger Leute kommen werden. Bereits in den vergangenen Wochen seien die Besucherzahlen gesunken. Und dies, obwohl in der Schweiz keine Ansteckung im Kinosaal nachgewiesen sei. Und die Kinobetreiber haben noch ein anderes Problem: Sie sind für die Filmstarts abhängig vom Ausland. Wenn nun nach Deutschland auch noch Frankreich einen Lockdown verhänge, habe er in zwei Wochen keine Filme mehr, sagte Pattaroni.

Gastronomie

Trotz Schutzkonzept bleiben die Gäste weg

«Ich bin sehr erleichtert, dass es nicht noch mehr Einschränkungen gibt», sagte gestern Christoph Zwahlen, Betreiber des Hotel-Restaurants Jura in Kerzers und Co-Präsident von Gastro Sense-See. Der Bundesrat hatte zuvor bekannt geben, dass in Restaurants und Bars nur noch vier Personen an einem Tisch sitzen dürfen. Zudem müssen die Restaurants von 23 bis 6 Uhr geschlossen sein. Diese beiden Massnahmen sind im Kanton Freiburg bereits seit Freitag in Kraft.

«Die Wirte halten diese Regeln ein», so Zwahlen. «Wir tun alles, um die Gesundheit der Gäste und der Mitarbeitenden zu schützen.» Die meisten Infektionen mit dem Coronavirus seien nicht auf Besuche in Restaurants zurückzuführen. Dennoch spüre er eine grosse Verunsicherung. Viele ältere Personen würden einen Besuch im Restaurant auf später verschieben. Zudem gebe es «wahnsinnig viele Annullationen». Die ständige Nennung der Fallzahlen mache den Leuten Angst. Einige Betriebe seien von den rückläufigen Gästezahlen hart getroffen worden. Eine finanzielle Hilfe sei notwendig, insbesondere für die Klubs, die schliessen mussten.

Homeoffice als Problem

Auch Baptiste Esseiva vom Café de la Presse im Freiburger Perolles-Quartier ist froh, dass die nationalen Massnahmen nicht über jene des Freiburger Staatsrats hinausgehen. Ihn stört jedoch, dass in Restaurants und Cafés höchstens vier Personen an einem Tisch erlaubt sind. Hier sollten sich, wie im privaten Rahmen, zehn Personen oder auch mehr treffen dürfen, denn Restaurants würden ein zuverlässiges Contact-Tracing ermöglichen. Die Vier-Personen-Regel sei gerade jetzt gegen Jahresende ein grosses Problem. Denn Unternehmen, Sport- und Kulturvereine sowie Familien annullierten ihre Reservationen. Als Café in der Stadt spüre er zudem sofort die Auswirkungen, wenn die Unternehmen wieder auf Homeoffice und die Hochschulen auf Fernunterricht umstellen. In diversen Gastrobetrieben in Freiburg habe es immer weniger Gäste.

Clubs mussten bereits auf Anordnung des Staatsrats schliessen. Gestern zog der Bundesrat nach. Für Karl Ehrler vom Lokal Sous-Sol in Freiburg hatte es bereits vor diesen Entscheiden wenig Sinn mehr gemacht, sein Lokal offen zu halten. Die Gäste mussten sitzend konsumieren, und um 23 Uhr wurde geschlossen – «die grosse Mehrheit der Gäste kommt aber nach 23 Uhr». Falls die Massnahmen noch lange andauern, «muss ich Konkurs anmelden». Es sei eine Katastrophe. Er hoffe auf finanzielle Hilfe, und zwar nicht nur für Kurzarbeit.

jmw/emu