Eishockey 23.03.2020

Das Ende einer Ära

Thomas Zwahlen benötigt seine Taktiktafel bis auf weiteres nicht mehr.
Während elf Saisons hat Thomas Zwahlen als Trainer die Düdingen Bulls geprägt. Im Interview zieht er Bilanz über sein Schaffen und erklärt, welche Herausforderungen sein Nachfolger meistern muss. Und er sagt, warum er von seinem langjährigen Verein enttäuscht ist.

Noch ist nicht klar, in welcher Liga die Düdingen Bulls nächste Saison spielen werden (siehe Kasten). Sicher ist hingegen, dass Thomas Zwahlen nicht mehr ihr Trainer sein wird. Nach elf Jahren Zusammenarbeit gehen die Bulls und Zwahlen künftig getrennte Wege. Als das vor gut zwei Wochen bekannt wurde, war der Berner für eine Stellungnahme noch nicht erreichbar. Mit ein bisschen Abstand bricht der 60-Jährige im FN-Interview nun sein Schweigen.

 

Thomas Zwahlen, Sie und die Düdingen Bulls arbeiten nicht mehr zusammen. Wie ist es dazu gekommen?

Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass ich auch nächste Saison Trainer der Bulls sein würde, weil ich noch einen Vertrag hatte. Nach dem Abstieg war der Verein allerdings der Meinung, dass es nach elf Jahren Zeit sei, etwas Neues zu probieren. Das muss ich akzeptieren, ich hätte mir allerdings einen etwas anderen Abgang gewünscht.

Das hört sich nicht so an, als sei die Trennung «im gegenseitigen Einvernehmen» geschehen, wie vonseiten des Vereins kommuniziert wurde.

Ich möchte das Ganze nicht gross kommentieren. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass der Verein mich etwas mehr angehört hätte. Ich bin enttäuscht, dass man mir nicht die Chance gegeben hat, meine Sicht der Dinge und meine Visionen für die Zukunft darzulegen.

In der schnelllebigen Sportwelt ist eine so lange Clubtreue wie die Ihrige eher ungewöhnlich. Sind Sie auch privat ein Mensch, der gerne Kontinuität hat?

Das ist wohl eine Eigenart von uns Polizisten, wir haben Schwierigkeiten mit Veränderungen (lacht). Lieber baue ich mir etwas auf, das Bestand hat, und halte dann daran fest, als dass ich Veränderungen anstrebe. Qualität zeigt sich meist erst mit den Jahren, auch im Sport. Das ist wohl der Grund, warum mich die Entlassung in Düdingen getroffen hat. Ich werde noch etwas Zeit brauchen, bis ich alles richtig verarbeitet habe.

Warum hat es den Düdingen Bulls in der Swiss Regio League sportlich nicht zum Ligaerhalt gereicht?

Das Problem war, dass man aus der Kaderzusammenstellung der vorherigen zwei Saisons nichts gelernt hat. Der Verein hat die finanziellen Mittel nicht zur Verfügung stellen können oder wollen, die es gebraucht hätte, um ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen. So kam es, dass wir im Sommer zahlreiche gute Spieler angefragt haben, sie uns aber alle absagten. Jene Spieler, die schon letzte Saison bei den Bulls waren und geblieben sind, hatten das nötige spielerische Niveau. Aber es ist uns nicht gelungen, die Mannschaft um sie herum zu ergänzen, geschweige denn zu verstärken.

Es fehlte demnach an der spielerischen Substanz?

Ja. Zudem hatten wir das Pech, dass wir auf Spieler gebaut haben, die dann während der Saison ausgefallen sind. Das zwang uns, die Mannschaft ständig umzubauen. Ich sage bewusst «Mannschaft», denn ein Team sind wir nie richtig gewesen. Wegen der ständigen Veränderungen konnten wir gar nicht zu einer Einheit zusammenwachsen. Die Wechsel haben auch dazu geführt, dass die Rollenaufteilung in der Mannschaft nicht mehr gestimmt hat. Die Spieler, die mit einer B-Lizenz neu hinzugekommen sind, haben Rollen erhalten, die auch andere für sich beansprucht haben. Das hat zuweilen zu Missgunst geführt.

Sie waren elf Saisons lang Trainer der Bulls. Was war Ihr Antrieb in all den Jahren?

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Treffen mit dem Verein in einem Restaurant in Flamatt. Ich hatte gerade beim SC Bern aufgehört, weil ich nicht noch mehr Richtung Profitrainer gehen wollte. Das Geschehen in Düdingen hatte ich immer etwas verfolgt, und der Club hatte für mich immer eine interessante Option dargestellt, sollte ich mal nicht mehr auf dem obersten Level trainieren. Als mich dann Armin Roggo, der damalige TK-Chef der Bulls, kontaktiert hat, habe ich mich sehr gefreut, und auch mein erstes Gespräch mit ihm und Präsident Josef Baeriswyl ist sehr produktiv verlaufen. Armin erklärte mir die Situation des Clubs, dass man eine schwierige Zeit hinter sich habe und nicht klar sei, ob man die Saison überhaupt spielen könne. Man sei dabei, ein neues Team aufzubauen, und wolle viele junge Spieler einbauen. Damit hatte mich der Verein am Haken. Die Arbeit mit den Jungen ist das, was ich am liebsten mache und am besten kann. Das war es auch, was mich in den elf Jahren bei den Bulls immer wieder angetrieben hat.

Was ist es, das Sie an der Arbeit mit den Jungen fasziniert?

Die jungen Spieler zu formen, ihnen im taktischen und einzeltaktischen Bereich die nötigen Fähigkeiten mitzugeben, damit sie später im Erwachseneneishockey erfolgreich sein können, das ist eine spannende Aufgabe. Talent allein reicht nicht, man muss jeden Tag hart arbeiten. Dass die Jungen das verinnerlichen und so weit kommen, dass sie diese Einstellung leben, darin besteht für mich der Reiz der Aufgabe.

Gibt es einen Spieler, der Ihnen aus den elf Jahren in Düdingen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Das wäre unfair, hier einen Namen zu nennen. In all den Jahren haben wir sehr viele junge Spieler integriert, viele haben sich gut entwickelt. Ohne überheblich sein zu wollen, darf ich behaupten, dass wir viele gute Spieler hervorgebracht haben. Insbesondere in den ersten Jahren, als die Zusammenarbeit mit den Elite B von ENB SenSee gut geklappt hat, hat unsere Arbeit gefruchtet. Nach dem Abstieg von SenSee in die Junioren Top in der Saison 2015/16 ist es etwas schwieriger geworden.

Was macht Sie am meisten stolz, wenn Sie auf Ihre Zeit bei den Bulls zurückblicken?

Ich habe in den Jahren immer versucht, die Philosophie des Vereins umzusetzen. Die Rahmenbedingungen mit den relativ bescheidenen finanziellen Möglichkeiten und dem Anspruch, stets junge Spieler zu integrieren, waren nicht immer einfach. Diese Vorgaben umzusetzen, ist mir ganz gut gelungen.

Was war der schönste Erfolg, den Sie in den elf Jahren feiern durften?

Da gibt es einige. Da war sicherlich einmal der Gewinn des Schweizer-Meister-Titels der Amateure 2013. Die packenden Duelle gegen Marti­gny im Kampf um den Titel bleiben mir ebenfalls in bester Erinnerung. Und dann natürlich der Aufstieg in die Swiss Regio League.

Gibt es etwas, das Sie aus heutiger Sicht anders machen würden?

Ich denke, wir haben vieles richtig gemacht. Zwei Sachen würde ich heute dennoch anders machen. Nach unserem Meistertitel haben wir es verpasst, einen Schritt vorwärtszugehen. Wir hätten eine Art «Vision Westschweiz» entwickeln müssen. Wir hätten uns zum Ziel setzen müssen, der attraktivste Verein der Westschweiz zu werden, so dass die jungen Spieler unbedingt nach Düdingen kommen wollen. Auf sportlicher Ebene ist uns das Ziel nach dem Gewinn des Meistertitels etwas abhandengekommen, weil ein Aufstieg in die Nationalliga damals nicht möglich war. Mit dieser «Vision Westschweiz» hätten wir einen Ansporn gehabt, uns weiterzuentwickeln. Wenn man kein Ziel hat, ist es schwierig weiterzugehen.

Und was ist das Zweite, das Sie heute anders machen würden?

Nach dem ersten Jahr in der Swiss Regio League hätte ich mich bei der Kaderzusammensetzung mehr durchsetzen sollen. Ich hätte insistieren müssen, dass der Club mehr Geld in die Hand nimmt, um bessere Spieler zu verpflichten. Dann hätten wir mehr gewonnen, die Saison wäre insgesamt positiver verlaufen, und es hätte überall mehr Lust als Frust geherrscht.

Die Düdingen Bulls haben kürzlich ihre Vision «Bulls 2025» präsentiert, mit dem Ziel, in drei bis fünf Jahren wieder in die Swiss Regio League aufzusteigen. Welche Herausforderungen muss Ihr alter Verein meistern, wenn dies gelingen soll?

Der Club muss es schaffen, eine Mannschaft zu formen mit einem harten Kern, der zusammenbleibt, auch wenn es mal nicht läuft. Dazu braucht es Spieler, die mit Leib und Seele zum Verein stehen und auch die nötige spielerische Qualität besitzen. Wenn Düdingen erfolgreich sein will, wird es auch nicht darum herumkommen, auswärts einige überdurchschnittliche Spieler einzukaufen. Und dann müssen junge Talente aus der Region eingebaut werden, damit sich die Zuschauer mit dem Team identifizieren können. Es hat momentan einige dieser Jungen, die das Potenzial für die 1. Liga haben. Diese Jungen muss man jetzt unbedingt integrieren.

Da kommt einiges zusammen …

Das ist so. Die grösste He­rausforderung besteht darin, allen Erwartungen gerecht zu werden. Auf der einen Seite stehen die Leute im Umfeld der Bulls, Zuschauer und Sponsoren, die es gewohnt sind, Erfolg zu haben, und die dies auch weiterhin erwarten. Auf der anderen Seite sind da die Forderungen des Vereins und der Partnerclubs, mit denen Düdingen im Nachwuchs zusammenarbeiten muss. Sie wollen, dass junge Spieler bei den Bulls ihre Chancen erhalten und integriert werden. Diesen Spagat zwischen Erfolgsdruck und Integration zu meistern, das wird die nicht ganz einfache Aufgabe des neuen Trainers sein.

Ohne Eishockey haben Sie nun viel mehr Freizeit. Wie werden Sie diese ausfüllen?

Ich werde vermehrt Bösingen-Matchs schauen gehen, wo mein Sohn Michel nächste Saison spielt. Bestimmt werde ich auch die Düdingen Bulls weiterverfolgen. In den ganzen Jahren sind einige schöne Freundschaften entstanden. Die Leute im Verein haben Max (Dreier, Assistenztrainer) und mich immer sehr respektvoll behandelt und haben stets zu uns gehalten. Egal ob nach einem Sieg oder nach einer Niederlage, wir waren nach jedem Spiel in der VIP-Loge willkommen. Diese Wertschätzung habe ich sehr genossen.

Suchen Sie einen neuen Trainerjob oder legen Sie eine Pause ein?

Ich möchte möglichst bald wieder an der Bande stehen. Allerdings ist jetzt ein schlechter Zeitpunkt, um einen Trainerposten zu suchen. In der Swiss Regio League und in der 1. Liga sind inzwischen alle besetzt. Wenn mir Düdingen im Dezember gesagt hätte, dass sie nicht mehr auf mich bauen, dann hätte ich bereits früher auf die Suche gehen können. Jetzt wird es schwierig. Aber ich werde die Augen offenhalten. Früher oder später ergibt sich bestimmt irgendwas.

Ligaerhalt am grünen Tisch

Die Bulls steigen nicht ab – ausser sie tun es freiwillig

Gute Nachrichten für die Düdingen Bulls: Die Swiss-Regio-League-Verantwortlichen haben am Samstag entschieden, dass es diese Saison keine Absteiger aus der Swiss Regio League und der 1. Liga gibt. Infolge des Meisterschaftsabbruchs wegen der Coronavirus-Pandemie wird unter anderem die sportliche Relegation des HC Düdingen Bulls aufgehoben. Der Umstand, dass die Entscheidungsphasen in der 1. Liga nicht durchgespielt werden konnten und dass der Aufsteiger nicht gemäss Reglementen und Weisungen definiert werden konnte, verbleiben die Bulls in der dritthöchsten Schweizer Eishockeyliga.

Ob sie dies allerdings auch wollen, ist noch offen. «Wir sind bei unserer Saisonvorbereitung schon ziemlich fortgeschritten, und die ist auf die 1. Liga ausgerichtet», erklärte Vereinspräsident Josef Baeriswyl gegenüber den FN.

Entscheid heute Abend

«Ob wir jetzt alles wieder hochfahren können, ist die eine Frage. Die andere ist, ob die Spieler überhaupt in der höheren Liga bleiben wollen. Auf ein Geknorze wie in den letzten Saisons hat im Prinzip niemand Lust.» Ob Düdingen den am grünen Tisch geschenkten Ligaerhalt annimmt oder ob es an der eingeschlagenen Strategie festhält und in der 1. Liga etwas Neues aufbauen will, das will der Verein heute Abend an einer Vorstandssitzung zusammen mit den Spielern entscheiden. Fortsetzung folgt.

ms