Fussball 19.06.2020

Der «kleine Léo» ist gross geworden

Der Freiburger Léo Seydoux kämpft bei der Rückkehr in die Super League gleich an zwei Fronten: mit seinem Team Neuenburg Xamax gegen den Abstieg und persönlich für eine Rückkehr zu seinem Stammverein Young Boys.

Léo Seydoux war letzten Sommer auf die Maladière gekommen, als Leihgabe der Young Boys. Weil der 22-Jährige bei YB angesichts der starken und zahlreichen Konkurrenz nur wenig zum Zug gekommen war, sollte er in dieser Saison bei Neuenburg Xamax Matchpraxis sammeln. Das tat er dann auch fleissig: In 26 Pflichtspielen kam der Verteidiger 25-mal zum Einsatz, nur 6 Mal spielte er nicht durch. Mit seiner Schnelligkeit und seiner Zweikampfstärke brachte Seydoux auf der linken Aussenbahn viel Zug ins Spiel der Neuenburger und entwickelte sich bald zur wichtigen Teamstütze. «Bei YB war ich stets der ‹kleine Léo›, der aus dem eigenen Nachwuchs kam. Bei Xamax habe ich eine andere Rolle, kann mehr Verantwortung übernehmen. Das gefällt mir», sagt Seydoux.

Auf den Spuren von Dani Alves

Seine Fussballkarriere hat der Greyerzer als Fünfjähriger beim FC Remaufens begonnen. Beim kantonalen Team AFF/FFV durchlief er die Juniorenstufen U13 bis U16, ehe er 2013 in die Nachwuchsabteilung von YB wechselte und seinen Weg bis zum Captain der U21 beharrlich voranschritt. Im Alter von 19 Jahren erhielt Seydoux in Bern seinen ersten Profivertrag und hängte seinen Job als Sportartikelverkäufer an den Nagel. Seine Feuertaufe in der Super League erlebte er am 9. September 2018 mit dem späteren Meister, bei Xamax ist der Freiburger nun zum Stammspieler gereift.

Bis er 18 Jahre alt war, spielte Seydoux primär im Mittelfeld. Es waren seine damaligen Trainer, die ihm sein Poten- zial als Aussenverteidiger schmackhaft machten und ihm bessere Karrierechancen in Aussicht stellten. Längst hat sich der Rechtsfuss an die neue Position gewöhnt und geht – wie sein grosses Vorbild Dani Alves – ganz in seiner neuen Aufgabe auf. Mit seiner Beharrlichkeit in der Zweikampfführung, der konstanten Bearbeitung des Gegners und seinen energischen Sprints entlang der Seitenlinie nach vorne wandelt er auf den Spuren seines brasilianischen Idols.

Dass Seydoux Neuenburgs Trainer Joël Magnin bereits aus seiner Zeit bei YBs U21 kennt, hat seine Integration in Neuenburg erleichtert. «Schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt, einmal das rot-schwarze Maillot von Xamax tragen zu dürfen», erinnert sich der Blondschopf. Xamax und das Freiburger Team AFF/FFV hatten noch bis vor einigen Jahren auf Juniorenstufe kooperiert; 2012, nach dem Konkurs und der Ära Tschagajew zerbrach die Partnerschaft. YB sprang ein, so dass der Weg von Seydoux in die Hauptstadt geführt hat anstatt auf die Maladière. Ein Glücksfall.

YBs Bekenntnis

Denn bei YB hält man grosse Stücke auf Seydoux. «Léo ist ein super Mensch und ein toller Fussballer», sagt Albert Staudenmann, der Berner Medienchef, gegenüber den FN. «Er ist ein Paradebeispiel für den jungen Spieler, den man im Verein grosszieht, den man an einen kleineren Verein ausleiht, damit er ohne Druck den nächsten Schritt vorwärtsmachen kann und sich bereit machen kann für eine Zukunft bei seinem Stammverein.» Auch wenn sich Seydoux momentan in Neuenburg wohlfühlt und er seit Jugendjahren eine gewisse Bewunderung für Xamax empfindet – seine Zukunft sieht er bei Young-Boys. «YB ist der beste Club der Schweiz. Da will ich hin.»

Dass der 22-Jährige dereinst wieder Gelb-Schwarz trägt, ist anzunehmen. Zumindest hat der Schweizer Meister diesbezüglich klare Signal ausgesandt: Im vergangenen Oktober hat er den Vertrag mit dem zweikampfstarken Verteidiger vorzeitig bis Sommer 2021 verlängert. Und auch jetzt, wenn Seydoux an Xamax ausgeliehen ist, verfolgt YB die Entwicklung seines Youngsters aufmerksam und begleitet ihn eng. «Einmal pro Woche habe ich mit den Trainern von YB eine Videoanalyse zu meinen Matches», erklärt der Greyerzer. Das helfe ihm sehr. «Zum einen profitiere ich spielerisch davon. Und zum anderen zeigt es mir, dass YB auf mich zählt und mich nicht einfach zu Xamax abgeschoben hat.»

Zuversicht trotz Unruhen

Während Léo Seydoux persönlich auf einer Erfolgswelle reitet, hat Xamax in dieser Saison weniger Grund zum Jubeln. 13 Runden vor Schluss liegen die Neuenburger punktgleich mit Schlusslicht Thun auf dem Barrageplatz und kämpfen ums Überleben in der Super League. Bloss drei Siege in 23 Begegnungen haben bisher herausgeschaut. Mit zehn Unentschieden darf sich das Team von Joël Magnin zwar Remis-König der Liga nennen, die vielen Unentschieden sorgen allerdings nur für bescheidenen Zuwachs auf dem Punktekonto. «Wir müssen unbedingt öfters einen Dreier einfahren», fordert Seydoux. Idealerweise fange man gleich am Samstag im Direktduell gegen Thun damit an.

Für den Neustart hat Xamax mit dem ehemaligen Nationalspieler Johan Djourou und dem langjährigen Sion-Captain Xavier Kouassi seine Defensivachse verstärkt. Die beiden Spielerverpflichtungen gingen nach der fristlosen Kündigung in Sion aber nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne. Ebenso wenig die Abgänge von Serey Die und Gaëtan Karlen, die den umgekehrten Weg wählten und Xamax in Richtung Wallis verliessen. Für Unruhe sorgte zudem die Tatsache, dass bei den Neuenburgern Ende Saison 15 Spielerverträge auslaufen und lange nicht klar war, wer bleibt. Inzwischen habe alle Betroffenen bis Ende Saison verlängert. «Das beweist, wie gross die Solidarität und der Zusammenhalt im Team sind», sagt Seydoux. Auch über den Qualitätsverlust, den die Abgänge von Mittelfeldmotor Die und Offensivkraft Karlen zur Folge gehabt haben, macht sich Seydoux keine Sorgen. «Ich bin überzeugt, dass wir die Mittel haben, um uns zu retten.»

Familienmensch

Das zu beweisen, darauf freut sich Seydoux. «Es ist toll, dass wir endlich wieder Fussball spielen können. Die Geisterspiele werden sich wohl etwas bizarr anfühlen, aber das ist für alle gleich.» Während des Lockdowns war der Greyerzer, der in der Stadt Freiburg wohnt, sehr viel bei seinen Eltern auf dem Land. «Sie haben einen kleinen Kraftraum im Keller. Dort konnte ich trainieren und mich fit halten.» Überhaupt verbringt der junge Mann ausserhalb des Fussballs gerne Zeit mit seinen Freunden und seiner Familie. Bei ihnen kann der Familienmensch die Kraft tanken, die er benötigt, um seine beiden bevorstehenden Kämpfe zu gewinnen: Mit Xamax den Ligaerhalt zu schaffen und zu den Young Boys zurückzukehren.

«Die Geisterspiele werden sich wohl etwas bizarr anfühlen, aber das ist für alle gleich.»
«Es zeigt mir, dass YB auf mich zählt und mich nicht einfach zu Xamax abgeschoben hat.»
«Bei YB war ich stets der ‹kleine Léo›, bei Xamax kann ich mehr Verantwortung übernehmen.»