LAUPEN 05.11.2020

Sensetaler Zug erhält neues Leben

Der Triebwagen im Jahr 1938 in Laupen.
Ein alter Zug, der eigens für das Sensetal entwickelt wurde und dort fast 50 Jahre verkehrte, sollte verschrottet werden. Drei junge Eisenbahnbegeisterte wollen den Triebwagen nun revidieren. Dafür brauchen sie Geld.

Die 11,5 Kilometer lange Eisenbahnstrecke zwischen Gümmenen, Laupen und Flamatt wurde im Jahr 1904 eröffnet. 1993 erfolgte auf der Strecke Laupen–Gümmenen die Umstellung vom Bahn- auf Busbetrieb. Betrieben wurde die Strecke von der Sensetalbahn AG. Diese setzte während Jahrzehnten denselben Wagen für die Strecke ein – den Triebwagen 101. Eine Gruppe von jungen Eisenbähnlern und Eisenbahnbegeisterten zwischen 25 und 35 Jahren will diesen Triebwagen nun vor der Verschrottung bewahren und hat ein Crowdfunding lanciert.

In Genf gerettet

Anfang Jahr wurde ein Foto des Triebwagens 101, der in Genf abgestellt war, an Eisenbahnbegeisterte verschickt. Das Foto erreichte auch Riccardo Keller mit dem Hinweis, dass der Triebwagen bald verschrottet werde. Mit seinen beiden Freunden Marc Favri und Pascal Heinemann, die ebenfalls von Zügen fasziniert sind, habe er sich entschlossen, Ende April nach Genf zu fahren und das Fahrzeug zu begutachten. «Spasseshalber haben wir gesagt, dass wir den Triebwagen erstehen und revidieren könnten», erzählt Keller. Dass es wirklich so weit kommen würde, hätten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Als sie den Zug überprüft und gesehen hatten, dass dieser in einem relativ guten Zustand ist, seien sie jedoch bald zum Entschluss gekommen, ihn vor der Verschrottung zu retten und instand zu stellen.

Um nicht einen eigenen Verein gründen zu müssen, hätten sie sich dem Verein Historische Mittelthurgaubahn angeschlossen. In diesem Verein sei eine zehnköpfige Gruppe für das Projekt verantwortlich. Von diesen zehn Personen seien die meisten bei einer Bahngesellschaft angestellt. «Wir sind drei Leute, die sich hauptsächlich um den Triebwagen kümmern und das Ganze leiten. Allerdings braucht es die ganze Gruppe, um das Projekt zu realisieren.» Dies geschehe alles auf freiwilliger Basis: «Das ist unser Hobby.»

«Dreissig lachende Gesichter»

Es gebe zwei Aspekte, weshalb sie sich entschieden hätten, in ihrer Freizeit den Triebwagen zu überholen, erklärt Keller. Einerseits sei da die Herausforderung, es auf die Reihe zu kriegen, den Wagen auf Vordermann bringen zu können. «Vor allem im technischen Bereich gibt es einige Knacknüsse. Das gefällt uns, denn sonst wäre es ja langweilig», sagt er mit einem Schmunzeln. Er habe bereits jetzt viel von diesem Projekt gelernt, was auch für seine Arbeit bei der Stadler Rail wertvoll sei.

Andererseits sei es auch schön, sich vorzustellen, eine Zeitreise mit diesem Zug zu machen. «Ich stelle mir dann jeweils 30 lachende Gesichter vor, die Spass an der Fahrt mit diesem alten Wagen haben.»

So sei es auch das Ziel, den Triebwagen in Zukunft für Zugreisen zu nutzen. Dabei würden ihnen zwei Varianten der Nutzung des alten Triebwagens vorschweben. Eine Möglichkeit sei es, Fahrten anzubieten, bei denen die Strecke bekannt ist und die für die Öffentlichkeit sind. Die zweite Variante sei die Organisation von privaten Fahrten. «Man könnte den Zug beispielsweise bei Hochzeiten, Betriebsfeiern, zur Pensionierung oder zu sonstigen privaten Anlässen für eine Fahrt mieten.»

20 000 Franken benötigt

Keller glaubt, dass das Projekt in der Region auf Unterstützung stossen wird. «Der Triebwagen 101 ist vielen Leuten in Laupen und Umgebung noch bekannt.» Nun seien sie jedoch auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Denn um den Wagen wieder in den ursprünglichen Zustand von 1938 zurückzuversetzen, brauche es Geld. Das Geld für den kompletten Neuanstrich hätten sie bereits gesammelt. Auch Originalteile habe die Gruppe bereits beschaffen können. Weiteres Geld wird jedoch für den Ersatz der Radscheiben benötigt, die Risse aufweisen. «Nach den heutigen Vorschriften ist es gar nicht mehr zulässig, mit diesen Rädern zu fahren.» Zudem sei es nachhaltiger, diese gleich zu ersetzen.

Die Beschaffung dieser Ersatzteile würde ungefähr 15 000 Franken kosten, sagt Keller. «Besser wäre es jedoch, wenn 20 000 Franken zusammenkämen, um das Projekt auf längere Sicht realisieren zu können. Momentan habe die Gruppe bereits rund 7000 Franken sammeln können.

Für die einfachen Reparaturen würden sie selbst einspringen, sagt Keller. «Die grossen Reparaturen, die sicherheitsrelevant sind, werden in der BLS-Werkstätte in Bönigen ausgeführt.»

Crowdfunding unter www.lokalhelden.ch/triebwagen101

Zur Geschichte

Die «Dame du Léman»

Die Sensetalbahn kaufte im Jahr 1938 den Triebwagen mit der Nummer 101 für die Strecke Gümmenen–Laupen–Flamatt. Der Triebwagen wurde von der Waggonfabrik Schlieren in Zusammenarbeit mit dem Ateliers de Sécheron in Genf für die Sensetalbahn entwickelt und gebaut. Da es der einzige Triebwagen war, den die Sensetalbahn direkt ab der Fabrik gekauft hat, war es der ganze Stolz der Bahn. Die anderen Wagen waren nämlich alles Fahrzeuge, die die Sensetalbahn aus zweiter Hand von anderen Betrieben übernommen hatte. Der Zug war für fast 50 Jahre zwischen Laupen, Gümmenen und Flamatt in Betrieb. «Es war sozusagen die S-Bahn dieser Epoche», so Riccardo Keller, der mit zwei Kollegen den Wagen restaurieren will. Der Wagen hatte ein Gepäckabteil, wo allerhand Güter transportiert werden konnten. «In der dritten Klasse sassen die Passagiere.» Der Wagen bot 60 Personen Platz.

Odyssee durch die Schweiz

In den 1980er-Jahren wurde der Triebwagen 101 verkauft, weil es an Geld für den Unterhalt fehlte. Zunächst gelangte er zu der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn. Als auch diese Gesellschaft ihren Betrieb einstellte, kaufte ihn die Zürcher Museums-Bahn, um ihn als historisches Fahrzeug auf Fahrten im Sihltal einzusetzen. Im Jahr 2011 gelangte er an den Genfersee. Die Compagnie Ferroviare du Léman taufte den Triebwagen 101 nach einer Revision im Oktober 2012 auf den Namen «La Dame du Léman» um. Weil das Interesse an Extrafahrten in der Genfersee-Region abnahm, wurde der Wagen am Flughafen-Bahnhof in Genf abgestellt, wo er schliesslich verschrottet werden sollte.

nj