Freiburg 27.07.2020

«Ich kam mir vor wie ein UFO»

Priscilla Brülhart: «Ich werde immer Tänzerin sein.»
Wer in der Schweiz als Kathak-Tänzerin Fuss fassen will, braucht Durchhaltevermögen. Priscilla Brülhart, die sich dem indischen Tanz verschrieben hat, weiss das. Inzwischen hat sie ihren Platz gefunden – und lässt sich auch von der Krise nicht entmutigen.

«Ich habe viel zu tun in diesen Tagen», sagt Priscilla Brülhart gleich zu Beginn des Gesprächs mit den FN und wirkt dabei selber fast ein bisschen überrascht. Denn wie die meisten anderen Kunstschaffenden war die Tänzerin in den letzten Wochen und Monaten zum Nichtstun verurteilt. Alle geplanten Auftritte und Projekte wurden abgesagt oder verschoben, und statt wie vorgesehen nach New York zu reisen, fand sich Priscilla Brülhart in ihrer Wohnung im Greyerzbezirk wieder. «Ich hielt mich an die Regeln und blieb zu Hause», erzählt sie. «Ich habe meine Nachbarn gewarnt, dass es ein bisschen laut werden könnte, denn ich habe in der Zeit viel in meiner Wohnung trainiert.» Priscilla Brülhart ist professionelle Kathak-Tänzerin, und bei dem indischen Tanz wird viel mit den Füssen auf den Boden gestampft.

Wenn sie jetzt wieder mehr zu tun hat, so liegt das an den Lockerungen der Corona-Massnahmen. Sie konnte ihre Tätigkeit als Yoga-Lehrerin wieder aufnehmen, und diese Woche tritt sie am Festival Les Impromptues in Freiburg auf (siehe Kasten). «Ich habe mich über die Anfrage für das Festival sehr gefreut», sagt sie. «Ich bin glücklich, endlich wieder vor Publikum zu tanzen, denn dafür tue ich das alles schliesslich.» Dass sie zuletzt so viel Zeit gehabt habe, um in Ruhe zu arbeiten und zu proben, sei nicht nur schlecht gewesen. «Aber irgendwann war ich schon frustriert, weil mir das Publikum fehlte.» Am Festival wird sie ein dreissigminütiges Kathak-Solo zu einem Lied für die Göttin Durga zeigen. Zu diesem Lied habe sie schon lange etwas machen wollen, sagt sie. Nun habe sie endlich die Zeit dafür gefunden.

Yoga hilft

Priscilla Brülhart wirkt entspannt, wenn sie über die Corona-Krise und deren Auswirkungen auf ihr Leben als Künstlerin spricht. «Ich mache jeden Tag Yoga, das hilft», sagt sie, lacht und wird gleich wieder ernst. Tatsächlich stehe derzeit, mit Ausnahme von Les Impromptues, kein einziges Engagement in ihrer Agenda. Abgesagt wurden unter anderem drei grosse Anlässe in Monaco und in Südfrankreich. «Der Kathak-Tanz ist hierzulande eine Nische, da gibt es sowieso nicht so viele Möglichkeiten.» Natürlich habe sie deswegen auch finanzielle Sorgen, räumt sie ein. Doch als Künstlerin habe sie gelernt, damit umzugehen. «Ich nehme einen Tag nach dem anderen. Ich kann die Situation nicht ändern, und es nützt mir auch nichts, wenn ich mich davon krank machen lasse.» Sie sei froh, dass sie zumindest wieder ein bisschen unterrichten könne und dass sie Hilfe von Familie und Freunden bekomme.

Zudem sei ihr bewusst, dass man in der Schweiz trotz aller Probleme sehr privilegiert sei, fügt sie an. Sie hat regelmässig Kontakt mit ihren Freunden in Indien. «Dort herrschen seit drei Monaten sehr strenge Vorschriften.» In Benares, wo sie sechs Jahre lang gelebt hat, sei die gesundheitliche Situation im Moment besonders schlimm. «Dort gibt es viele arme Menschen, die Angst haben, sich nicht schützen können und keine Hilfe bekommen.» An ihrer Berufswahl jedenfalls lässt die 39-Jährige trotz der aktuellen Unsicherheit keinen Zweifel aufkommen. «Ich bin als Tänzerin geboren, und ich werde immer Tänzerin sein», sagt sie. Schon als Kind sei ihr Kopf voller Ideen und Choreografien gewesen. Ihre Eltern, ein Freiburger und eine Bayerin, seien von ihrem Berufswunsch allerdings nicht begeistert gewesen. So machte sie die Matura, absolvierte ein Wirtschaftsstudium und arbeitete unter anderem in der Hotellerie. «Ich probierte vieles aus, weil ich nirgends meinen Platz fand.» Sie tanzte in ihrer Freizeit, machte auch eine Ausbildung im Ausland, doch erst als sie zum ersten Mal klassischen indischen Tanz sah, wusste sie, dass das ihr Weg war. «Da war für mich alles klar, und ich sagte meinen Eltern, dass ich nach Indien gehen würde, um Kathak zu lernen, und dass ich ihre Hilfe brauchte.» Ihre Eltern hätten sie dann auch tatsächlich unterstützt. «Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.»

Sechs Jahre in Benares

Priscilla Brülhart war 26 Jahre alt, als sie nach Benares ging, um sich dort während sechs Jahren von ihrem Guruji, ihrem spirituellen Lehrer, ausbilden zu lassen. Dieser gab ihr auch ihren indischen Namen Gauri. In Benares habe sie eine zweite Heimat und eine zweite Familie gefunden, sagt die Tänzerin. Gerne wäre sie für immer dortgeblieben, doch nach sechs Jahren habe sie sich eingestehen müssen, dass Benares für sie keine Stadt zum Leben sei. «Ich war müde und oft krank, und ich habe die Schweiz vermisst.» So kam sie zurück nach Freiburg. Sie kehrt aber regelmässig nach Benares zurück. «Die Stadt ist voller Spiritualität und Energie und gibt meiner Seele Nahrung.»

Der Traum von New York

Nun bemüht sich Priscilla Brülhart, den Kathak von Freiburg aus dem westlichen Publikum näherzubringen. Anfangs habe sie sich damit schwergetan, ihren Platz zu finden. «Ich kam mir vor wie ein UFO, doch mein Guruji sagte immer, ich würde hier Türen öffnen.» Inzwischen sei sie angekommen, sagt sie. Sie spüre auch in Freiburg immer mehr Anerkennung. Dazu gehört auch, dass sie das kantonale Mobilitätsstipendium 2020 zugesprochen erhielt. Sie will es nutzen, um die Sprache des Tanzes zu erforschen. Im Februar war sie dafür in Indien; diesen Frühling wollte sie nach New York reisen und dort die Martha-Graham-Schule besuchen. Doch die Reise nach New York fiel dem Coronavirus zum Opfer. «Ich war noch nie in New York und träume schon lange davon, für den Tanz dort hinzureisen», sagt Priscilla Brülhart. Auch hier bleibt sie optimistisch: «Ich werde die Reise auf jeden Fall irgendwann nachholen und das Projekt zu Ende führen.»

In einer Sommerserie widmen sich die FN den Kunstschaffenden im Kanton. Das Interesse gilt allen Kunstformen: der bildenden, darstellenden, musikalischen und literarischen Kunst. Nach dem Corona-Lockdown soll den Künstlern so ein wenig der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit zurückgegeben werden.

Programm

Priscilla Brülhart bei Les Impromptues

Diese Woche zeigt Priscilla Brülhart ihr neues Solostück im Rahmen des Festivals Les  Impromptues. Dieses entstand auf Initiative eines Künstlerkollektivs, und es gastiert vom 22. Juli bis zum 23. August jede Woche mit einem anderen Programm in einem anderen Quartier der Stadt Freiburg. Das Programm wird jeweils von Mittwoch bis Sonntag an verschiedenen Standorten im Quartier gezeigt. Insgesamt machen 25 Künstler und Künstlergruppen mit. Diese Woche ist die Reihe am Alt- und Burgquartier. Priscilla Brülhart ist jeweils um 19 Uhr im Arsen’Alt zu sehen. Zudem gibt es Lesungen mit Michel Lavoie, Joséphine de Weck und Céline Césa im Hof des Bürgerspitals, Jazz mit Véronique Piller und Michel Weber beim Kollegium St. Michael und Theater mit Nicolas Mueller, Agathe Fellay und Patric Reves beim Museum für Kunst und Geschichte.

cs

 

Details und ganzes Programm: www.lesimpromptu-e-s.ch