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Von abwesenden Autoritäten, Hinrichtungsmaschinen und einer Schuld, die immer zweifellos ist

Gymnasiastin Robine Kronig zeigt im heutigen ZiG-Blog Parallelen zwischen Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" und unserer heutigen Gesellschaft auf.

„Die Schuld ist immer zweifellos.“ Demnach spielt es keine Rolle, wofür und von wem der Verurteilte seine Strafe auferlegt bekommt. Der Einfachheit halber kann sogar eine einzelne Person Urteil und Bestrafung vornehmen – heute wissen wir alle, dass das nicht so ist, oder? Von klein auf lernen wir im Unterricht, wie wichtig eine Gewaltentrennung ist und dass deren Vorhandensein uns vor der Willkür einzelner Machthaber schützt. Was sonst passieren kann, haben uns viele grausame Herrscher zur Genüge gezeigt – „Der Führer“ und „der Sonnenkönig“ sind nur zwei Beispiele unter vielen. Und gerade wenn wir uns an unserer wunderbaren Demokratie erfreuen und uns glücklich einreden, dass jenes Zitat des Offiziers aus Kafkas Strafkolonie der Vergangenheit angehört, so erreicht uns eine Nachricht aus dem Fernen Osten, wo ein Diktator offenbar erneut eine drakonische Massnahme getroffen hat. Betroffen wundern wir uns dann, was an solchen Orten falsch gelaufen sein muss.

Nun, dieses Essay soll nur indirekt drakonische Diktaturen und totalitäre Systeme anklagen, und vielmehr aufzeigen, wie aktuell Kafkas „Strafkolonie“ noch heute ist – wer weiss, vielleicht gar aktueller als jemals zuvor? An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass es sich bei diesem Essay nicht wie gewöhnlich um einen Gedankenspaziergang handelt. Vielmehr soll dieses komplex und gewunden sein – ganz nach dem Vorbild des Hinrichtungsapparats und im Sinne Kafkas.

Das erste Element wurde somit bereits in der Einleitung angesprochen. In Kafkas Werk „Die Strafkolonie“ spielen Schuld und Strafe eine ausgesprochen wichtige Rolle. Das nicht ganz so fröhliche Werk erzählt, wie der Titel so schön erahnen lässt, von einer Strafkolonie.  Ein Reisender besucht diese, um sie zu begutachten. Um seinen ach so wunderbaren Apparat vorzuführen, will der Offizier dem Reisenden die Maschine zeigen, während sie in vollem Gange ist: Ein Verurteilter soll durch den Apparat hingerichtet werden. Auf die Frage des Reisenden, ob dieser Verurteilte kein Recht auf Verteidigung habe, antwortet der Offizier, dass die Schuld immer zweifellos sei (Z.16). Es ist gerade dieser Grundsatz, der erst den gesamten Aufbau der Strafkolonie ermöglicht – ohne ihn gibt es keine Verurteilung, keine Strafe, keine Hinrichtung. Dem Leser erscheint dieses System grausam und ohne jegliche Rechtfertigung. Der Offizier hingegen widmet diesem System sein Leben und der tödliche Hinrichtungsapparat ist sein Heiligtum. Kafka befasst sich also mit den unterschiedlichen Auffassungen eines idealen Rechtssystems – ein Problem, das es immer geben wird, sofern die Menschen nicht plötzlich in einer Anarchie leben wollen. Und wer weiss, vielleicht findet der Diktator im Fernen Osten seine Massnahmen ausgesprochen lieb und feinfühlig.

So, wie auch der Hinrichtungsapparat der Strafkolonie unterschiedliche Elemente für sein Funktionieren benötigt, soll sich auch dieses Essay aus unterschiedlichen Teilen zusammensetzen. In diesem Abschnitt folgt demnach ein zweiter Aktualitätsbezug. Dass die Schuld immer zweifellos sei, könnte Kafka auch wirklich als solches empfunden haben; ein lebenslang Verurteilter, der von Vaterkomplexen geplagt wird und das Schreiben (für ihn etwas nicht ganz Unbedeutendes) als Qual ansieht (in der Strafkolonie schreibt der Folterapparat mithilfe einer Egge und Spitzen das Vergehen auf den Körper des Verurteilten – eine Qual und bestimmt auch kein Zufall). Kafka hatte ein schwieriges Verhältnis zu Frauen: Er war dreimal verlobt und dreimal wurden diese Beziehungen wieder aufgelöst. Kafka wollte nie heiraten und empfand gleichzeitig den Druck seines Vaters, den bürgerlichen Erwartungen gerecht zu werden und zu heiraten. Bürgerliche Zwänge haben also schon Kafka vor mehr als hundert Jahren geplagt, genauso wie bürgerliche Zwänge uns heute beschäftigen. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, Beispiele zu nennen; jeder Leser wird vermutlich sein ganz privates Beispiel für bürgerliche Zwänge haben. Dieser Aspekt wird in Kafkas Strafkolonie nur indirekt behandelt: Der Reisende spricht sich wie nach Vorschrift und westlichem Ideal gegen den Apparat aus, doch er zögert. Vielleicht wäre sein Urteil anders ausgefallen, hätte er nach Lust und Laune entschieden und hätte seinen Entschluss nicht schon im Voraus gefasst. Wo wir gerade bei Urteilen sind: „Das Urteil“, ein weiterer Text Kafkas, befasst sich ebenfalls mit bürgerlichen Zwängen. In diesem stellt die Heirat einer gewissen Frieda Brandenfeld den Wendepunkt der Geschichte dar. (Man bemerke: F.B., genau wie Felice Bauer, mit der Kafka zwei Mal verlobt war. Ein typisches Merkmal von Kafkas Texten ist eine nicht ganz zufällige Ähnlichkeit zwischen seinen Figuren und den Namen aus seinem Leben.) Im Unterschied zu Kafkas Vater missbilligt der Vater der Hauptfigur aus „das Urteil“ (kurze Titel sind ein weiteres Merkmal von Kafkas Texten) diese, doch bürgerliche Zwänge rund um die Heirat und das Verhältnis zu Frauen und der Druck, den Vorstellungen der Familie zu entsprechen, stehen ganz im Sinne von Kafkas Leben und finden teilweise leider auch in unserem Leben Platz. So sehr ich Kafka bewundere: Empfände ich nicht den Druck, später einmal eine Arbeit zu finden und Geld zu verdienen, so würden Sie, lieber Leser, diesen Text vielleicht nicht lesen können.

Wer „das Urteil“ gerne noch lesen möchte, dem erlaube ich, den nächsten Abschnitt zu überspringen. Der obenstehende Text sollte bereits einige Aktualitätsbezüge hergestellt haben. Für alle anderen: Weiter gehts! Am Ende der Geschichte nimmt die Figur das Urteil des Vaters widerspruchslos hin und begeht Selbstmord. Das ist zugegebenermassen ein wenig düster, bietet jedoch Material für einen weiteren Aktualitätsbezug: Autoritäten - Wir alle kennen sie, ausser vielleicht Sie sind der Chef von Nestlé, dann entschuldige ich mich aufrichtig und hätte gerne eine Tafel Schokolade. Wie auch in „das Urteil“ sind die Figuren in fast allen anderen Texten Kafkas den Urteilen der Autoritäten schutzlos ausgeliefert, nur mit dem Unterschied, dass dort die Autoritäten meist abwesend sind (genau genommen sind das gleich zwei Aktualitätsbezüge: Das düstere, „kafkaeske“ Schicksal, dem man nicht entrinnen kann und die Autoritäten, denen man schutzlos ausgeliefert ist). Der Verurteilte der Strafkolonie muss sich „hündisch“ (Z.13) dem Rechtssystem, das von dem alten Kommandanten geschaffen wurde, hingeben. Die Maus aus der „kleinen Fabel“ kann ihrem Schicksal nicht entrinnen und wird am Ende von der Katze gefressen. Der Mann aus „Der Process“ kennt sein eigenes Urteil nicht und das Gericht, welches dieses ausspricht, ist nicht aufzufinden. Der Bauer, der sich „Vor dem Gesetz“ aufhält und Einlass begehrt, stirbt noch vor dem ersten Tor und kann die mächtigeren Türwächter gar nicht einmal sehen. Für weitere Beispiele bleibt mir schlicht keine Zeit. Sie sehen: Schutzlos bin ich dem Urteil meines Deutschlehrers ausgeliefert, der mir für dieses Essay nur zwei Stunden Zeit lässt.

Wer die Strafkolonie gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass sich der Hinrichtungsapparat selbst zerstört. Ganz nach diesem Vorbild muss nun leider auch ich mein Essay zerstören: Vielleicht war Kafka auch nur ein depressiver, sadomasochistischer Mann mit Vaterkomplexen, der zufälligerweise über Dinge geschrieben hat, die jetzt zufälligerweise in irgendeiner Art wahr (und aktuell) sein könnten.

Und was, wenn nicht?

 

Dieser Beitrag entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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