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Am Bahnhof

Es kann guttun, die Welt zwischendurch aus einer anderen Perspektive zu betrachten – zum Beispiel aus derjenigen eines Dreijährigen

Kürzlich war mein Enkel auf ein Wochenende zu Besuch, er ist drei Jahre alt und seine grosse Leidenschaft sind Züge (und wie es heute aussieht, wird er wahrscheinlich einmal Lokführer). Ich hatte vorgehabt, mit ihm auf den Spielplatz zu gehen und eine Schifffahrt und einen Zoobesuch im Dählhölzli zu machen.

Dreijährige haben ein gutes Erinnerungsvermögen, so wusste er noch genau, dass der Bahnhof Murten nur ein paar Gehminuten von meiner Wohnung entfernt ist. 'Gehen wir zum Bahnhof?', war denn auch seine erste Frage. Natürlich. Grosseltern sind dazu da, sich Zeit zu nehmen für ihre Enkel, Zeit, die die Eltern oft nicht haben, weil immer soviel erledigt werden muss. Das Wunderbare daran ist zudem, dass man sich oft selber am reichsten beschenkt, wenn man sich für jemand – oder etwas – unbeschränkt Zeit nimmt.

Wir zogen also los und bereits auf halber Wegstrecke hörten wir das Läutwerk, welches das Schliessen der Schranken ankündigt. Mein Enkel zog mich an der Hand, 'schnell, schnell!' rief er aufgeregt und nun rannten wir zum Bahnhof, als müssten wir auf den Zug.

Ich denke, wir verbrachten an diesem warmen Sommerwochenende etwa fünf Stunden – die mir zwischendurch wie zwanzig vorkamen – auf dem Bahnhof Murten.
Jeder Schliessung und Öffnung der Barriere, jeder An- und Abfahrt der Züge zollte der Kleine dieselbe Begeisterung, als sähe er das 'Spektakel' immer wieder aufs Neue zum ersten Mal. Er wollte wissen, wohin die Züge unterwegs seien, weshalb es rot-schwarze und grün-weisse gebe und er winkte jedem Lokführer zu und der eine oder andere winkte zurück.

Ich gebe es zu, es kam der Augenblick, wo meine schier meditative Gelassenheit ins Wanken geriet, ich langweilte mich unsäglich. Zudem dachte ich an all das, was ich sonst hätte tun können. Aber zum Glück gelang es mir, diesen Moment zu überwinden und von da an hatte auch ich Spass.

Die Begeisterungsfähigkeit und die ungetrübte Lebensfreude des Kleinen wirkten ansteckend. Und dies nicht nur auf mich. So blieben immer wieder Leute stehen, schauten dem Knirps zu, wie er hüpfte, sprang und die Geräusche der sich schliessenden Barriere imitierte. Er zauberte auf viele Gesichter ein Lächeln. Einige erzählten spontan von Erlebnissen mit ihren Kindern oder Enkeln, teilten Erinnerungen mit mir an längst vergangene Zeiten. Sie berichteten von Ausflügen mit Enkeln, die heute erwachsen sind, von Märklin-Eisenbahnen oder der ersten Zugfahrt auf einer Schulreise. Eine alte Frau berichtete, dass jedes Jahr eine Tante zu Besuch gekommen sei und die ganze Familie sie jeweils am Bahnhof abgeholt habe; und wie sie sich als kleines Kind auf diesen besonderen Ausflug in die Stadt gefreut habe und wie aufregend und gross ihr der Bahnhof – dieses Tor zur Welt - erschienen sei.

Seither sind einige Wochen vergangen, aber wenn ich in die Stadt gehe, kommt es hie und da vor, dass mich jemand freundlich grüsst und fragt, wie es meinem Enkel gehe. Diese Begegnungen mahnen mich daran, dass es nicht viel braucht, um wenig bewusster, unbeschwerter und leichtfüssiger durch den Tag zu gehen, als ich es in der Regel tue, und dass es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen, um sorgfältiger hinzuschauen und hinzuhören.

Es ist ein Geschenk, wenn man die Welt auch als Erwachsener ab und zu mit der Neugier und Begeisterungsfähigkeit eines Kindes betrachten kann - wir sollten dies viel öfters tun.

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