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Gemischte Gefühle

Maturandin Nicole Matter schreibt im heutigen ZiG-Blog darüber, wie sie die letzten Wochen des Corona-Lockdown erlebt hat - und blickt mit gemischten Gefühlen in die unmittelbar bevorstehende Zukunft.

Ich möchte Sie etwas fragen: Wie gestalten Sie Ihren Alltag? Haben Sie gezwungenermassen Ferien oder gehen Sie täglich zur Arbeit oder ins Home-Office? Haben Sie eine Routine gefunden, um die Tage des Lockdown durchzubringen? Ich jedenfalls versuchte meine Prä-Corona Routine auf die aktuelle Situation zu übertragen und bin dabei kläglich gescheitert. Es hat seine Vor- und Nachteile, wenn man seine Gewohnheiten durchbrechen muss und sie hinterfragen kann. Andererseits bin ich schlichtweg ein Gewohnheitsmensch. Mich mit dem neuen Zustand abzufinden, fiel mir anfangs schwer. Aber wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Mein Alltag hat sich auf spürbare Weise entschleunigt und ich bin viel entspannter unterwegs. Natürlich besteht ein kleiner Dauerstress wegen der Matura (falls die Prüfungen stattfinden). Aber das ist ein guter Stress, der mich anspornt und weiterbringt. Den schlechten Stress habe ich ablegen können.

Mein Morgen besteht darin, dass ich kurz nach sechs aufwache. Dank der Jahreszeit werde ich von Sonnenaufgang und Vogelgezwitscher geweckt. Danach mache ich mir in aller Ruhe meinen Kaffee (er sieht bei weitem nicht so toll aus, wie der Cappuccino vom Barista, aber schmecken tut er genauso gut) und geniesse das Frühstück. Während dem normalen Schulbetrieb habe ich üblicherweise nicht so viel Zeit, daher geniesse ich es momentan umso mehr. Etwas nach sieben beginne ich mit den Aufgaben und arbeite mich durch das Tagesprogramm. Dabei achte ich darauf, immer wieder kurz aufzustehen und zu dehnen, denn kleine Pausen sind wichtig. Gegen vier Uhr nachmittags gehe ich in den Feierabend und mache ein wenig Sport. Wenn ich noch etwas für die Matura lernen möchte, erledige ich das jeweils um diese Zeit.

Sie sehen, mein Alltag beinhaltet nichts wirklich Spannendes. Muss er auch nicht, für mich stimmt das so und ich bringe so mein Programm am besten durch. Lassen Sie sich von den ganzen Influencern nicht stressen, die Ihnen anraten, in dieser Zeit eine neue Sprache zu lernen oder sich einen Sixpack anzutrainieren. Wenn Sie nicht den Wunsch dazu verspüren, müssen Sie es auch nicht machen. Jeder versucht momentan, die Situation so gut wie möglich zu meistern. Wenn das bedeutet, sich im Garten zu sonnen oder ein Buch zu lesen, ist das völlig in Ordnung. Wir sind auch nur Menschen.

Auch unsere Politiker sind nur Menschen. Sie haben die undankbare Aufgabe, die Schweiz sicher durch diese stürmischen Zeiten zu navigieren und es jeder und jedem recht zu machen. Sie werden viel gelobt, aber etwa ähnlich viel kritisiert. Es ist schlichtweg unmöglich, die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen zu befriedigen. Wir sind es gewohnt, zu bekommen was wir wollen. In diesen Zeiten müssen wir auch mal hintenanstehen. Jeder Wirtschaftszweig ist wichtig, aber nicht jeder kann auf die gleiche Art wieder ins Rollen gebracht werden. Ich kenne mich in diesem Thema zu wenig gut aus, um etwas Schlaues darüber sagen zu können. Über was ich berichten kann, ist Folgendes: Wir Schüler wissen noch nicht, ob und wie unsere Maturaprüfungen schlussendlich stattfinden werden. Wir wissen, dass die Kantone Bern und Zürich voraussichtlich keine Prüfungen abhalten werden. Der Kanton Freiburg möchte an den schriftlichen Prüfungen festhalten, aber der definitive Entscheid liegt beim Bund, gefällt wird er voraussichtlich übermorgen Mittwoch, am 29. April.

Ich weiss nun nicht genau, was ich fühlen oder denken soll. Schliesslich habe ich vor vier Jahren diese Ausbildung angefangen, mit dem Bewusstsein, dass es Prüfungen geben wird. Und nun steht alles auf wackligen Beinen. Waren die letzten beiden Jahre der Anstrengung etwa für die Katz? Schliesslich würde uns ein wichtiger und emotionaler Moment fehlen, es gäbe keinen Abschluss wie wir ihn eigentlich erwartet hatten. Alles würde dann still und leise vonstattengehen, eine Feier würde es auch nicht geben. So habe ich mir meinen Abschluss nicht vorgestellt. Die letzten Schulwochen werde ich meine Klasse nur noch auf dem Bildschirm sehen. Ob sich unsere Wege nach dem Abschluss jemals wieder kreuzen werden, steht offen. Das stimmt schon etwas traurig, finden Sie nicht?

Gerade deswegen denke ich, dass uns die Tage des Lockdowns viel Zeit zum Nachdenken geben. Wir haben die Möglichkeit, unsere Prioritäten neu zu setzen, Beziehungen zu pflegen und uns um uns selbst zu kümmern. Wir dürfen uns zwar nicht umarmen, doch die Stimme eines geliebten Menschen zu hören, das ist ebenfalls Balsam für die Seele.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Liebsten alles Gute und gute Gesundheit. Passen Sie auf sich auf und halten Sie durch, auch diese Zeit wird vorübergehen. Geniessen Sie die Entschleunigung des Alltags. Man wird in Zukunft nicht immer so viel Zeit für sich haben wie jetzt.

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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