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Der schwarze Kehrichtsack

Gedanken zu einem anonymen, inoffiziellen Kehrichtsack

Vor kurzem stand er vor dem Hauseingang. Ein schwarzer, mässig gefüllter Kehrichtsack. Ein an der Mauer über dem Sack angepinnter Zettel forderte den Besitzer des Müllsacks auf, den Kehricht korrekt in einem offiziellen Sack zu entsorgen.

Natürlich, ein nicht gebührenpflichtiger Sack wird stehengelassen – das wissen wir  alle.

Doch der Sack lag am nächsten, über- und überübernächsten Tag vor dem Hauseingang, offenbar bekannte sich niemand zu ihm. Jedes Mal, wenn ich das Haus betrat und verliess, fiel mein Blick auf ihn und beinahe fühlte ich mich schuldig, obgleich es sich entschieden nicht um meinen Müll handelte! 

Früher (ja, ja, früher, mögen Sie jetzt stöhnen. Früher ist lange vorbei. Ich stimme Ihnen zu, aber gleichwohl...) entsorgten Herr und Frau Schweizer ihren Müll ziemlich gedankenlos. Ich erinnere mich, wie meine Grossmutter den Ochsnerkübel mit Zeitungspapier auslegte, Plastikmüllsäcke waren damals noch unbekannt. Aber welche Art von Abfällen hatte sie eigentlich? Rüstabfälle und Lebensmittel (wenn die denn überhaupt weggeworfen wurden) landeten im Kompost hinter dem Haus. Zeitungen wurden gebündelt und mehrmals im Jahr am Strassenrand für das 'Zeitungssammeln' deponiert, Büchsenerbsen oder Ravioli aus der Dose kamen bei ihr nicht auf den Tisch, PET war ein unbekanntes Wort und die Verpackungsindustrie steckte noch in den Kinderschuhen.

Die Abfallberge waren wesentlich kleiner, aber sie wuchsen stetig, wobei noch lange unsortiert vieles im Haushaltsmüll landete – Papier, Dosen, Flaschen, Grünzeug.

Zum Glück ist das heute anders, wir kennen den Abfall-Knigge – aber offenbar nicht alle, denn da steht selbst nach vier Tagen noch immer – wie ein stummer Vorwurf – dieser schwarze Sack vor meinem Haus. Wohne ich mit einem Abfall-Kriminellen unter einem Dach? Andererseits frage ich mich, wie der Hauswart dazu kommt, jemand von uns zu verdächtigen? Es ist schliesslich vorstellbar, dass jemand aus einem anderen Haus, einem anderen Quartier, ja, wer weiss, aus einer anderen Stadt, den Sack in unserer Strasse, vor unserem Haus deponiert hat.

Ob es in Murten eine Abfall-Polizei gibt? Achtet ein Abfall-Sünder darauf, alle Spuren zu vermeiden, indem er zum Beispiel darauf achtet, dass sich im Sack keine an ihn adressierten Briefumschläge oder Kassenquittungen befinden? Wie ist das Vorgehen, wenn der/die Täter/Täterin überführt wird?

Erstaunlich, welch ein Intermezzo ein schlichter, schwarzer Plastiksack in meinem Kopf anzurichten vermag!

Zum guten Glück achten die meisten von uns auf eine korrekte Entsorgung des Mülls, was sich auch immer im Werkhof zeigt, wo Gross und Klein, Jung und Alt mit Flaschen, Kartons oder Blechdosen von Container zu Container hastet; und ihr meist zufriedenes Gesicht lässt darauf schliessen, dass sie froh sind, wenigstens so einen kleinen Beitrag für unsere Umwelt leisten zu können.

Nach einer Woche ist der schwarze Sack eines Morgens fort und ich bin froh, ihn endlich aus meinem Sichtfeld und meinen Gedanken zu haben.

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