eishockey 16.05.2020

«Sonst könnten wir gleich alles hinwerfen»

Freut sich über die Unterstützung, sieht die Bundesdarlehen aber kritisch: Raphaël Berger.
Salary-Cap, Lohnsenkungen und eine geschlossene Liga – die Corona-Krise beschleunigt die Diskussionen über Lösungsansätze, damit die Eishockey-Clubs langfristig überleben können. Gottérons Generaldirektor Raphaël Berger nimmt Stellung zu diesen Vorschlägen.

Sollte wegen der Coronavirus-Pandemie das Veranstaltungsverbot über den August hinaus gelten, sehen sich die Clubs in ihrer Existenz bedroht. Der Bundesrat hat zwar am vergangenen Mittwoch ein Stabilisierungspaket für den Sport geschnürt, das Darlehen von bis zu 150 Millionen Franken für die Eishockeyliga vorsieht, noch aber geben sich die Vereine zurückhaltend, weil die Gelder an hohe Auflagen gebunden sind. Diese Darlehen seien sicherlich kurzfristig eine Hilfe, sagt Gottérons Generaldirektor Raphaël Berger, längerfristig würden sie die Probleme der fehlenden Einnahmen indes nicht lösen. Deshalb kommen im Schweizer Eishockey in dieser Krise längst fällige strukturelle Systemänderungen auf den Tisch. Im Interview mit den FN erklärt Berger, weshalb ein Salary-Cap im Gegensatz zu mehr Importspielern in der Liga funktionieren könnte, um die Lohnkosten zu senken.

 

Raphaël Berger, noch vor drei Monaten hat niemand geahnt, was alles auf uns zukommen würde mit dem partiellen Lockdown und den damit auch für den Sport verbundenen Konsequenzen. Wie sind Sie ganz persönlich mit dieser Situation umgegangen?

Wenn eine Saison abgeschlossen wird, ist es im Grunde immer wie ein kleiner Lockdown. Du hast monatelang so viel Zeit investiert, und auf einmal ist es vorbei. Plötzlich fehlt dir etwas. Das Gefühl hat sich diesmal ganz klar akzentuiert. Allerdings war ich schnell mit den Füssen wieder zurück auf dem Boden. Es gibt viel zu tun und viel zu planen. Ich arbeite seit zwei Monaten im gleichen Rahmen wie sonst auch, einzig der Kontakt nach aussen ist für mich wie für die meisten geringer geworden.

Was bereitet dem Generaldirektor von Gottéron zurzeit die grössten Sorgen?

Es ist nicht der Abschluss der Saison 2019/20, der wird nicht so schlecht sein. Sorgen bereitet mir die nächste Saison, und zwar aus zwei Hauptgründen. Einerseits besteht grosse Unsicherheit bezüglich der allgemeinen Planung. Alles, was wir bis August tun, basiert darauf, dass die Saison am 18. September starten kann. Ob das der Fall sein wird, wissen wir heute noch nicht. Für uns ist zudem speziell, dass wir in eine neue Halle ziehen, was eine Menge zusätzliche Arbeit bedeutet. Die zweite Sorge ist der Verkauf für die Saison 2020/21. Während einige Vereine mit dem Ticketing begonnen und Rechnungen verschickt haben, warten wir noch bis zum Ende des Monats ab. Ich hoffe, dass wir am 27.  Mai mehr wissen (an diesem Tag will der Bundesrat über weitere Lockerungen ab dem 8.  Juni entscheiden – Red.). Dann müssen auch wir mit dem Ticketing starten, möglicherweise verbunden mit speziellen Konditionen. Im Marketing konnten wir bereits viele Verträge verlängern oder neu abschliessen. Natürlich ist die wirtschaftliche Lage nicht optimal. Normalerweise erreichen wir unsere Ziele im Marketing und Sponsoring bis Ende Juni. Es ist noch zu früh, um eine Prognose abzugeben, und wir rechnen damit, dass wir unsere Vorgaben im besten Fall erreichen. Andere Szenarien sind aber ebenfalls möglich.

Wie andere Clubs hat auch Gottéron die Soforthilfe in Form des Bundeskredits für KMU in der Höhe von 500 000 Franken in Anspruch genommen. Ist die Liquidität des Vereins damit vorderhand gewährleistet?

Bis im Juli sollten wir liquide sein. Dann kommt es jedoch darauf an, was wir verrechnen konnten und was bezahlt wurde. Es könnte sein, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist, wann die kommende Saison starten kann, und die Kunden die Rechnungen zwar haben, aber mit dem Bezahlen abwarten, um zu sehen, wohin die Reise geht. Deshalb könnte die Liquidität Ende Sommer für uns zu einem Problem ­werden.

Erst am Mittwoch gab der Bundesrat ein signifikantes Hilfspaket für den Sport in der Höhe von 500 Millionen Franken bekannt. Haben Sie sich von der Politik zuvor allein gelassen gefühlt?

Ja. Es war immer von wichtigeren Branchen die Rede. Natürlich gibt es Prioritäten. Der Sport und die Kultur gehörten aber offensichtlich nicht dazu. Dabei sind auch diese Bereiche ein wichtiger Teil des sozialen Lebens.

Gerade die Hilfe für den Profisport wird in der breiten Öffentlichkeit emotional diskutiert.

Der Profisport ist der Motor für den ganzen Sport. Ohne ihn gibt es weniger oder gar keine Nachwuchsausbildung. Zudem ist der Profisport auch ein Business mit vielen Arbeitsstellen. Das wird von Behörden, Politik und gar dem Bundesamt für Sport oftmals nicht verstanden. Selbstverständlich geht es auch um Geld. Und einige Spieler verdienen sehr viel davon.

Die vom Bundesrat in Aussicht gestellten Darlehen tönen erst einmal gut. Sie sind aber mit vielen Bedingungen wie Lohnsenkungen geknüpft. Wie hilfreich sind diese Darlehen?

Plötzlich ging alles schnell, und die Eishockeyliga musste Ja oder Nein dazu sagen – darum hat sie bisher auch erst eine Absichtserklärung unterschrieben. Vieles im Zusammenhang mit den Darlehen ist noch unklar. Eine Unterstützung tut immer gut, ob sie aber den gewünschten Effekt hat, ist eine andere Frage. Die Darlehen sind wie der Bundeskredit in erster Linie eine Liquiditätshilfe. Verloren gegangene Einnahmen können nicht einfach nachgeholt werden. So werden die Darlehen spätestens beim nächsten Jahresabschluss zu einem Problem.

Die Clubs werden also Schwierigkeiten haben, die Gelder zurückzubezahlen?

Dass mit Darlehen Konditionen verbunden sind, ist völlig klar. Um sie zurückerstatten zu können, müssten wir aber die Kosten senken. Die Rechnung ist einfach. 60 bis 70 Prozent unserer Einnahmen sind mit den Heimspielen verbunden. Sollten wir ohne Zuschauer spielen müssen, können die Ausfälle auch mit Lohnsenkungen nicht kompensiert werden. Ich habe gelesen, dass bis zu 80 Prozent der Einnahmen in die Spielerlöhne fliessen sollen. Das ist falsch. Bei uns sind es gut 50 Prozent. Wir sind ein Unternehmen mit einem Umsatz von 20 Millionen Franken, der mit der neuen Halle weiter steigt. Wir haben viele Ausgaben, nicht nur die Spielerlöhne.

Trotzdem lautet eine der Bedingungen des Bundesrats: Nimmt ein Club ein Darlehen in Anspruch, muss er die Löhne der Spieler in den nächsten drei Jahren um 20  Prozent senken. Ist das umsetzbar?

Das ist schwer zu sagen. Die Frage ist doch: Was können wir jetzt tun, um die Existenz der Vereine zu sichern? Auf der anderen Seite gibt es bestehende Verträge, und es gilt zu diskutieren, inwiefern Gehälter von aussen diktiert werden können.

Sind die Spieler von Gottéron bereit, in dieser Krise freiwillig auf einen Teil ihres Lohns zu verzichten?

Wir haben mit unseren Spielern darüber gesprochen, und sie sind offen dafür. Es herrscht keine Konfliktsituation, wie sie etwa bei einigen Fussballclubs bestanden hat. Aber es braucht zunächst Klarheit darüber, ob weitere Spiele vor leeren Rängen stattfinden müssen. Zuerst müssen die Positionen für alle transparent sein.

Im Zuge der Lohndiskussion ist das Thema Salary-Cap, der im US-Sport die Regel ist und in Europa nur in der KHL und teils im Rugby angewendet wird, wieder aktuell. Wäre eine Lohnobergrenze aus Ihrer Sicht wünschenswert?

Für einen Club wie Gottéron wäre der Salary-Cap sicher positiv. Ob er jedoch rein juristisch zu realisieren ist, wurde bereits x-mal klar mit Nein beantwortet. Dazu müsste ein Systemwechsel stattfinden. Die Spieler sind Mitarbeiter wie in jeder anderen Firma auch. Gedeckelte Löhne sind im aktuellen System keine Möglichkeit. Ausserdem bräuchte es für den Salary-Cap ein Gentlemen’s Agreement und das Commitment von allen. Davon sind wir noch weit weg. Vielleicht ist die Corona-Krise eine Zusatzmotivation, um eine Lösung für einen Salary-Cap zu finden. Kein gutes Beispiel dafür ist aber die von Ihnen erwähnte KHL, in der die Spielerverträge am wenigsten eingehalten werden …

Würde ein Salary-Cap tatsächlich für Chancengleichheit sorgen, und ein Ambri könnte mit den ZSC Lions auf Augenhöhe spielen?

Limitierte Löhne würden sicher ihren Teil dazu beitragen. Mit dem Salary-Cap hätte ein Club, der bereits x Nationalspieler im Kader hat, nicht mehr über das nötige Budget verfügen, um einen Nationalstürmer für die dritte oder vierte Linie zu engagieren. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder gehen die Löhne dieser Spieler runter, oder sie sind in den Vereinen besser verteilt. Eine gewisse Hierarchie würde wohl bestehen bleiben, zumal es ja Salary-Caps mit einer unteren und einer oberen Grenze gibt. Ich will nicht sagen, dass die Arbeit der Sportchefs von Zürich oder Zug einfacher ist, aber mit einem grösseren Spielraum im Budget kann man sich auch sportlich höhere Ziele stecken.

Einige Club-Vertreter argumentieren, dass eine Erhöhung der Anzahl Ausländer pro Team die Löhne ebenfalls senken würden. Simmen Sie dem zu?

So funktioniert das nicht. Die Massnahme würde nicht die Spitzenverdiener treffen, sondern die anderen den Platz in der National League kosten. Zudem würden die Top-Clubs einfach mehr Geld in starke Ausländer investieren, die mehr als die Schweizer verdienen. Ganz abgesehen davon gilt es neben den finanziellen Konsequenzen auch diejenigen für den Nachwuchs und das Nationalteam zu bedenken. Der Stellenwert der einheimischen Spieler würde sinken und die Identifikation der Fans mit der Mannschaft verloren gehen.

Wäre eine geschlossene Liga die bessere Lösung, um den Erfolgsdruck von den Clubs zu nehmen, die dadurch auf kostengünstigere Junioren setzen könnten?

Nächste Saison gibt es ja keinen Absteiger. Das kann schon dazu führen, dass die Vereine mehr mit den Junioren arbeiten. Solche strukturellen Veränderungen müssen aber gut überlegt sein. Heute gibt es noch zu viele Unsicherheiten, und es ist schwierig, die richtigen Entscheide zu treffen.

Zum Ende noch das Worst-Case-Szenario: Das neue Stadion ist im September bezugsbereit – aber es dürfen keine Zuschauer rein …

Wir sind alle positiv eingestellt und denken nicht an so was. Sonst könnten wir gleich alles hinwerfen. Wir sind als Club dazu verpflichtet, alles dafür zu tun, dass wir am 18. September bereit sind. Sollten wir aber tatsächlich vor leeren Rängen spielen müssen, wäre das eine sehr, sehr kritische Situation – nicht nur für Gottéron, sondern für alle Proficlubs.