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Muttertag in Zeiten von Covid-19

Letzten Sonntag feierten wir, wie jedes Jahr pünktlich am zweiten Sonntag im Mai, Muttertag

Auch dieses Fest wurde vom omnipräsenten Virus mitbestimmt und so prägt es auch meine folgenden Zeilen.

Muttertag 2020. Wir sehen unsere Mutter nicht, weil sie im Altersheim ist. Oh ja, da muss Rücksicht genommen werden. Wir nehmen Rücksicht bis zum Umfallen, bis die alten Mütter uns nicht mehr kennen oder gestorben sind, wenn nicht am Virus, dann an Vereinsamung. Wir sehen unsere Enkel nicht, weil unsere Kinder auf uns Rücksicht nehmen. So gründlich und engagiert, bis die Grosskinder uns nicht wiedererkennen und in Tränen ausbrechen, wenn wir sie dann endlich wieder besuchen dürfen.

Muttertag 2020, hoffen wir, dass es in einem Jahr anders aussieht. Aber wie genau wünschen wir es uns, in dieser Nach-Corona-Zeit, die hoffentlich einmal kommen wird?

Der Tag, an welchem die Mütter gefeiert, gelobt, ihnen gehuldigt wird, hat seinen Ursprung in Frauenbewegungen und Frauenvereine, die sich für Friedensprojekte und mehr Frauenrechte einsetzten. Mittlerweile ist er zu einem Tag verkommen, der vor allem ein lukratives Geschäft für Blumenhändler, Confiserien, Restaurants oder Glückskartenproduzenten verspricht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Muttertag ein Frauentag ist.
Als Tochter, Mutter und Grossmutter bin ich davon betroffen, wobei mich dieser Tag in der Vergangenheit nicht sonderlich gekümmert hatte. In diesem Jahr verhielt es sich etwas anders, er stimmte mich nachdenklich.
Es ist entschieden nicht damit getan, dass wir die Mütter mit einem Geschenk 'verwöhnen'. Wichtiger erscheint mir, dass wir uns bewusst machen, was wir (einmal mehr) den Frauen aufhalsen. Viele der Corona-Auswirkungen betreffen im Alltagsleben Frauen stärker als Männer. Mich dünkt, es sind Mütter und Töchter und Grossmütter, von denen ein grosses Mehr an Leistung, Verzicht und Einsatz verlang wird. Das macht betroffen, denn es zeigt, dass wir nicht sehr weit sind in unserer Emanzipationsarbeit. Nach wie vor ist es in erster Linie die Frau, die für den Haushalt, die Zufriedenheit der Familie, den Lernerfolg der Kinder und das Wohl der Grosseltern sorgt.
Es sind die Frauen, die zurückstecken zugunsten der Kinder, der betagten Eltern, der Karriere des Mannes, sie betreuen das Homeschooling, machen die Einkäufe für Nachbarn, haben ein offenes Ohr für die Kümmernisse des alleinstehenden Onkels oder des pubertierendes Sohns, der unter der Isolation leidet. Es sind die Frauen, die dafür sorgen, dass der Alltag weiter funktioniert, und alle Bedürfnisse abgedeckt werden (ausser den eigenen).

Ich höre es von Kolleginnen und Bekannten: Das Kind soll sich entfalten dürfen, nicht unter der Isolation leiden und in der Schule mitkommen, da ist Mamas Unterstützung gefragt. Der Mann hat einen nicht eben fortschrittlichen Arbeitgeber, der nicht Hand bietet, damit der Mann/Vater das Pensum anpassen kann, da wird lieber Mamas Arbeitgeber in die Pflicht genommen. Und wenn der Papa doch Homeoffice hat, bleibt die Tür zum Arbeitszimmer geschlossen, egal, was sonst abgeht in der Wohnung, darum kümmert sich die Liebste. Die Eltern und die Schwiegereltern dürfen die Kinder nicht hüten, dafür darf die Tochter für sie einkaufen.

So wird der anspruchsvolle Job der Frau zuweilen kurzerhand zurechtgestutzt und die Karriereleiter zugunsten familiärer Verpflichtungen gekürzt.
Es ist, auch wenn es pathetisch klingen mag, die Frau, die die Gesellschaft trägt.

Mit dem Muttertag ist es längst nicht getan. Wir schätzen ein einmaliges (oder mehrmaliges) MERCI, vielen Dank auch.
Aber wir brauchen keinen Blumenstrauss, keine Topflappen und keinen Gutschein für eine Rückenmassage. Wir brauchen eine Gleichstellung der Geschlechter und zwar eine, die auch in Krisenzeiten hält. Es geht nicht an, dass die Frau/Mutter beliebig hin- und hergeschoben wird, das hatten wir lange genug: Herrscht Krieg, kann sie Ingenieur, Arzt oder Betriebsleiter sein, ist der Arbeitsmarkt ausgetrocknet, die Schwiegermutter pflegebedürftig oder das Kind krank, so soll sie sich auf ihre Werte als Frau besinnen und zurück zu Küche und Kinder.

Ich plädiere dafür, dass der Muttertag wieder zur Frauenbewegung (oder Menschenbewegung) wird, die sich für Friedensprojekte und Frauenrechte einsetzt.
Sollte eine Gleichberechtigung eines Tages erreicht sein, darf der Muttertag von mir aus gerne zu einem Elterntag umgewandelt werden. Denn egal ob Tochter oder Sohn, Mutter oder Vater, Grossmutter oder Grossvater - es braucht uns alle für eine gesunde Gesellschaft.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

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