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Kein Ende in Sicht

Der Sommer geht seinem Ende entgegen - im Gegensatz zu Corona

Im Frühling hofften wir, dem Virus würden durch wärmere Temperaturen der Garaus gemacht und wir hätten es bis zum Sommeranfang durch den Lockdown eh eingedämmt. Leider erwiesen sich diese Annahmen als Trugschluss.

Es war ein eher wehmütiger Sommer, durchzogen von Sehnsüchten nach Partys, Konzerten, Festen und dazu gesellte sich wohl auch ein wenig Fernweh. Wieder einmal an einem Standstrand spazieren gehen, unter Palmen sitzen, sich von fernen Kulturen kulinarisch, musikalisch und sprachlich verzaubern lassen, durch eine Sand- oder Eiswüste wandern, altehrwürdiges Weltkulturgut besichtigen. 2000km Distanz zum Alltag haben, Wellenreiten, im Meer plantschen... Ich muss nicht weiterfahren, ich denke, Sie wissen, was ich meine.

Der Herbst steht vor der Tür und besser ist eigentlich nichts. Wir gewöhnen uns daran, dass Schulkinder mit Masken herumlaufen und als mein dreijähriger Enkel mich im Einkaufszentrum bat, sich die Hände zu desinfizieren, war ich sprachlos, dass er das Wort 'desinfizieren' kannte und korrekt aussprach und ich fragte mich, ob es wirklich zum Wortschatz eines Dreijährigen gehören muss.

Die vielen widersprüchlichen Meinungen und Aussagen bestärken uns auch nicht in unserem Glauben in die Obrigkeiten - wobei ich die Arbeit und das Engagement all der Spezialisten, Fachkräfte, Epidemiologen, Politiker etc. mangels besserer Kenntnisse nicht in Abrede stellen will. Aber die Verunsicherung hat sicher zu- statt abgenommen und eine gewissen Corona-Müdigkeit ist allseits spürbar. Die Auf- und oder Ablehnung nimmt zu. Nützen Masken oder nicht, beginnt das Ansteckungsrisiko zwei oder fünf Tage, bevor sich die ersten Symptome zeigen? Mehr Fragen als Antworten.

Wir sind verunsichert und haben es, salopp ausgedrückt, alle ziemlich satt. Was dem Virus völlig gleichgültig ist.
Wir wähnten uns im Glauben, bis Ende Sommer zu einer gewissen Normalität zurückzufinden. Nun werden Massnahmen wieder verschärft, keine Entspannung in Sicht, Veranstaltungen werden oder bleiben abgesagt, so zum Beispiel der traditionsreiche Berner Zibele Märit. Wir fragen uns, ob der Weihnachtsmarkt in Murten stattfinden wird und einige weit voraus Denkende überlegen sich bereits, ob das was wird mit Silvester feiern und dem Lichtfestival 2021.

Ich weiss von älteren Menschen, die sich fürchten, erneut isoliert (oder soll ich sagen: ausgeschlossen?) zu werden. Das macht betroffen. Dieses Virus verändert uns alle und ich habe den Eindruck, wo es uns anfangs noch einte, trennt es uns zusehends. Es beendet sogar Freundschaften, die über Jahrzehnte Bestand hatten.

So lud eine Freundin zur Feier ihres runden Geburtstags ein. Sie plante eine Gartenparty, wo die Abstände leichter einzuhalten sind und bewegte sich durchaus im Rahmen des 'Erlaubten'. Ein geladenes Paar, rastete buchstäblich aus, als es die Einladung erhielt. Es warf der Jubilarin (die den vierzigsten und nicht hundertsten Geburtstag feierte) vor, die Gesundheit aller zu gefährden, leichtsinnig zu handeln und sich selber, da sie unter leichtem Asthma leidet, unnötigen Gefahren auszusetzen. Meine Freundin befand, wenn sie zur Arbeit könne und auch sonst keine 'Sonderbehandlung' einfordere, dürfe sie auch ein Fest ausrichten. Die Diskussion blieb fruchtlos, die Fronten verhärteten sich und das langjährige Freundespaar beschied meine Freundin, sie wollen in Zukunft keinen Kontakt mehr.

Der Freund eines Kollegen vertritt die Meinung, Corona gebe es nicht. Nachdem die beiden Männer bereits als Knirpse im Sandkasten Sandkuchen buken und bis vor kurzem regelmässig ein Bier tranken oder zusammen Tennis spielten, herrscht seit April Funkstille. Das Virus, das es gibt oder nicht, gibt es also ganz sicher als trennendes Symptom und ich habe die Befürchtung, dass die beiden Beispiele, die ich hier aufführe, stellvertretend für viele andere stehen.

Auch wenn wir verunsichert sind, sollten wir nicht vergessen, dass es ein Leben vor Corona gab und es eines danach geben wird, und dass es nicht schlecht ist daran festzuhalten, dass es auch ein Leben während Corona gibt. Ordnen wir nicht alles diesem Winzling unter, der ja schon bald Gesellschaft (oder Konkurrenz) des Grippevirus bekommen wird.

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Kommentare zu diesem Artikel

Wyler Roland

Der Titel: „Kein Ende in Sicht“ ist insofern richtig als die Autorin anerkennt, dass es schon immer Pandemien gab. Wir wissen heute dass es ein Virus ist im Gegensatz zum Mittelalter, als die Menschheit glaubte, Pest sei die Strafe Gottes. Der Klerus zog mit Ablasshandel viel Geld und Macht ein, im Namen Gottes. Coronaviren gibt es schon lange. Neu ist, dass eine Corona-Variante SARS-CoV2 pandemisch ausgebrochen ist. Mit dem Virus werden wir weiter leben und sterben müssen. So gesehen: „Kein Ende in Sicht. Wenn wir das Virus verstehen haben wir bessere Chancen als die Menschheit im Mittelalter