Eishockey 13.01.2021

Gottéron gewinnt nach 0:4-Rückstand

Da wollte der Puck von Julien Sprunger noch nicht ins Tor.
Bild Keystone
Was wäre gestern im St. Leonhard los gewesen, wären Zuschauer im Stadion gewesen! Gottéron lag gegen Davos 0:4 zurück, glich 23 Sekunden vor Schluss aus und gewann am Ende verdient 7:6 nach Verlängerung.
Es war 22.11 Uhr, als die Statistiker des HC Davos auf der Medientribüne fluchend Kugelschreiber und Kaffebecher wegschleuderten. Mit dem 68. Freiburger Schuss erzielte Viktor Stalberg in der letzten Minute der Verlängerung den 7:6-Siegtreffer. Der Ärger im Gästestaff war verständlich. Gottéron war in dem Match kein einziges Mal in Führung gelegen und schien mehrmals geschlagen. Nach 1:55 Minuten lagen die Freiburger 0:3 zurück, nach 10 Minuten 0:4. Zweimal kassierten sie bei ihrer Aufholjagd empfindliche Rückschläge. Zunächst als sie bei Spielmitte einen Shorthander zum 3:5 kassierten, ein zweites Mal in der 45. Minute, als sie mit einem groben Fehler im Spielaufbau Davos das 4:6 schenkten.
 
Doch Gottéron machte einfach immer weiter. «Wir haben mentale Stärke gezeigt. Das gehört eben auch zu unseren Waffen. Wir haben es geschafft, dass die Emotionen immer in unserem Spiel geblieben sind», sagte Captain Julien Sprunger, der 23 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit den 6:6-Ausgleich schoss. «Wir müssen viele, viele Sachen verbessern. Wenn man sieben Tore schiessen muss, um zu gewinnen, ist das natürlich nicht gut. Aber wir müssen das Positive mitnehmen. Das Powerplay war sehr gut und wir haben gezeigt, dass wir offensiv richtig Gas geben können.»
 
0:3 nach 115 Sekunden
Dabei schien das Spiel zu einem Zeitpunkt bereits entschieden zu sein, als Gottéron noch nicht einmal in die Nähe des Davoser Tors gekommen war. 0:3 stand es nach 1:55 Minuten. Mit der Bilanz von zwei abgewehrten Schüssen und drei Gegentoren – für gemeine Statistikfans: Das ergibt eine Fangquote von 40 Prozent – verliess der von seinen Vorderleuten völlig im Stich gelassene Reto Berra das Eis. «Wir waren nicht da. Das ist manchmal schwierig zu erklären», sagte Sprunger.
 
Tatsächlich standen die Freiburger in den ersten zwei Minuten komplett neben den Schuhen. Alles begann mit einem kapitalen Bock von Marc Abplanalp, der mit einem Fehler im Spielaufbau nach 37 Sekunden Fabrice Herzog das 0:1 ermöglichte. Ein Tor, das Gottéron in eine Art Schockstarre versetzte. 31 Sekunden später spazierte Sven Jung durch die Freiburger Abwehr und erzielte das 0:2. Als weitere 47 Sekunden danach Aaron Palushaj erneut von einem viel zu laschen Freiburger Abwehrverhalten profitierte und das 0:3 schoss, hatte auch Freiburgs Trainer Christian Dubé genug gesehen. So richtig aufwecken konnte er seine Spieler mit dem Timeout aber nicht. Das Heimteam blieb extrem wacklig, in der 10.  Minute war auch Connor Hughes ein erstes Mal bezwungen, als Teemu Turunen das 0:4 schoss.
 
Doppelschlag in Überzahl
Offensichtlich im Stolz verletzt, machte Gottéron danach mit der Wut im Bauch plötzlich mächtig Druck. Als Abplanalp in der 17. Minute das 1:4 schoss, war der Jubel beim Heimteam noch verhalten. So richtig neu lanciert wurde der Spiel in der 24. Minute, als bei Davos zunächst Neuzugang Valentin Nussbaumer auf die Strafbank musste und Andres Ambühl beim folgenden Bully zweimal zu früh zuckte und ebenfalls eine 2-Minuten-Strafe kassierte. Gottéron nutzte das Geschenk für einen Doppelschlag. Zunächst traf Viktor Stalberg in doppelter Überzahl, 51 Sekunden später Chris DiDomenico in einfacher.
 
So stand es nach gut 25 Minuten 3:4, plötzlich wankte Davos. Die Bündner wussten nicht mehr, wie ihnen geschah. Gottéron deckte Robert Mayer mit zahlreichen Schüssen ein, 25 waren es allein in diesem zweiten Drittel. Mehrmals waren die Freiburger nah am Ausgleich. Als HCD-Verteidiger Jung in der 30. Minute auf die Strafbank musste, lag das 4:4 in der Luft. Es hätte den Gästen wohl mutmasslich den Rest gegeben. Stattdessen leistete sich der zweite Freiburger Powerplay-Block eine Unachtsamkeit, Enzo Corvi gelang in Unterzahl das 3:5.
 
68:35 Schüsse
Das stoppte den Freiburger Elan aber nur vorübergehend. Zu Beginn des Schlussdrittels erzielte David Desharnais den erneuten Anschlusstreffer. Und wieder stoppte Gottéron seine Ausgleichsbemühungen gleich selbst – diesmal war es Stalberg, der mit einem schlimmen Fehlpass im Spielaufbau Benjamin Baumgartner das 4:6 ermöglichte (45.).
 
Die Entscheidung war aber auch das nicht. Zu anfällig ist die Davoser Defensive, als dass die Bündner einen Vorsprung sicher verwalten könnten. Trotzdem schien Benjamin Chavaillaz’ 5:6 in der 48. Minute lange nur Resultatkosmetik zu sein. Hätten die Davoser eine Minute vor Schluss, als Gottéron bereits ohne Torhüter spielte, nicht knapp am leeren Tor vorbei, sondern ins Tor geschossen, wäre es das auch gewesen. Stattdessen gelang Sprunger bei 6 gegen 4 Feldspieler 23 Sekunden vor Schluss nach schöner Vorarbeit von Desharnais der Ausgleich.
In der Overtime hatte Freiburg die besseren Chancen, 23  Sekunden vor dem Ende erzielte Stalberg mit einem schönen Direktschuss den 7:6-Siegtreffer. Bei einem Schussverhältnis von 68:35 war Gottérons Erfolg unter dem Strich auch verdient. «Für den Kopf war das nach den zwei Niederlagen gegen Zug extrem wichtig», freute sich Julien Sprunger. 
 

Telegramm

Gottéron - Davos 7:6 n. V. (1:4, 2:1, 3:1, 1:0) 
Keine  Zuschauer. – SR Stricker/Piechaczek (GER), Schlegel/Burgy.
Tore: 1. (0:37) Herzog (Egli) 0:1. 2. (1:08) Jung (Ambühl, Corvi) 0:2. 2. (1:55) Palushaj (Nussbaumer) 0:3. 10. Turunen (Corvi, Nygren/Powerplaytor) 0:4. 17. Abplanalp (Schmid) 1:4. 25. (24:25) Stalberg (Gunderson/bei 5 gegen 3) 2:4. 26. (25:16) DiDomenico (Gunderson, Mottet/Powerplaytor) 3:4. 31. Corvi (Turunen/Unterzahltor!) 3:5. 43. Desharnais (DiDomenico, Stalberg) 4:5. 45. Baumgartner (Corvi, Ambühl) 4:6. 48. Chavaillaz (DiDomenico) 5:6. 60. (59:37) Sprunger (Desharnais, Mottet/Powerplaytor) 6:6 (ohne Torhüter). 65. (64:37) Stalberg (Gunderson, Desharnais) 7:6. Strafen: 5mal 2 plus 10 Minuten (Chavaillaz) gegen Gottéron, 7mal 2 Minuten gegen Davos.
Freiburg-Gottéron: Berra (2. Hughes); Sutter, Jecker; Gunderson, Abplanalp; Kamerzin, Chavaillaz; Aebischer; Stalberg, Desharnais, Mottet; Rossi, Walser, Herren; Sprunger, Bykov, DiDomenico; Bougro, Schmid, Marchon; Jobin.
Davos: Mayer; Nygren, Zgraggen; Stoop, Jung; Heinen, Guerra; Kienzle, Baumgartner; Marc Wieser, Egli, Herzog; Ambühl, Corvi, Turunen; Palushaj, Nussbaumer, Ullström; Frehner, Marc Aeschlimann, Knak.
Bemerkungen: Gottéron ohne Furrer, Jörg (beide verletzt) und Brodin (überzähliger Ausländer), Davos ohne Barandun, Du Bois, Paschoud, Rubanik und Dino Wieser (alle verletzt). Gottéron von 58:57 bis 59:37 ohne Torhüter.
Die FN-Besten: DiDomenico, Mayer.