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Am Anfang war das Vorurteil

Ein Essay von Iman Danielle Zbinden über das Kastensystem in unseren Köpfen.

Der Kater vom Wochenende schlummert ihnen noch tief in den Knochen. Sich hinter ihrem Starbucks-Kaffee tarnend schleppen sie sich zur Schule. Die Influencer-Zombies mit ihrem übermässigen Avocado-Genuss und den völlig ausartenden Studentenpartys – sie waren bis vor Kurzem oft Anlass für elterliches Kopfschütteln. Doch dann kam Herr Corona und stellte unsere Welt auf den Kopf. Die Pandemie macht keinen Halt vor niemandem und die Auswirkungen sind fatal. Wir vollziehen nun als Gesellschaft mit dem Abstandhalten und dem Zuhausebleiben eine bewusste Überreaktion, um das Leben der Schwächsten zu retten. So geben momentan unzählige junge Menschen ihre Lebensgrundlage auf, damit ältere Menschen weiterleben können. Und so scheint es, ist das schon immer existierende Vorurteil der egoistischen und ignoranten Jugend auf einmal doch nicht mehr so angemessen.

Es muss ein wahrer Ausnahmezustand sein momentan, denn Vorurteile sind normalerweise die treusten Begleiter der Menschen. Sie haben sich hartnäckig in unseren Köpfen eingenistet. Doch warum kommen wir eigentlich, ausser offenbar in solch aussergewöhnlichen Zeiten wie jetzt, immer noch nicht weg von diesem kategorisierenden, altmodischen Denken? Sollten wir dies nicht längst überwunden haben? Gibt es den klassischen Vorzeigeschüler oder den klassischen «Bünzli-Nachbarn» überhaupt noch? Hat es sie je gegeben? Die für ein Klischee stehenden Musterexemplare eines Menschen? Oder existieren sie doch nur in unseren Köpfen?

Im Zeitalter, in dem eine schwedische Schülerin die Rolle der ökopolitischen Führung übernimmt, sollten wir das Kategorisieren doch längst aufgegeben haben. Unkonventionelle Zusammenhänge lassen uns jedoch nach wie vor verdutzt dastehen. Geschäftsmänner, die das «Pole Dancing» für sich entdeckt haben, junge Hobby-Schwingerinnen oder Nonnen mit einem Faible für Fussball fallen völlig aus unserem schön geordneten, voraussehbaren Gesellschaftskonzept. Wir belächeln andersartige Interessen oftmals, weil man mit solchen Neigungen aus der Reihe tanzt. Allerdings sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass schwarze Schafe die Herde auch bereichern können.

In unserer neuartigen Gesellschaftsvorstellung sollte Individualität doch längst grossgeschrieben werden. Das Ausbrechen aus versteiften Vorurteilen ist beinahe schon zum Trend geworden. Die «Body-Positivity-Bewegung» boomt. Selbst die neuesten Miss-Germany-Wahlen drehten sich dieses Jahr nicht mehr nur um die Äusserlichkeiten der Kandidatinnen. Man suchte eine Miss, die «mit ihrer Vielfalt stellvertretend für die Diversität aller Frauen» steht.

Doch es ist natürlich wesentlich einfacher, Menschen aufgrund ihres Aussehens zu bewerten, und genau deswegen bedient sich die Menschheit dieser Einfachheit auch liebend gerne. Die langjährig begeisterten Tinder-Nutzer haben sich beispielsweise noch nicht für den Wechsel hin zum Fokus auf Diversität und die inneren Werte einer Person entschieden. Tinder ist wohl eine der jüngsten und innovativsten Erfindungen der Menschheit, die einen ohne schlechtes Gewissen Personen sortieren lässt, wie es Aschenputtel mit den Erbsen und Linsen tat. Und wenn wir schon bei der Liebe sind, so ist es doch gerade hier offensichtlich, dass der erste Eindruck zählt. Doch können wir auf diesen ersten Eindruck vertrauen? Oftmals ist er auf eine trügerische Weise irreführend. Denn egal wie stark wir es zu vermeiden versuchen, werden wir von der ersten Sekunde an immer wieder Menschen gedanklich in Schubladen schieben. So wird auch immer wie mehr versucht, solchen Vorurteilen zu begegnen. In der britischen Dating-Show «Sexy Beasts» wird den Kandidatinnen und Kandidaten ein professionelles Make-up und Umstyling verpasst, das sie zu hollywoodreifen Monstern werden lässt. So lässt sich so mancher Samstagabend mit einer absurd-humoristischen Tragödie versüssen, in der Frankenstein und Voldemort bei Kerzenschein um das Herz von Hulk kämpfen.

Trotz aller Bemühungen wird der ewige Kampf gegen die Vorurteile wohl immer ein Laster der Menschheit bleiben. Selbst Einstein äusserte sich bezüglich dieser Herausforderung eher pessimistisch, denn auch er meinte: «Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.» Aber was, wenn wir nicht mehr versuchen würden, die Vorurteile aus den Köpfen der Menschen zu löschen und sie stattdessen einfach eigenhändig zerschmettern würden?

Leute, die sich trauen, aus Stereotypen auszubrechen, scheinen sich aktuell wie wilde Kaninchen zu vermehren. Fallon Sherrock, die erste Frau in der Geschichte der Dart-WM, die im Finale ein Spiel gewonnen hat, trug eindeutig einen Beitrag zum Über-den-Tellerrand-Hinausschauen bei. Frauen in «Männersportarten» werden längst nicht mehr so heftig hinterfragt, wie es einst der Fall war. Das Brechen von Vorurteilen kann also durchaus auch feministische Züge haben. 2013 erfolgte dann mit Papst Franziskus der Supergau aller Traditionsverbissenen, als er sich für einen kleinen Fiat als Papamobil entscheiden hatte, statt für eine gepanzerte Limousine eines deutschen Autoherstellers. Und spätestens als das kirchliche Oberhaupt mit dem Verwerfen alter Traditionen begann, wurde wohl allen klar, dass die Zeiten des Schwarz-Weiss-Denkens vorbei sind.

Und was ist die Moral der Geschichte? Unser Aussehen, unser Geschlecht, unser sozialer Status oder unsere Berufung geben im Grunde nichts über unsere Eigenschaften und Bedürfnisse preis. Wieso also nicht fussballspielende Nonnen und Cupcake backende Muskelpakete tun lassen, was ihnen gefällt? Wir steuern immer mehr auf eine Gesellschaft zu, in der «leben und leben lassen» zum Leitsatz des Zusammenlebens wird. Wäre es somit nicht ein Jammer, wenn wir unsere dynamische Regenbogengesellschaft durch das veraltete Schubladendenken einschränken lassen würden?

Dieser Text entstammt dem ZiG-Blog, der im Schuljahr 2019/2020 von einem Schülerkollektiv aus dem Kollegium St. Michael betreut wird.

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