Katharina M. Fromm 19.03.2020

An die Daheimgebliebenen

Eigentlich hatte ich schon eine Kolumne fertig, bei der es um moderne Hotelzimmer gehen sollte – speziell um «transparente» Badezimmer oder gar Hotelsuiten, in denen das Bett in einer Badelandschaft steht und in denen es knapp dreissig Kippschalter gibt, mit denen sich zig Beleuchtungsmöglichkeiten und Rollos einstellen lassen. Mehr dazu vielleicht ein anderes Mal.

Nun aber eher etwas zur aktuellen Situation – wie gehe ich mit mir selbst um, wenn ich plötzlich für eine recht lange Zeit zu Hause bleiben muss? Man kann es ja zuerst einmal auf die leichte Schulter nehmen und sich ein wenig im Herumlungern üben. Es sind ja aber eben keine Ferien, sondern man soll, so weit es geht, Telearbeit verrichten. Das bedeutet bei mir zum Beispiel, «Fernvorlesungen» zu halten. Die erste Herausforderung besteht darin, dass man hierzu irgendwo zu Hause einen Ort finden muss, an dem man für zwei Stunden die Vorlesung störungsfrei aufzeichnen kann. Das ist gar nicht so einfach, denn je nach Familienkonstellation kommt bei Minute 34 oder 76 das eine oder andere Kind ins Zimmer gestürmt und brüllt dazwischen, dass es Hunger hat, spielen will oder gerade mit dem anderen um ein Auto streitet (Tür abschliessen hilft nicht, das gibt ein heftiges Klopfen). Oder der Partner schaltet mitten in der Aufzeichnung die Stereoanlage auf «volles Volumen», um sich ein Trompetensolo von Louis Armstrong (echt empfehlenswerte Aufnahmen aus den 1920er-Jahren!) oder erstklassigen Jazz von e.s.t. live in Hamburg anzuhören. Hat man es dann schliesslich doch geschafft und die Vorlesung erfolgreich gespeichert, stellt man fest, dass es sich um eine Riesendatei von zwei Gigabyte handelt. Da kann man mal sehen, wie viel Wissen in einer Doppelstunde vermittelt wird! Doch wie kommt das Ding nun zu den Studierenden? Die Anleitung empfiehlt die Nutzung von Switchdrive. Nach einigen Tests ist die Datei hochgeladen, und es folgen drei Versuche, bis die Studentinnen und Studenten tatsächlich Zugang haben. Uff. Auch das Schreiben von Publikationen und Forschungsprojekten oder andere systematische Arbeiten, die Konzentration über einen längeren Zeitraum voraussetzen, sind vor familiären Unterbrechungen nicht gefeit. Arbeiten zu Hause ist also nicht ganz einfach.

Dazu kommt, dass man das Gefühl hat, man könne endlich mal in Ruhe aufräumen oder Bücher lesen. Tatsächlich ergibt sich ein neuer Tagesrhythmus, und ich ersetze die Mittagspause durch eine Lesepause. In Coronavirus-Zeiten empfiehlt sich natürlich «Die Pest» von Camus – idealerweise auf Französisch. Nach dieser eher dunklen Atmosphäre sollte man zur Abwechslung das Zwerchfell trainieren, indem man zu Thomas Meyers «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» greift, einer herrlichen Satire zur heutigen Gesellschaft. Wem zu Hause die Nervenkitzel des stressigen Alltags fehlen (nachdem der Kalender von allen «unnötigen» Meetings befreit ist), der sollte sich bei Fitzek (zum Beispiel «Das Paket», «Der Augensammler») oder Schätzing (zum Beispiel «Der Schwarm») gruseln, mit Irvin D. Yalom «Das Spinoza-Problem» lösen oder auf Claude Cuenis «Pacific Avenue» fahren. Sibylle Berg fragt eher pessimistisch: «Wie halte ich das nur alles aus?», wohingegen man mit P.  G.  Wodehouse nicht nur sein Englisch, sondern auch seinen Humor gepflegt auf Vordermann bringen kann. Enden will ich heute mit der Empfehlung Karl Valentins: «Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.» Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Buchhändler. In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund und machen Sie das Beste draus!

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.