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Eine etwas andere Solennität und Party feiernde Fliegen

Geht es Ihnen auch so, dass Sie heute – nach Corona sozusagen – vieles mit etwas anderen Augen betrachten? Vielleicht sogar Fliegen – oder zumindest Ihre Beziehung zu ihnen.

Für die Murtner ist der 22. Juni ein ganz besonderer Tag, für viele ist er gar der Tag, auf den das ganze Jahr über hingefiebert wird: Solennität. Die Schlacht von Murten (1476), aus der die Schweizer als Sieger hervorgingen, wird seit dem 16. Jahrhundert feierlich begangen Doch dieses Jahr fiel der Anlass sehr bescheiden aus, das Virus hat auch diese Feier betroffen.

An diesem Montagnachmittag des 22. Juni bin ich durch Murten geschlendert, sass auf einer Terrasse und genoss die Sonne und einen Cappuccino. Ich freute mich ob der belebten Gassen, den mit Kameras bewaffneten Touristen und den schönen Brunnen.

Abends spielte die Musik auf, von Balkons und offenen Fenstern aus wurde das Solennitäts-Lied gesungen, anschliessend gab es einen Schwatz mit Bekannten und ein Glas Wein. Das alles ist nicht zu vergleichen mit einem richtigen Solennitäts-Fest und wahrscheinlich war der Anlass für die einen bereits zuviel und für andere viel zu wenig. Alles eine Frage der Perspektive...

Als wir nach diesem bescheidenen Solennitäts-Fest und nach dem Sonnenuntergang nach Hause kamen, feierten in unserer Küche fast ein Dutzend Fliegen, wahrscheinlich angezogen durch die leuchtend gelben Sonnenblumen und die duftenden, reifen Aprikosen, eine Party. Mein Liebster schnappte sich einen Lappen und wollte sich ans (grausame) Vernichtungswerk machen.
Ich gebe es zu, ich mag auch keine Fliegen. Sie schwirren nervös hin und her, kleben an Wänden und Fenstern, krabbeln auf Tischen, Tellern und Gläsern und ich will lieber nicht wissen, wo überall sie vorher herumgewuselt sind.

Aber selbst meine Beziehung zu Fliegen hat sich gewandelt seit Corona.
Haben nicht auch sie ein Recht auf Leben? Sie tun, was ihre Aufgabe ist auf dieser Erde, sie fügen mir kein Leid zu, sie räumen in der Natur auf, beseitigen tote Tiere und Kot und sind - in der unendlich langen Nahrungskette - zum Überleben von Vögeln, Fröschen, Fischen oder Spinnen ein wesentlicher Bestandteil des Menüplans. 

"Denk an dein Karma", mahnte ich meinem Liebsten. Wir öffneten die Fenster und während wir die Fliegen ins Freie beförderten, diskutierten wir angeregt über Leben und Sterben, über Macht und Ohnmacht.

Es ist noch nicht lange her, da hätte ich die Fliegen auch ins Jenseits befördert. Aber diese Krise hat mich gemahnt, aufmerksamer zu sein und das Leben - egal welches - zu schätzen und schützen, gibt es denn nicht für jede Gattung ein Plätzchen auf unserer kleinen Erde?

Am nächsten Morgen schaute ich 'meiner' Amsel zu, wie sie sich einen Wurm holte und später mit einem Insekt im Schnabel auf dem Balkongeländer sass, mir taten weder Wurm noch Insekt leid. Obwohl das Insekt wichtig ist, und sicher auch der Wurm, ist die Amsel mir doch etwas näher und schliesslich muss sie für ihr Überleben sorgen.
Ich kam also von meinem hohen Ross herunter und gestand mir ein, dass es oft schlicht eine Frage des Blickwinkels ist.

Ich erinnerte mich an den Film 'Die Reise der Pinguine', den ich im Kino gesehen hatte. Einige Reihen vor mir sassen Grosseltern mit zwei Enkeln. Als wir auf der Leinwand Zeuge wurden, wie ein Vogel ein Pinguinbaby packte und seinen Jungen zum Frass gab, schrie das eine Kind entsetzt auf, das Kleinere begann hemmungslos zu weinen und die vier verliessen den Saal fluchtartig. Zuvor hatten die Kleinen allerdings ungerührt zugeschaut, wie die Pinguine Fische jagten und verspeisten und ziemlich sicher hätten sie den Pinguinbaby-Raub gelassener hingenommen, wären die Helden des Films die Vogelfamilie gewesen.
Leben und leben lassen, leben und überleben, töten um zu leben - oft eine Frage der Perspektive.

PS: Als mich letzte Nacht eine Mücke zuerst zweimal stach, bevor sie mir unermüdlich um die Ohren surrte, machte ich mitleidslos Jagd auf sie. Leben und leben lassen, leben und überleben – wie gesagt, eine Frage der Perspektive.

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