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Der etwas andere Sommer

Zusammen mit einer Freundin suchte ich einen passenden Termin für den Besuch des Openair-Kinos Murten und stellte mit Erstaunen fest, dass sich meine Agenda wieder füllt.

Da ist die Ausstellung der Schweizer Ärzte, die ich besuchen will und auch in der Galerie pellegrini wird ausgestellt. Am Samstag ist wieder Marktbetrieb, Véronique Müller singt und François Loeb liest und erzählt von seiner Begegnung mit Friedrich Dürrenmatt und in der Deutschen Kirche findet die 'Midi Musique' statt. Weiter steht eine Wanderung mit einer Freundin rund um den Mt. Vully an, eine Schifffahrt mit den Enkeln auf dem Murtensee und eine Arbeitskollegin will mich zu einer Yogastunde am See einladen.

Ich freue mich, findet das Leben wieder mehr im Aussen statt. Vieles, was als selbstverständlich hingenommen wurde, geniesse ich heute bewusster. Alles ist ein Fest: Die erste Begegnung am See mit dem Soft-Ice-Mann (oh-la-la, was habe ich sein Soft-Ice vermisst!) und natürlich der erste Schleck am Eis, aber auch einfach auf einer Bank zu sitzen, den Kindern auf dem Spielplatz zuzuschauen, oder den Stimmen zu lauschen, die aus den Lauben an mein Ohr dringen und von weitem das Schiffshorn zu hören, das die Ankunft im Hafen ankündigt. Ich zelebriere den Gang über den Markt, den Besuch in der Buchhandlung und natürlich das 'Erlebnis' Coiffeur.

Vor ein paar Wochen war meine Agenda unbeschriebenes Land. Keine Termine, keine Treffen mit Freunden, kein Apéro nach Feierabend, kein Kino, kein Restaurantbesuch, keine Lesung, keine Bibliothek kein Schwimmbad, keine Kursbesuche. Rein gar nichts.

Aber halt. Rein gar nichts - trifft das so wirklich zu?

Nicht ganz. Es war anders, es war eine entschleunigte Zeit. Da war die Fahrt nach Hause nach der Arbeit auf fast leeren Strassen. Das gemütliche Zusammensitzen mit dem Liebsten, eine intensive Zeit der Zweisamkeit, Leseabende, lange Spaziergänge. Wanderungen, die - da man nicht zuerst mit der Gondel ein Stück hochfahren konnte - nicht auf die höchsten Gipfel führten, aber auf unbekannte Pfade, die man für sich alleine hatte. Es gab lange Telefongespräche mit der Freundin, die sich weder um Konzerte oder Partys drehten, sondern sich den grossen Fragen des Seins zuwandten. Die Wochenenden waren lang und erholsam, es gab nichts, was 'man' gemusst hätte, nichts, was 'man' verpassen konnte - kurzum, es waren erholsame Tage.

Nun scrolle ich durch meine gut gefüllte Agenda und frage mich, ob ich mein Leben weiterführen will, wie es war 'vor Corona'. Will ich wieder frühmorgens aus dem Haus und erst spätabends heimkommen, immer randvoll mit neuen Eindrücken, Bildern, Tönen, die verarbeitet werden wollen?

Will ich auf meine persönliche 'Qualitätszeit' verzichten (oder ihr ständig hinterherrennen müssen), weil sie mir vor lauter beschäftigt sein (mit Dingen, die mich oft gar nicht bereichern und ab und zu bloss von Wichtigem und essentiellen Dingen ablenken) zwischen den Fingern verrinnt?

Vielleicht ist diese Krise eine Gelegenheit, sich neu zu organisieren, seine Zeit anders einzuteilen. Sich vermehrt den Luxus der Langsamkeit zu leisten und die Tage und Abende weniger vollzustopfen; sich Musse zu gönnen; sich gar die Zeit des Innehaltens oder des Nichtstuns zu schenken. Denn können nicht gerade im Nichtstun Ideen reifen, in diesen leeren, oder besser gesagt freien, Zeiten, in denen der Geist ungehindert umherwandern und sich entfalten darf.

Ja, ich freue mich, findet wieder mehr Leben statt im Aussen. Aber ich will mir auch die kostbaren Zeitinseln des Nichts-müssens bewahren. Und das ist, was ich auch Ihnen wünsche: Zeit für sich und für die Dinge, die Ihnen wichtig sind und ab und zu den Genuss des Nichts-müssens.

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

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