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Die Stadt, wo ig drin wohne....

Kennen Sie das auch? Manchmal zieht es Sie ans Meer, dann wieder in die Berge. Manchmal hat man Lust auf Trubel, dann wieder auf Solitüde

Die Frage, wo es am Schönsten ist, lässt sich nicht immer einfach beantworten. Aber das Dorf oder die Stadt, wo man immer wieder hinkommt, nach den Ferien oder lediglich nach der Arbeit, diesen Ort sollte man sich sehr sorgfältig aussuchen.

Seit etwas über drei Jahren wohne ich in Murten und ich wohne gerne hier.

Nach Murten bin ich nicht von weit her gezogen und es ist bereits eine geraume eine Weile her, dass ich mir ernsthaft überlegt hatte, ob ich das Dreiseen-Land verlassen wolle. Eine Weile träumte ich davon, mich in Wien niederzulassen, in dieser prunkreichen Stadt mit den netten Menschen, dem schier unerschöpflichen Angebot an Kunst und Kultur und dem fantastischen Naherholungsgebiet an der Donau... Ja, da komme ich ins Schwärmen und Sehnsucht kommt auf. Aber die Idee, nach Wien zu ziehen, scheiterte erstens am gezielten Verfolgen des Plans, und dann musste ich mir eingestehen, dass es in vielerlei Hinsicht wohl angehender ist, in Wien Urlaub zu machen, statt dort zu arbeiten. So liebäugelte ich in der Folge kurz mit Strasbourg und mit den Gestaden des Thunersees.

Aber eben, schlussendlich bin ich dann in Murten gelandet, was das Schlechteste nicht ist.
Aber jeweils Ende Sommer, wo die Tage wieder kürzer (und ich halt immer älter) werde, dünkt mich zuweilen der Arbeitsweg arg lang. Immerhin verbringe ich gut eineinhalb Stunden im Auto, gerade in der Winterzeit, und wenn noch Schnee fällt oder liegt, die Strassen vereist sind, ist mir der Weg zuwider. Ich verlasse das Haus bei Nacht und komme erst heim, wenn es wieder dunkel ist, und nein, der öV ist keine Alternative, da die Anbindungen suboptimal sind. Auf einen Monat (oder gar ein Jahr) hochgerechnet, ergibt dies eine beachtliche Menge Zeit, die ich anders – besser – nutzen könnte. Morgens etwas länger schlafen, nach der Arbeit Zeit zum Spörtlen, Schreiben, Kochen, Freunde treffen.
Ob ich doch umziehen soll?
Und wenn ja, wohin?
Es gibt viele nette Dörfer und kleine Städtchen im Umkreis von etwa 50 Kilometern, da wird sicher etwas darunter sein, was mir gefällt, sagte ich mir. Zumal ich nicht übertrieben hohe Ansprüche stelle, ich bin doch eher ein bescheidener Mensch... Oder?

In Gedanken liess ich also einige in Frage kommende Orte im Geiste vorbeiziehen. Wo würde es mir am besten gefallen?
Ich erstellte eine Liste, was mein zukünftiger Wohnort bieten sollte:
- Ich wünsche mir einen Ort von überschaubarer Grösse – nicht zu klein, nicht zu riesig
- Einen Bahnhof muss es haben um die Autoabhängigkeit zu umgehen
- Etwas Kultur schätze ich sehr, Kino, Lesungen, Kunstausstellungen, Theater
- Grün ringsherum. Ich will nicht in einer zubetonierten Umgebung leben, ich möchte morgens die Vögel singen hören und den Wind, wenn er im Herbst ums Haus
   peitscht
- Gerne erledige ich meine Einkäufe zu Fuss und ich bin froh, wenn ich weder ins Auto noch den Zug steigen muss, um fein auswärts zu essen
- Mein Wohnort soll klein genug sein, damit ich hie und da jemanden kenne, gross genug, um nicht jeden zu kennen
- Mehr Steuern zahlen möchte ich nicht müssen
- In unmittelbarer Nähe brauche ich einen See, Fluss oder zumindest einen Weiher – Wasser hat eine extrem beruhigende Wirkung
- Mein neuer Wunschwohnort sollte nicht weiter entfernt sein von meinen Lieben und Freunde als bisher

Die Liste wurde schnell recht lang und ich kam nicht umhin festzustellen, dass ich doch erhebliche Ansprüche habe. Ich listete einige Orte auf – darunter zum Vergleich Murten – und notierte die jeweiligen Vor- und Nachteile.
Bei Murten hielt ich folgendes fest:
Nachteil Nummer eins: der lange Arbeitsweg. Dann überlegte ich. Ich überlegte und überlegte. Also versuchte ich es mit den Vorteilen:
Es hat eine ausgesprochen hübsche Altstadt, eine bediente Post, einen Bahnhof, ich kann alles vor Ort kaufen, was ich für mein tägliches Leben brauche, es hat den See, Kino, Beizen, das KiB, das Lichtfestival, Murten Classics, Openair Kino, Brocante, eine Bibliothek ...

Muss ich noch mehr sagen?
Langer Rede kurzer Sinn: Murten schloss bei meinen Pros und Contras am besten ab. Worauf, überlegte ich mir, würde ich leichten Herzens verzichten? Aber da meldete sich bereits die kleine Stimme in meinem Kopf mit der Frage, warum um Gottes Willen ich auf etwas verzichten soll. Und ich gab der kleinen Stimme recht.
Ich möchte nicht tauschen, mir gefällt Murten rundum. Es wird langsam 'altvertraut' und gleichwohl löst es in mir, wenn ich mich der Stadt nähere, noch immer so etwas wie freudige Erwartung aus, fast, als wäre ich ein klein wenig in die Stadt verliebt.
So nehme ich denn den Arbeitsweg weiter in Kauf und vielleicht schaffe ich ihn sogar mit einem Lächeln und an den Tagen, da ich das nicht schaffe, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass der nächste Frühling nur einen kurzen Winter weit entfernt ist.

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