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Die Amsel

Trotz Lärm und Staub kann auch eine Baustelle ihre Vorteile haben

Vor meinem Haus befindet sich zurzeit eine Baustelle. Dies bedeutet, dass es tagsüber laut (und staubig) ist, ausserhalb der Arbeitszeiten hingegen sehr ruhig, da just vor meinem Daheim kein Durchgangsverkehr mehr möglich ist.

So sitze ich abends auf dem Balkon und lausche dem Gesang der Vögel und auch frühmorgens ist nichts als jubilierendes Vogelgezwitscher zu hören. Gurrende Tauben, schäkernde Elstern, trillernde Spatzen, singende Amseln. Dazu gesellen sich ab und zu die Stimmen von Krähen, Meisen, Möwen, Schwalben – und weiterer Vertreter aus der riesigen Schar der Vogelwelt.

Welche Vögel sich bei uns aufhalten, wurde übrigens im Mai von birdlife.ch erhoben(Link). Während einer Woche war die Bevölkerung dazu aufgerufen, während einer Stunde vom Garten, Balkon oder Fenster aus die Vögel zu beobachten. Die Beteiligung war so gross wie nie zuvor, was sicher auch Corona zu verdanken ist. Zum einen gab es grundsätzlich weniger Ablenkung, da Geschäfte, Bäder, Zoos, Bergbahnen etc. geschlossen waren, hielt man sich vermehrt daheim auf. Zudem war es stiller, es gab wesentlich weniger Strassen-, Zug und Flugverkehr, was möglicherweise auch die Schüchternen unter den Vögeln dazu bewog, den dichter besiedelten Gegenden einen Besuch abzustatten.

Der meistbeobachtete Vogel war in dieser Maiwoche die Amsel und sie ist auch bei mir seit ein paar Wochen regelmässiger Gast.
Sie hat sich als Zuhause den Baum direkt vor meinem Balkon ausgesucht und nun begrüsst und verbschiedet sie den Tag jeweils singend auf meinem Balkongeländer. Sie ist überhaupt nicht schüchtern, ab und zu zeigt sie mir ihren Fang und seit kurzem kommt sie öfters in Begleitung. Ob bald einmal mit Nachwuchs gerechnet werden kann?
Die Amsel erinnert mich an Fernando. Fernando war eine junge, aus dem Nest gefallene Amsel, die wir vor zwei Jahren vor dem Überfahren werden 'retteten'. Wir machten damals den Balkon soweit als möglich 'amselsicher'. Fernandos Mutter kümmerte sich vorbildlich um ihr Junges, sie versorgte es von früh bis spät mit Futter. Aber nach drei Tagen flatterte Fernando leider hoch genug, um über die Brüstung zu 'stolpern'; im Garten fanden wir später nichts weiter, als ein paar flaumige Federchen.

Wenn ich heute 'meiner Amsel' zuschaue, frage ich mich zuweilen, ob es wirklich Fernandos Flaum war, der damals grau und weich und hoffnungsraubend im Gras lag. Was, wenn der Kleine überlebt und wir das Federkleid eines anderen Vogels gefunden hatten?
Ich stelle mir vor, wie Fernando damals über die Balkonbrüstung flatterte, zunehmend an Höhe verlor und dann, kurz bevor er den Boden berührte, den Trick des Fliegens entdeckte, in letzter Sekunde abdrehte und sich in die Luft erhob, höher und höher, bis auf den höchsten Baumwipfel und dort die Welt sah, wie er sie zuvor nicht gekannt hatte. Wie er lernte, einen Wurm oder eine Fliege zu fangen, wie er sich in seiner Vogelwelt – und der Welt allgemein – zu behaupten lernte, wie er es schaffte, den Winter zu überleben und einen Partner fand.
Kurzum: wie er überlebte.
Ich weiss, meine Gedanken sind abwegig und alles andere als realistisch. Mit nahezu absoluter Sicherheit gehörten die flaumigen Federchen Fernando und die singende Amsel auf meinem Balkon ist irgendeine Amsel.

Aber ist es nicht so, dass wir immer hoffen, Hoffnung schenkt Zuversicht und Mut und Glaube und ist etwas Wunderbares und eigentlich ist es nicht wichtig, wer die singende Amsel auf meinem Balkon sie. Sie ist ein Geschenk, sie singt für mich, für sich, für die ganze Welt. Sie besingt das Leben, sie ist das Leben!

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