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Zwölf (und mehr) Erkenntnisse aus dem Fernunterricht

Der Betreuer des ZiG-Blogs, Deutschlehrer David Vonlanthen, lässt die vergangenen Wochen des Fernunterrichts im heutigen Beitrag Revue passieren.

Der Fernunterricht dauert nun seit zehn Wochen an, inklusive Osterferien. Also eigentlich seit maximal acht Wochen, weil (wirklich!) alle Lehrpersonen laut vielen Experten auf den Online-Plattformen wie 20 Minuten, Watson, Nau und mitunter den Freiburger Nachrichten in den Ferien eh nichts zu tun hätten und trotzdem immer den vollen Lohn kassieren würden. Mit Letzterem möchte ich mich heute nicht beschäftigen, dies ist eines der ersten ungeschriebenen Gesetze des Lehrberufs: Wenige Menschen danken einem für den Einsatz, den man als Lehrperson leistet, auch wegen, trotz, vor und nach der Corona-Krise.

Also nochmal: Ich muss es sagen, digital gesehen sind wir im Kanton Freiburg im vergangenen März nicht auf die neue, völlig groteske Situation vorbereitet gewesen (aber wer war das schon?), immerhin läuft das Softwareprogramm TEAMS mittlerweile gut, aber noch nicht hervorragend. Weiter werden die Ansätze/Konzepte/Ideen der digitalen Pädagogik (und Didaktik) nie ein Ersatz für die vielseitigen Interaktionen im Schulzimmer sein: Kleine produktive Ablenkungen während der Gruppenarbeit, nonverbale Signale, Humor, (wirkliche!) gemeinsame Klassengespräche etc. sind über Zoom nur beschränkt möglich.

Also weiter: Die Maturaprüfungen abgesagt? Es wäre, zumindest im Fach Deutsch als Erstsprache möglich gewesen, diese «fast normal» durchzuführen, weil die Vorbereitung auf den Schlusspunkt hätte gewährleistet werden können: Die (überfachlichen) Kompetenzen, welche die Lernenden im Fernunterricht erworben haben (Selbstdisziplin, Organisation, Projektarbeit, Repetition des Stoffs im Selbststudium, Umgang mit technischen Hilfsmitteln etc.), brauchen sie spätestens an einer weiterführenden Hochschule wieder, man hätte über Sicherheitsbestimmungen sprechen müssen, die Zerstreuungsangebote gegen Ende des Schuljahres sind nicht in dem Masse wie auch schon vorhanden gewesen etc. Aber auch hierüber möchte ich nicht sprechen, da schwirren (nicht nur im digitalen Raum) grössere und bessere Experten als ich herum.

Nun denn, folgende Errungenschaften des Fernunterrichts werde ich aller Voraussicht nach in meinen «analogen» Deutschunterricht im Herbst integrieren (wollen).

1) Interessierten Lernenden Zoom-Konferenzen am Abend vor den Prüfungen anbieten, auch einen FAQ-Kanal auf MS TEAMS.

2) (Wenige) Korrekturen und Kommentare per Screencast erstellen; diese auch von den Lernenden im Rahmen der Schreibwerkstatt machen lassen.

3) Komplexe Arbeitsaufträge (bei Projekten) per Screencast geben, auch die Rückgabe von Prüfungen mit einem kleinen Screencast bewerkstelligen.

4) Als Klassenlehrer: (Prüfungs-)Termine im Kalender eintragen.

5) MS TEAMS ist eine interessante Plattform, welche vor allem als gemeinsame Dateiablage, als Chatraum, als Mittel der kollaborativen Arbeit und als Verteiler für Aufgaben dienen kann. Letztere können am Bildschirm korrigiert und gleich an die SuS zurückgegeben werden.

6) Geduld haben und nicht auf jedes neue «Tool» aufspringen.

7) Meine Lesezeichenleiste aktualisieren.

8) Den Text vorher IMMER auf Word schreiben, bevor ich ihn auf eine Internetseite oder Online-Anwendung stelle.

9) An den bisherigen (digitalen) Deutsch-Projekten festhalten, etwa Blogs, Erklärvideos gestalten, Lektüredossiers erstellen etc.

10) Die lange Zeit am Bildschirm ermüdet mich wirklich, also Prüfungen/Schreibhefte weiterhin auf Papier korrigieren (!)

11) Den Bildschirm/das Handy vermehrt «weglegen» und «zuklappen».

12) Für das vierte und letzte Jahr am Kollegium wünschte ich mir eine offenere Arbeitsform, dies tun auch viele meiner aktuellen Maturandinnen und Maturanden. Das starre Stundenplangefäss könnte aufgebrochen werden und die Lernenden könnten vermehrt in Projekten und Semesterprüfungen denken und arbeiten, auch zum Teil von zuhause aus. Die Lehrperson wird zum Coach und hat, entgegen der weitläufigen Meinung (von denselbigen Experten wie oben benannt?), deutlich mehr Arbeit zu verrichten als weniger; vor allem, wenn die Projektarbeit und das selbstorgansierte Lernen von allen Beteiligten ernst genommen werden.

Und zum Schlusspunkt: Der Lockdown vom 16. März 2020 hat – neben den persönlichen Errungenschaften aus dem Fernunterricht – vor allem gezeigt, dass in unserer Gesellschaft eine Entschleunigung stattgefunden hat und viele Dinge und Aktivitäten, die wir täglich zu brauchen wissen (wussten?), eigentlich gar nicht nötig sind (waren). Auch sah man beispiellose Kraftakte und Solidarität ihresgleichen, mögliche Zusammenarbeiten konnten sich einstellen und werden hoffentlich bleiben. Geduld ist ein weiterer Faktor, der sich bei vielen Schweizerinnen und Schweizern entwickelt hat.

Was werden Sie aus diesem Frühling 2020 in Ihre «analoge» Zukunft mitnehmen?

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird. Heute hat sich darin der Deutschlehrer der Blogger, David Vonlanthen, zu Wort gemeldet.

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