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Allerheiligen

Was wir dieses Jahr zu Grabe tragen

Allerheiligen gedenken wir unserer Toten und sinnbildlich ist dies auch eine gute Gelegenheit zu beweinen, was sonst noch im Laufe des Jahres verlorengegangen ist, was vermisst wird oder losgelassen werden muss.
Da gibt es heuer wohl besonders viel zu beklagen.

Gerade letzte Woche wurde nun entschieden, dass das Lichtfestival im Januar nicht stattfinden wird – zumindest nicht in der vertrauten Form. Auch der Weihnachtsmarkt wurde abgesagt; wie es um Weihnachts- und Silvesterfeiern im privaten Rahmen bestellt sein wird, wird sich zeigen, wahrscheinlich tut man gut daran, seine Erwartungen tief zu halten.

Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie all diese einschneidenden Massnahmen unsere Gesellschaft ändern und unser zukünftiges Verhalten prägen werden.

Mein Enkel ist ein Jahr alt. Ich versuche, mir seine Normalität vorzustellen. Da sind die Menschen, die ihr Gesicht zur Hälfte hinter einer Maske verstecken. Er wird lernen, die Menschen anders 'zu lesen'. Mehr darauf achten, was die Augen sagen, was die Körpersprache und die Stimme verraten. Er wird sich Gesichter anders merken müssen. Vielleicht gewöhnen wir uns mit der Zeit das Lächeln mit dem Mund ab, das Küsschen in die Luft schicken und das Herausstrecken der Zunge (das man sich hinter der Maske locker erlauben kann), und nicht ausgeschlossen, dass ein geschminkter Mund in ein paar Jahren als obszön gilt.
Mein Enkel kennt Umarmungen, ja, sogar Händeschütteln, nur unter Menschen, die sehr vertraut miteinander sind. Abstand halten ist seine Normalität, sei es, wenn Mama oder Papa mit dem Nachbarn einen Schwatz halten oder er in seinem Kinderwagen in der Schlange mitwartet. Es gab Wochen, da sah er ausser seinen Eltern und seinem Bruder niemanden, die Krippe hatte geschlossen, die Grosseltern winkten ihm übers Handy zu.
Die gängigste Form der Begrüssung ist heute das Aneinanderstossen mit den Ellenbogen (wobei hier die gewünschte Distanz von 1.5 m strenggenommen nicht eingehalten wird, ausser, man lehnt den Oberkörper extrem nach hinten). Ich finde es eine läppische Form und kein Ersatz fürs Händeschütteln, da gefällt es mir besser, kurz die Hand aufs Herz zu legen und natürlich gehört ein Lächeln dazu, eines, das die Augen erreicht. Aber können wir darauf vertrauen, dass das Händeschütteln und das Umarmen irgendeinmal wieder praktiziert werden?

Eine Arbeitskollegin erzählte mir von ihren virtuellen Dinnerpartys. Es braucht keinen Babysitter, sie verlässt das Haus nicht, das Essen lässt sie sich meist liefern und jeder der Gäste hockt bei sich daheim in den eigenen vier Wänden. In Sicherheit.
Und nun hat sie sogar zu einem Fondueessen mit Eltern und Schwiegereltern eingeladen, wie sie mir versicherte, hatten sie eine Menge Spass und endlich musste sie nicht die aufgeweichten Brotbrocken des Schwiegervaters aus dem Caquelon fischen.
Völlig die Sprache hat es mir allerdings verschlagen, als sie erzählte, dass ihre achtjährige Tochter mit ihren Cousins und Cousinen, die nur ein paar hundert Meter entfernt wohnen, über Zoom das 'Leiterli-Spiel' spielt.

Ist das unsere neue Realität und was macht sie mit unseren Kindern?
Ich weiss, dass wir im Moment mit diesen Massnahmen leben müssen. Aber ich weigere mich, sie als zukünftige Normalität zu akzeptieren, ich weigere mich zu vergessen, was mein, unser 'Normal' ist und ich halte daran fest, dass ich sie zurückhaben will.

Und so spricht mir George Orwell (Autor des Romans 1984) aus dem Herzen, wenn er sagt: Gesundheit ist nicht alles, worauf es ankommt. Freundschaft, Gastlichkeit und die veränderte Auffassung, die man durch das Essen und Trinken in guter Gesellschaft erhält, ist auch wertvoll.

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