1

Coronakrise – wie Bund und Kantone Vertrauen verspielen

Die Medienkonferenzen vom 15. und 16. Oktober zeigen, wie Bund und Kantone mit ihrem Krisenmanagement bei der Bevölkerung das Vertrauen verspielen, dass immer wichtiger wird, je länger die Coronakrise dauert. Im März war man nicht auf die Krise vorbereitet. Nun stelle ich schockiert fest, dass man die sieben Monate seit Krisenbeginn nicht genutzt hat, um die wichtigsten Pfeiler des Krisenmanagements (Daten und Logistik) zu verbessern. Verbessert haben sich einzig die Behandlungsmethoden für die Coronapatienten. Auch die Ausrede, andere Länder machten es kaum besser, lasse ich nicht gelten.

Am 15. Oktober richten die drei Bundesräte Alain Berset, Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga zusammen mit Christian Rathgeb, Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen (KDK) und Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) einen Appell an die Bevölkerung und loben die tolle Zusammenarbeit des Bundes mit den Kantonen. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga: «Die Lage ist ernst. Es braucht nochmals einen Ruck – wir müssen uns jetzt so richtig ins Zeug legen. Die Ansteckungen durch COVID-19 steigen. Wir müssen die Ausbreitung bremsen.» Christian Rathgeb meint: «Das föderale System hat sich bewährt.» Beschlüsse werden keine kommuniziert, obwohl die zweite Welle in vollem Gang ist.

Einen Tag später, am 16. Oktober, treffen sich die Fachleute des Bundes und die Gesundheitsdirektoren separat. Noch während der Medienkonferenz des Bundes fordert die GDK in einer Medienmitteilung den Bund auf, hinsichtlich der Masken und weiterer Bereiche schweizweit einheitliche Regeln zu schaffen und durchzusetzen. Ich reibe mir die Augen und frage mich: Ja, warum einigen sich denn die Kantone nicht auf einheitliche Regeln, die sich auch einheitlich durchsetzen? Aber das ist noch nicht alles.

Das Testen müsse verstärkt werden, damit das Contact Tracing weiterhin gut funktioniere, meint Bundespräsidentin Sommaruga am 15. Oktober, obwohl schon länger bekannt ist, dass auch das Testmaterial wieder knapp wird. Und einen Tag später warnt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte (VKS), stosse man mit den Kapazitäten mit dem Contact Tracing an Grenzen. Es seien zwar Leute vom Zivilschutz und Zivildienst im Einsatz. Wegen der Dienstzeitbeschränkung müssten aber immer wieder neue ausbildet werden. Derartige Ausreden sind nach über sieben Monaten Krise schlicht nicht mehr haltbar und angesichts der Aussagen von Lukas Engelberger einen Tag vorher, man habe alles im Griff ein Skandal.

Man hat sich nicht auf eine zweite Welle vorbereitet, weder genügend Personal rekrutiert, noch die IT-Infrastruktur für das Contact Tracing auf Vordermann gebracht, um im Herbst vorbereitet zu sein. Es fehlen einheitliche Grenzwerte, bei welchen Infektions-, Hospitalisierungs- und Todesraten kantonal oder schweizweit welche Massnahmen ergriffen werden. Ohne einheitliche Kennzahlen und IT-Standards gibt es auch kein digitales Echtzeitdatenmonitoring und auch keine klare Kommunikation, welche Massnahmen bei welchen überschrittenen Grenzwerten ergriffen werden. Comparis hat bei den Kantonen nachgefragt, wie gut und mit welcher IT-Unterstützung das Contact Tracing funktioniert. Die Antworten sind schockierend. Unterschiedliche und nicht optimal genutzte Softwarelösungen erschweren Arbeit der Contact Tracer sowie die Kommunikation unter den Kantonen und mit dem Bund. In manchen Kantonen arbeitet man noch mit Excel-Listen.

Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) weiss nicht, wie lange die Maskenvorräte reichen, obwohl die Kantone die Vorräte dem Bund melden müssen. Sie verweist auf den koordinierenden Sanitätsdienst des Bundes. In einem Bundesamt weiss offensichtlich nicht, was man in den anderen tut, und schon gar nicht, was die Kantone tun. Und weder Virginie Masserey noch Martin Ackermann, Präsident der nationalen COVID-19-Taskforce, hat ausgerechnet, wann bei einer gleichbleibenden Zunahme der Hospitalisationen die Kapazitätsgrenzen in den Spitälern erreicht werden. Wer übernimmt in dieser Krise endlich das Steuer?

Kommentare zu diesem Artikel

Johann Burger

Der Bundesrat hat es verpasst nach der ersten Welle die vorhanden Daten zu analysieren. Anstatt die wissenschaftlichen Erkenntnisse in neue Massnahmen a la Schweden einfliessen zu lassen, suchte der Bundesrat nach Erklärungen & Hinweise (obwohl wissenschaftlich nicht erwiesen), welche seinen falsch eingeschlagenen Weg unterstützt. Hierbei hat er bei der Bevölkerung seine Glaubwürdigkeit verspielt. Am Meisten haben die Massenmedien, insbesondere die SRF, an Glaubwürdigkeit beim Volk verloren. Erschreckend wie einfach die Massenmedien gleichgeschaltet wurden & zum Sprachrohr der Regierungen wurd