Villars-sur-Glâne 09.01.2021

«Männer wollen einfach nicht teilen»

Jean-Blaise Fellay befürwortet die Aufhebung des priesterlichen Zölibats und den Zugang von Frauen zum Priesteramt, weist aber auch auf das Tabu der Sexualität und auf die Kultur der Geheimhaltung hin, die die Homosexualität innerhalb der Kirche umgibt.
Mit seinen 79 Jahren wirkt der Walliser Jesuit wie ein junger Mann. Aufgrund seiner Erfahrung und Bildung zeigt dieser Kirchenhistoriker ohne Abstriche die aktuellen Versäumnisse und Fehler auf. Er spricht offen, kantig und direkt. Das unterscheidet seinen Diskurs von den kontrollierten und abgestimmten Aussagen des Klerus. Fellay leitet das Haus der Jesuiten Notre-Dame de la Route in Villars-sur-Glâne. 
 
Die Pandemie ist eine Gelegenheit für die Kirche, sich zu mobilisieren und geistliche Antworten anzubieten. Hat sie das getan?
Jean-Blaise Fellay: Ja und nein. Auf der einen Seite haben sich Priester und Pfarreien mobilisiert, um Alternativen zu den Messen anzubieten. Die Zahl der Reaktionen hat gezeigt, wie gross das Bedürfnis danach ist.
Wie beim Unterricht gibt es Priester, die sich mit der Technik gut abfinden, und andere, die das nicht tun, was zu einem Qualitätsverlust führt. Aber auf der anderen Seite hat die Kirche diese Krise nicht genutzt, um genügend auf die Werte zu pochen. Sie beklagte sich darüber, dass die Behörden die Gottesdienste verboten haben, ohne dass sie dabei auf Grundfragen einging.
 
Die Pandemie hat uns die Angst vor dem Tod vor Augen geführt, die unsere Gesellschaft zu verdrängen versucht. Bot sich da nicht eine einmalige Gelegenheit?
Theoretisch ja! Aber in diesem Punkt gibt es eine enorme Schwäche, ja sogar eine Leere in der Gesellschaft wie in der Kirche. In der Tat leidet die Kirche unter der gleichen Panik vor dem Tod wie die Gesellschaft. Corona hat den Trend zu Beerdigungen im intimen Bereich der Familie weiter beschleunigt, was schockierend ist. Denn tief im Inneren hat auch die Freundschaft Rechte. Und der Tod ist nicht schändlich.
Die heutige Gesellschaft lebt unter der Tyrannei des Jugendhaften, der Schönheit und der Gesundheit. Wenn man diesem Anspruch nicht entspricht, ist man ein Versager. Der Tod ist der ultimative Beweis für das Scheitern. Die Zeit war also reif für die Kirche, eine andere Lesart anzubieten. Auf alle Probleme hat sie aber mit Zeremonien und Liturgie geantwortet. Das ist wichtig, aber nicht genug.
 
Ist der Tod zum Tabu geworden?
Ja, der Tod wird in unserer Zivilisation geleugnet. All die alten Menschen, die allein im Spital gestorben sind, ohne ihre Angehörigen, sind Zeichen einer Entmenschlichung und des Versagens unserer Gesellschaft.
Sogar die Beerdigungen müssen so hygienisch wie möglich sein. Als ich ein Kind war und ein Mensch im Sterben lag, läutete die Kathedrale von Sitten eine besondere Glocke, die diesem bevorstehenden Ereignis gewidmet war. Es war Zeit für den Priester, sich auf den Weg zu machen, um dem Sterbenden die letzte Ölung zu erteilen.
Wenn die Menschen diese Glocke hörten, fragten sie sich, wer im Sterben lag. Man folgte dem Priester, um zu sehen, in welches Haus er sich begab. Der Tote wurde dann bewacht, dann folgten die Beerdigung, das Essen, begleitet von vielen Tränen zuerst und dann von viel Lachen. Es war eine Art, den Tod zu akzeptieren. Das ist alles vorbei, und das hat die westliche Gesellschaft in eine riesige Unordnung geführt.
 
Wenn die Kirche ihre Rolle nicht mehr spielt, liegt das daran, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist?
Die Kirche befindet sich in einer miserablen Situation. Sie ist in einem realen Zustand des Zusammenbruchs, in der Praxis wie bei den Berufungen und den Orden. Jean Delumeau, Professor am Collège de France in Paris, wirft in seinem Buch «Le Christianisme va-t-il mourir?» der Kirche ihre Verbindung zur Macht vor. Das ist seit Kaiser Konstantin, der die Kirche zur Aufrechterhaltung des Römischen Reichs benutzte, eine Realität. Im Mittelalter übte die Kirche sowohl geistliche als auch weltliche Macht aus. Das führte zur Jagd auf Ketzer.
Unter dem Ancien Régime stammten die französischen Bischöfe aus aristokratischen Familien, deren jüngster Sohn dem Klerus beitrat, aber nicht aus Berufung, sondern eher aus Ehrgeiz. Kirche und Staat sind also zwei Bögen desselben Gewölbes. Sogar Genf unterstand einem Staatscalvinismus. Auch wenn dieses Zusammengehen die Kirche mächtig machte, erhielt sie ihre Macht durch Repression. Sie war der Garant der staatlichen Moral – die Kirche teilte mit ihr die Macht der Welt. Daher hat sich die Kirche von ihren Grundüberzeugungen entfernt. Als sie sich vom Staat trennte, verlor sie an Macht und schrumpfte. Sie gewann aber an spiritueller Freiheit.
 
Hat die Erosion des Christentums mit dem Aufkommen der Aufklärung begonnen?
Es ist komplizierter als das. Es gab in der Tat einen Bruch mit der Französischen Revolution, wo die Kirche entheiligt und der Kult der Vernunft propagiert wurde. Am Ende der «Terrorherrschaft» während der Französischen Revolution war der Klerus fast verschwunden. Aber Robespierre glaubte an das höchste Wesen. Die Rückkehr des Religiösen setzte ein. Napoleon I. nahm sogar wieder Kontakt mit dem Papst auf. Die Monarchische Restauration kehrte zur alten Ordnung zurück, und das Zweite Kaiserreich Napoleons III. sah den Triumph der Allianz von Thron und Altar.
Erst in der Dritten Republik von 1870 kam es 1905 zur Auflösung und Vertreibung der Ordensgemeinschaften aus Frankreich. 70 französische Kongregationen landeten in Freiburg in der Schweiz, was der Stadt den Spitznamen «Kleines Rom» bescherte. Das führte so weit, dass der Staatsrat die Nonnen aufforderte, keine Uniformen zu tragen. Dann kam der Krieg, und die Priester waren in den Schützengräben.
Im Jahr 1918 wollte die Regierung die Ordensleute, die gekämpft hatten, entlassen. Aufgrund ihrer Parade auf den Champs-Elysées musste die Regierung einen Rückzieher machen. In den 1930er-Jahren ist die missionarische Expansion auf ihrem Höhepunkt. Die Erosion des Christentums hatte also ihre Höhen und Tiefen. Aber heute sind wir in einer viel komplexeren Situation: Das Christentum hat keine Feinde mehr. Auf der anderen Seite wird das Christentum verächtlich gemacht.
 
Wird die Kirche von einer neuen Moral abgelöst?
Ja, wir denken, wir leben in einer fortschrittlichen liberalen Gesellschaft. Aber ich bin alt genug, um eine Reihe von verschiedenen Moralvorstellungen erlebt zu haben. Wir sehen das Aufkommen von kompromisslosen Bewegungen, zum Beispiel der Pro-Klima-Bewegung. Selbst der Feminismus, der als Befreiungsbewegung begann, ist unglaublich moralisierend geworden.
 
Würde die Kirche davon profitieren, wenn sie sich in der Frage des priesterlichen Zölibats bewegen würde?
Sicher, auch wenn wir sehen, dass der Zusammenbruch der katholischen Kirche nicht auf den Zölibat zurückzuführen ist, da die protestantische Theologie in der gleichen Situation ist, obwohl Pastoren heiraten können. Der Zölibat wurde im 11.  Jahrhundert während der gregorianischen Reform eingeführt, setzte sich aber erst im 17.  Jahrhundert durch. Im Osten ist der weltliche Klerus verheiratet, nicht aber die Bischöfe.
Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil strich Paul VI. Zölibat und Empfängnisverhütung aus der Liste der zu diskutierenden Themen, was zu einem Bruch mit Frauen und progressiven Priestern führte. Es gab zahlreiche Austritte von Priestern, die heiraten wollten, was bedeutete, dass der Anteil der Homosexuellen in der Kirche wuchs.
 
Was ist das Problem? Haben Sie Schwierigkeiten mit der Homosexualität unter Priestern?
Nein, wenn sie angenommen wird, ja, wenn sie verdrängt wird. Erschüttert hat mich das Buch «Sodoma». Der französische Soziologe und Journalist Frédéric Martel hat seine Nachforschungen im Herzen des Vatikans durchgeführt. Er zeigt auf, was ich aus Erfahrung bestätige: Die Kirche hat in bestimmten Bereichen einen hohen Anteil an Homosexuellen. Der Zölibat von Priestern ist also kein Hindernis, sondern im Gegenteil ein Grund, ihr beizutreten. Die aktuellen Vorstösse von Papst Franziskus gegenüber homosexuellen Lebensgemeinschaften zielen darauf ab, die Heuchelei von Prälaten zu beseitigen, die Homosexualität in der Tat leben und sie in Worten verurteilen. 
 
Eine weitere Folge dieses Zustands ist, dass diese Leute in einer sehr frauenfeindlichen Atmosphäre leben. Das ist auch einer der Gründe für die Weigerung, Frauen zu erlauben, wichtige Positionen in der Kirche einzunehmen, obwohl es keinen triftigen theologischen Grund gibt, der dagegen spricht. Dass die Schweiz eine Frau als Bischofsvikarin hat, liegt nicht an der Aufgeschlossenheit, sondern daran, dass es keine andere Lösung gab. 
Wie auch immer, ich verzweifle nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, wie weit die Situation degenerieren muss, bis wir die Augen öffnen. Die Kirche häuft einen unglaublichen Rückstand in der Gesellschaft an.
 
Das gilt auch für die Sexualität. Woher kommt diese Angst?
Sie stammt von einem historischen Misstrauen gegenüber dem menschlichen Körper. Die christliche Theologie ist zum Teil in Alexandria geprägt worden. Diese Welt war sehr stark vom dualistischen Denken geprägt. Der Manichäismus sieht die Welt als böse und den Körper als den Feind des Geistes. Schon Platon sprach vom Körper als dem «Grab der Seele». 
 
Küssen und Berühren bedeutet heute, dass man den anderen gefährdet. Hat die Pandemie die Furcht vor dem Körperlichen gestärkt?
Ja, es sieht so aus, als ob dieses Virus von Puritanern erfunden worden wäre! Zur Angst vor dem Tod kommt nun die Angst vor dem Körper hinzu. Das fördert unsere Panik.
 
Warum übernimmt die Kirche nicht die Verantwortung für die wiederholten Pädophilie-Skandale?
Die Kirche will sich verstecken, statt die Probleme zu lösen. Die Kultur der Geheimhaltung von sexuellem Missbrauch hat den gleichen Ursprung wie die Kultur der Geheimhaltung von Homosexualität. Die Bischöfe sind also wie gelähmt, wenn ein Fall an die Öffentlichkeit kommt.
 
Hängt die Ablehnung von Frauen mit dem Tabu der Sexualität zusammen?
Es hat mit der Angst der Männer vor den Frauen zu tun. Die Kirche ist schwach im Bereich des Unbewussten. Ich fürchte, Freud gehört nicht zur Bettlektüre unserer Bischöfe!
Aber wenn schon die Frage des Geschlechts eine wichtige Rolle bei der Ausgrenzung von Frauen aus hohen Ämtern spielt, dann wirkt die Frage der Macht noch stärker hinein. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Männer einfach nicht teilen wollen.
 
Die pyramidale und autoritäre Struktur der Kirche ermutigt nicht zu Offenheit und partizipativem Management, das ist sicher!
Deshalb greife ich gern auf die Krippen zurück, diese geniale christliche Ausdrucksform des Volkes. Mit ihren Figuren, einer jungen und hübschen Mutter, einem etwas verwirrten Vater, Engeln, den Menschen und ihren Berufen, in all ihrer Einfachheit, sogar der kleinen Nachzüglerin mit einem Huhn unter dem Arm!
So kommt Gott zu uns, ohne Macht. Ohne Überbau, ohne anachronistische Titel. Die Kirche ist für mich das Bescheidene. Wie die Welt wird sie von den guten und anständigen Menschen getragen, nicht von den «Monsignores».
Übrigens, vor dem Sonderbundskrieg debattierte das Bistum Basel, ob es seinen Bischof «Seine Durchlaucht» oder etwas anderes nennen sollte ... Wenn die Kirche wenigstens die grossen Persönlichkeiten und geistigen Führer der Vorkriegszeit hätte! Jetzt sieht man ein bisschen etwas wie eine allgemeine Dekadenz. Deshalb fühle ich mich vor einer Krippe sehr wohl.
Das Interview erschien ursprünglich in der Tageszeitung «Le Temps».