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Klaras Weihnachtsfest

Zum vierten Adventssonntag ist es Zeit für eine Weihnachtsgeschichte ...

Der erste Schnee hatte Schuld; bis zu diesem Tag hatte Klara sich gut gehalten, weder geweint noch geklagt. Es war wies war, da musste man sich dreinschicken und so manchen ginge es schlechter, viel schlechter als ihr.

ADer erste Schnee hatte Schuld; bis zu diesem Tag hatte Klara sich gut gehalten, weder geweint noch geklagt. Es war wies war, da musste man sich dreinschicken und so manchen ginge es schlechter, viel schlechter als ihr.

 

Aber dann schneite es. Sie öffnete das Fenster, griff in die weisse Pracht auf dem Sims, formte eine Kugel und schleckte daran, obwohl sie dazu mit ihren 88 Jahren eigentlich zu alt war!

Dieser Wintertag war wie geschaffen um zu backen, Klara konnte nicht widerstehen und so buk sie Brunsli, Zimtsterne und Mailänderli. Bald war die Wohnung erfüllt von herrlichen Düften, das blaue Kleid mehlbestäubt, Zucker knirschte unter ihren Pantoffeln und das Zimtpulver brachte sie zum Niesen. Es schneite den ganzen Tag und erst als es eindunkelte, fand Klara aus ihrem Rausch zurück in die Realität.

Die Landung war hart. Der Schnee und das Backen hatten sie in weihnächtliche Stimmung versetzt. Dabei wollte sie nicht an Weihnachten denken, sie möglichst rasch und schmerzlos hinter sich bringen, denn sie würde sie – zum ersten Mal überhaupt – allein verbringen. Keine Besuche der Enkelinnen, kein Festessen bei ihrer Tochter. Kein hübsch geschmückter Baum, kein aufgeregtes Stimmengewirr, das andächtiger Stille wich, wenn sie die Weihnachtsgeschichte vorlas.

Sie stand verloren in der dufterfüllten Küche, kurz überlegte sie, die Guetsli in den Müll zu werfen; nichts sollte sie an Weihnachten mahnen. Doch bevor sie zu einem Entschluss kam, klingelte es an der Tür.
"Hallo Klara, ich habe meinen Schlüssel vergessen", sagte Amal, das Nachbarsmädchen und riss die dunklen Augen erschrocken auf, als es in Klaras verweintes Gesicht blickte.
Klara starrte auf Amals Nasenring, den sie noch nie gesehen hatte. Als Amal kleiner war, hatte Klara sie oft am Mittagstisch verköstigt, mittlerweile war Amal gross und besuchte bereits das Gymnasium.
"Was ist denn Klara, hast du geweint?"
Klara winkte mit fahriger Hand ab: "Nein, nein. Es ist nichts, komm herein."
"Sag Klara, feierst du mit Silvia und den Kindern?", wollte Amal wenig später wissen und biss in ein Mailänderli.
"Nein, nicht dieses Jahr", sagte Klara bedrückt.
"Schade", meinte das Mädchen, "Mama und ich sind bei Mamas Schwester zu Besuch, sonst hättest du mit uns feiern können."
Klara nickte und dachte, dass halt heuer alles anders war.

Beim Aufräumen schweiften Klaras Gedanken zur Tochter Silvia und deren Mann Stefan, zu den Enkelinnen Mara, Sara und Lara, den Schwiegersöhnen und den Enkeln. Den Jüngsten hatte sie noch nicht kennengelernt, er war erst vor zwei Wochen zur Welt gekommen.

Sie füllte das Gebäck in kleine Säckchen und stellte sie den Nachbarn vor die Tür. Im Treppenhaus begegnete ihr der neue Nachbar vom oberen Stockwerk, ein junger Mann mit dunklen Augen und pechschwarzem Haar. In gebrochenem Deutsch bedankte er sich für das Gebäck.
"Fröhliche Weihnachten!", sagte er und als sie seufzte, schaute er sie fragend an.
"Dieses Jahr ist halt alles anders", beschied sie ihn, "keine Familienbesuche, kein gemütliches Zusammensein. Mein jüngster Enkel ist eben erst zur Welt gekommen, ich hätte ihn gerne kennengelernt."
Klara gab sich einen Ruck, zwang sich zu einem Lächeln:
"Aber was solls, es wird andere Weihnachten geben."
Wohl nicht mehr allzu viele, begehrte eine leise Stimme in ihr auf und es gelang ihr nicht, den leisen Seufzer zu unterdrücken.

Sonnenstrahlen glitzerten im Schnee, der Weihnachtsmorgen zeigte sich von der freundlichsten Seite. Aber es half nicht, Klara war sehr traurig. Sie drehte das Radio an. Weihnachtsmusik, sie schaltete sie aus, sie ertrug sie nicht. Sie stand am Fenster, eine Familie stapfte durch den Schnee, in Nachbars Garten erhielt das Vogelhaus ständig neuen Besuch. Amal trat aus dem Haus, die Füsse steckten in warmen Stiefeln, den Nasenring verdeckte die Gesichtsmaske. Klara winkte ihr zu.

Am Nachmittag trank sie heisse Schokolade, knabberte lustlos an einem Mailänderli und schaute sich Fotoalben an, was sie noch trauriger stimmte. Sie würde früh zu Bett gehen, diesen Tag irgendwie hinter sich bringen.
Als es an der Tür klingelte, zuckte Klara zusammen. Wer würde an Weihnachten unangemeldet zu Besuch kommen?

Amal stand vor der Tür, zusammen mit dem netten Mann von oben. Zwischen den jungen Leuten stand ein grosser Bildschirm.
"Dürfen wir kurz reinkommen?", fragte Amal, "das Weihnachtsfest beginnt bald."
Verwirrt trat Klara zur Seite und schaute überrascht zu, wie Amal und ihr Begleiter den Bildschirm auf den Salontisch stellten, den Esstisch umplatzierten und als es erneut an der Tür klingelte, rief Amal, als wäre sie hier daheim, "herein, herein!"
Amals Mutter stellte ein Tablett voller Leckereien auf den Tisch, ihre Augen lächelten und dann erwachte der grosse Bildschirm zum Leben, Klara schnappte hörbar nach Luft und musste sich hinsetzen.
Sie sah ihre Tochter, die Enkelinnen Mara, Sara und Lara und auf Saras Arm das Neugeborene. Die jungen Frauen winkten und lachten und riefen durcheinander und Klara konnte sie im ersten Moment kaum sehen, da Tränen ihren Blick trübten.

Und so kam Klara doch zu ihrem Weihnachtsfest. Sie sah in das schlafende Gesicht des jüngsten Urenkels, sie las die Weihnachtsgeschichte vor und als sich alle an den Tisch setzten, setzte sich auch Klara an ihren reich gedeckten Tisch. Sie genoss das Fladenbrot, die gebratenen Aubergine-Scheiben, den Knoblauchjogurt und die mit Hackfleisch gefüllten Weinblätter und fast war ihr, als sässen auch Amal und deren Mutter, bei denen sie oft zu diesen fremden Köstlichkeiten eingeladen war, mit am Tisch.

Welch wunderschönes Fest, dachte Klara, als sie viel später das Licht ausmachte. Sie schaute, bevor sie die Vorhänge zuzog, in die stille Nacht hinaus. Schnee fiel in dichten Flocken und Klara fühlte sich leicht und reich beschenkt.

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