Freiburg 22.05.2020

«Das Monster ist da»

Das Schlüsselprojekt «Être la forteresse» spielt mit dem Austragungsort des Festivals, dem Bollwerk im Altquartier.
Das Bollwerk-Festival wird dieses Jahr zum Nomaden-Festival: Um nach der Corona-bedingten Absage einige der programmierten Stücke zu retten, arbeiten die Organisatoren mit anderen Institutionen zusammen. Diese wollen die Projekte ab Herbst aufführen.

Monster und Ungeheuerliches wären im Mittelpunkt der 37. Ausgabe des Kunstfestivals Belluard Bollwerk International gestanden, das vom 25. Juni bis zum 4. Juli stattgefunden hätte, wenn da nicht die Corona-Pandemie wäre. Jetzt wurde das Festival von der Aktualität überrollt. «Die Ungeheuerlichkeit hat alle Winkel des Lebens eingenommen», schreibt Direktorin Laurence Wagner im Vorwort zum ursprünglich geplanten Programm. Der Text entstand im März, zu einem Zeitpunkt, als noch eine kleine Hoffnung bestand, das Festival durchführen zu können. Doch da steht, mit Blick auf das Virus, ebenfalls: «Das Monster ist da.»

Ein Nomaden-Festival

Inzwischen ist klar: Wie alle anderen Festivals dieses Sommers wird auch das Belluard Bollwerk International nicht stattfinden. Doch kampflos geben die Organisatoren nicht auf. Am Mittwoch haben sie ihren «Plan BB» (in Anlehnung an die Abkürzung BBI) vorgestellt. Dieser sieht vor, einen Teil der Projekte in abgewandelter Form im kommenden Herbst und Winter zu zeigen, und zwar an verschiedenen Orten in der Region Freiburg und in der restlichen Schweiz. Als Partner sind momentan die Konzertlokale Fri-Son in Freiburg und Bad Bonn in Düdingen, das Kulturcafé Ancienne Gare und der Kunstraum WallRiss in Freiburg sowie das Theater Gessnerallee in Zürich an Bord. Acht von 25 geplanten Projekten sollen dort vor das Publikum gebracht werden, weitere dürften folgen. «Die acht Projekte sind das, was wir in der kurzen Zeit organisieren konnten», sagt Laurence Wagner. «Aber wir arbeiten daran, noch mehr Stücke zu zeigen.»

Eines der geretteten Projekte ist die Performance «Être la forteresse» der schweizerisch-togolesischen Künstlerin Davide-Christelle Sanvee. Das Stück ist aus dem diesjährigen Projektwettbewerb hervorgegangen, als eines von sieben, die aus rund 300 Eingaben ausgewählt wurden. Es nimmt Bezug auf den Austragungsort des Festivals, das Bollwerk im Altquartier. «Davide-Christelle Sanvee sollte in ihrem Festungs-Kostüm zum Maskottchen des Festivals werden», erklärt Laurence Wagner. Jetzt werde die Künstlerin zu einer Art symbolischer und mobiler Festung, die an verschiedenen Orten auftauchen werde. Ihre Performance wird Sanvee unter anderem im Alten Bahnhof in Freiburg zeigen.

Auch einige Freiburger Arbeiten werden zu sehen sein. Darunter findet sich die Performance «Horror of me» von Philippe Wicht. Diese soll im Fri-Son aufgeführt werden, ebenso wie ein Konzert des Electro-Punk-Duos Crème Solaire und das für den Abschlussabend vorgesehene Programm des Labels Strecke. Der Kunstraum WallRiss wird Arbeiten der Künstlerinnen Leila Niederberger und Ilaria Vinci zeigen. Das Bad Bonn übernimmt ein Konzert des Duos Reymour, bestehend aus Lou Savary und Luc Bersier. Die Gessnerallee in Zürich schliesslich präsentiert das Format «Poesie ist kein Luxus», in dem es um zeitgenössisches und poetisches Schreiben geht. Dazu gibt es Gesang des Duos Amina & Mathilde.

Lebenszeichen der Kultur

Der «Plan BB» sei ein Lebenszeichen der Kultur, die jetzt wichtiger sei denn je, sagt Laurence Wagner. «Mit jedem Tag merken wir mehr, wie sehr die Kultur uns fehlt.» Gerade in schwierigen Zeiten könne die Kunst helfen, Dinge einzuordnen. «Wir wollen vorwärtsschauen und dazu beitragen, etwas Gutes aus all dem Schlechten zu machen, das jetzt gerade passiert.»

Die Spieldaten werden je nach Verlauf der Pandemie festgelegt. Informationen gibt es laufend unter www.belluard.ch.

Interview

«Es war eine emotionale Achterbahnfahrt»

Erst im Oktober hat Laurence Wagner die Leitung des Bollwerkfestivals übernommen; die diesjährige Ausgabe wäre ihre Premiere gewesen. Die FN haben mit ihr über die Krise gesprochen.

Laurence Wagner, wie haben Sie die letzten Wochen und Monate erlebt?

Es war eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich versuchte, gleichzeitig die Hoffnung zu behalten und immer neue Lösungen für immer neue Probleme zu finden. Der Austausch mit allen Beteiligten, vom Team über die Künstlerinnen und Künstler bis zu den Geldgebern, war intensiv. Wir fanden uns alle im gleichen Boot: einem kleinen Boot in einem heftigen Sturm, das verzweifelt versucht, nicht unterzugehen. Aber wir sind noch da, und ich bin zufrieden mit dem, was wir hoffentlich retten können.

Sie haben lange gehofft, das Festival durchführen zu können. Wann wurde klar, dass es nicht gehen würde?

Es war mehr ein Prozess als ein bestimmter Zeitpunkt. Wie alle Veranstalter warteten wir im April auf einen Entscheid des Bundesrats. Dieser kam nicht wie erhofft am 16., sondern erst am 29. April. Aber wir haben schon vorher gemerkt, dass eine Durchführung immer unrealistischer wurde. Abgesehen vom Versammlungsverbot waren auch die Grenzschliessungen entscheidend, denn viele unserer Künstlerinnen und Künstler kommen aus dem Ausland.

Welche finanziellen Folgen hat die Absage?

Wir hatten zum Glück genug Zeit, um einige Ausgaben zu vermeiden, und die zugesagten Subventionen werden trotzdem fliessen. Wir werden auf den Füssen landen, und das Festival wird weiter existieren. Aber die wirtschaftliche Krise wird uns ebenso treffen wie die ganze Kulturszene. Die Zukunft wird nicht einfach.

cs