GUGGISBERG 23.07.2020

Die Schafscheid Riffenmatt wird zum ersten Mal in über 350 Jahren abgesagt

Vielleicht können die Schafe wegen der Absage der Schafscheid dieses Jahr ein wenig länger auf der Alp bleiben.
Der Gemeinderat von Guggisberg hat beschlossen, den traditionellen Anlass dieses Jahr ab­zusagen. Die Gastronomie muss mit hohen Einbussen rechnen.

Die Schafscheid Riffenmatt gehört zur Gemeinde Guggisberg wie die Geschichte von Vreneli und Hansjoggeli und das Guggisberg-Lied. Im Jahr 1662 wurde die Schafscheid in Guggisberg zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Der traditionelle Anlass findet jedes Jahr am ersten Donnerstag im September statt. Nun muss die Schafscheid aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. «Nach meinem Wissen und das der älteren Leute in der Region wurde die Schafscheid noch gar nie abgesagt», so Hans­peter Schneiter, Gemeindepräsident von Guggisberg.

Verständnis für Entscheid

«Der Gemeinderat hat nach langem Überlegen entschieden, die Schafscheid abzusagen.» Diesen Beschluss hätten sie auch gefällt, weil ähnliche Anlässe wie der Alpabzug Plaffeien oder die Schafscheid in Jaun bereits abgesagt worden seien. Schliesslich sei ihnen jedoch gar keine andere Wahl geblieben. Denn die Schutzmassnahmen des Bundesrats gelten nach wie vor. Darunter falle auch das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als tausend Personen. «Die Schafscheid hat jedes Jahr deutlich mehr Besucher.» Tatsächlich wollten in den vergangnen Jahren bis zu 5000 Personen sehen, wie die Hirten die Schafe von der Alp heruntertreiben, wie Fritz Pfeuti, Präsident von Guggisberg Tourismus, sagt.

Obwohl die Schafscheid in der Region sehr beliebt ist, hätten die meisten Leute bisher Verständnis für diesen Entscheid gezeigt. «Wir leben nun mal in aussergewöhnlichen Zeiten. Das versteht fast jeder», so Schneiter.

Für die Schafhirten ändere sich im Grossen und Ganzen nicht viel. Der Alpabzug erfolge sowieso. Dieses Jahr könnten die Schafe jedoch ein oder zwei Wochen länger in den Bergen bleiben, meint Schneiter. Die Hirten mussten die Schafe wegen de traditionellen Anlasses jedes Jahr bereits Anfang September hinunterholen. «Weil es im September nun immer noch sehr warm ist, sind die Hirten froh, wenn die Schafe noch ein wenig länger oben bleiben können.»

Die Absage der Schafscheid habe für den Tourismus in der Region sicher Auswirkungen, sagt Fritz Pfeuti. «Es sind immer sehr viele Leute gekommen, die die Region unterstützt haben.» Neben Einheimischen, Personen aus der Region und «Heimweh-Guggisbergern» hat der Anlass stets auch viele Touristen angezogen. Dass diese Besucher heuer ausbleiben, ziehe für die Region sicherlich finanzielle Einbussen mit sich. «Neben der Gastronomie ist zum Beispiel auch die Parkplatz-Bewirtschaftung betroffen. Die Landbesitzer, die Parkplätze vermieten, gehen dieses Jahr leer aus.»

Zur Geschichte

Seit über 350 Jahren in Guggisberg

Die Tradition der Schafscheid Riffenmatt ist seit dem Jahr 1662 belegt, reicht aber vermutlich noch weiter zurück. Sie findet traditionell am ersten Donnerstag im September statt. Nach der Sömmerung in den Bergen, ziehen die Tiere im September ins Tal und werden an der Schafscheid auf einem Sammelplatz in Pferche getrieben. Dort werden sie schliesslich an die jeweiligen Besitzer verteilt. Wurden in früheren Jahren noch mehrere Hundert Schafe zur Schafscheid nach Riffenmatt getrieben, hat die Anzahl der Tiere in den letzten Jahren abgenommen. Im Jahr 2011 waren es nur gegen hundert Tiere, weil die Schafzuchtgenossenschaft Rüschegg ihre Schafe bereits im Juli aus Angst vor einem Wolf von der Alp geholt hatte. Obwohl immer weniger Tiere zu sehen sind, erfreut sich der Anlass nach wie vor sehr grosser Beliebtheit. Aus dem traditionellen Anlass hat sich längst eine Touristenattraktion entwickelt, die mit einem Dorfmarkt verbunden ist.

nj