Aviatik 08.09.2017

Zwei Freiburger heben ab

Nicolas Tièche (l.) und Laurent Sciboz brauchen für ihr Abenteuer eine ganze Menge Material.
Die beiden Freiburger Nicolas Tièche und Laurent Sciboz haben sich zum Ziel gesetzt, den Gordon-Bennett-Cup, die Weltmeisterschaft im Gasballonfahren, zu gewinnen. Die Chancen stehen gut, sie gehören zu den Favoriten. Das Rennen ist allerdings unberechenbar.

«Der Gordon-Bennett-Cup ist für uns Ballonfahrer etwa das, was der America’s Cup für die Segler ist», sagt Nicolas Tièche. Der 49-Jährige bildet zusammen mit Laurent Sciboz eines von drei Schweizer Teams, die heute in Epagny unterhalb des Schloss Greyerz an der WM im Gasballonfahren starten. Neben dem Team «FR Challenge» nehmen 20 weitere Teams aus dreizehn Nationen am traditionsreichen Wettbewerb teil. Das Prinzip des Rennens ist ebenso einfach wie komplex: Der Ballon, der ohne Zwischenstopp am weitesten fliegt, gewinnt – zeitliche Beschränkung gibt es keine. «2015 haben wir das das Rennen als Dritte beendet, letztes Jahr wurden wir Zweite. Dieses Jahr wollen wir uns nochmals verbessern», gibt sich Tièche vor dem heutigen Start (19.30 Uhr) ­kämpferisch.

Auf der Suche nach dem perfekten Wind

Wenn Nicolas Tièche und Laurent Sciboz heute Abend in die Luft abheben, wissen sie nicht genau, wo und wann sie mit ihrem Ballon landen werden. Der Wind bestimmt das Ziel. «Es ist diese Ungewissheit, die den Reiz des Ballonfliegens ausmacht», sagt Tièche. «Ich weiss nicht, in welchem Land ich landen werde. Ich weiss nicht, ob ich bei der Landung Shorts oder eine Schwimmweste anziehen muss. Dieser Kontrast zu unserem normalen Leben, wo alles so fix und durchgeplant ist, ist faszinierend.»

Ganz unvorbereitet starten die Piloten allerdings nicht ins Abenteuer Gordon Bennett. Auf der Suche nach dem perfekten Wind werden sie von einer hoch spezialisierten Bodencrew unterstützt. Diese leitet von Freiburg aus die Ballonfahrer, so dass sie die günstigsten Luftströmungen nutzen und Gefahren wie Unwetter oder Berggipfel umfliegen können.

Anhand der aktuellen meteorologischen Daten hat ­Tièche zumindest eine Ahnung, wohin die Reise gehen könnte. «Am Samstag zieht eine Kaltfront über Europa und wird uns voraussichtlich in Richtung Ukraine bringen. Das Tiefdruckgebiet wird wohl auch Gewitter zur Folge haben, so dass es zu Beginn des Rennens darum gehen wird, schnelle Winde zu erwischen und der Schlechtwetterzone davonzufliegen.» Zwei Stunden vor dem Start werde das Team aufgrund der neuesten Werte definitiv entscheiden, welche Strategie es fahren wolle. «Der direkteste Weg ist nicht unbedingt der beste.»

«Wer gewinnen will, muss gewisse Risiken eingehen»

Sollte der Ballon der Freiburger doch unversehens in eine Gewitterzone geraten, könnte es für die Piloten brenzlig werden. Die elektrischen Entladungen, die während eines Gewitters freigesetzt werden, könnten den Gasballon, der mit 1000 Kubikmetern hoch entzündlichem Wasserstoff gefüllt ist, zum Explodieren bringen. «Für den Fall der Fälle haben wir Fallschirme dabei», erklärt Laurent Sciboz. Es gelte aber, ruhig Blut zu wahren und nicht gleich beim ersten Anzeichen von Gefahr abzuspringen. «Wer gewinnen will, muss gewisse Risiken eingehen. Sie müssen aber stets kalkuliert sein.»

Bei der Planung der Strategie gilt es nicht nur Windstärken und -richtungen zu beachten, sondern auch das Wettkampfgebiet. Die Ballons dürfen das europäische Territorium nicht verlassen; zudem haben einige Länder wie zum Beispiel die Ukraine ihren Luftraum für den Gordon-Bennett-Cup nicht freigegeben. «Es ist Aufgabe der Bodencrew, bei den jeweiligen Luftraumkontrollstellen rechtzeitig die Überflugerlaubnis einzuholen», erklärt ­Tièche. «Es ist wichtig, vorauszuplanen, um allenfalls reagieren und eine andere Route wählen zu können. Wird einem die Überflugerlaubnis nämlich verweigert, so bliebt nur die Landung.»

Bereits in den vergangenen beiden Jahren haben ­Tièche und Sciboz mit jener Bodencrew zusammengearbeitet, die den «FR Challenge» auch heuer durch das Labyrinth des europäischen Luftraums leiten soll. «Wir sind inzwischen ein sehr gut eingespieltes Team und können auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen», sagt ­Tièche.

Schlafen auf einem Quadratmeter

Aufgrund der Erkenntnisse bei den letzten Rennen habe man einige Anpassungen vorgenommen. «Insbesondere im Bereich der Sicherheit haben wir uns weiterentwickelt. Unter anderem haben wir neu ein Laserhöhenmessgerät und Nachtsichtgeräte an Bord. Damit sind wir besser auf nächtliche Manöver vorbereitet. Das hat sich in den letzten Rennen als wichtig herausgestellt.» In zahlreichen Nachtflügen haben die beiden Freiburger das Fahren und Landen im Dunkeln geübt. Ihre Trainingsfahrten haben sie zudem bewusst bei tiefen Temperaturen absolviert, um sich an die Kälte zu gewöhnen, die auf Flughöhen von teils 5000 Metern herrscht. «So ist es uns gelungen, die Schlafqualität und -dauer zu verbessern. Konnten wir in den letzten Jahren kaum ein Auge zutun, so schaffen wir jetzt vier Stunden Schlaf pro Tag.»

Weshalb Schlafen für die beiden eine grosse Herausforderung darstellt, wird verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass der Korb des «FR Challenge» dreieckig ist, 1,40 Meter misst und nur knapp einen Quadratmeter Platz bietet. Zum Schlafen ist am Ballonkorb eine Klappe angebracht, die herausgefahren werden kann, damit sich die Fahrer ausstrecken können. Den Oberkörper im Korb, die Füsse ausserhalb – eine erholsame Schlafposition sieht anders aus.

Ungemütlich wird es auch, wenn Nicolas ­Tièche oder Laurent Sciboz auf die Toilette müssen. «Die Notdurft verrichten wir auf einem Eimer, in dem eine Abfalltüte und etwas Wasser drin sind. Danach wird der Beutel über Bord geworfen», erklärt ­Tièche. «Aber natürlich nur über unbewohntem Gebiet.»

Zur Person

Nicolas Tièche

Der 49-jährige Nicolas Tièche wohnt in Gumefens, ist Chemie-Ingenieur und arbeitet seit rund 25 Jahren in der pharmazeutischen Industrie und in der Biotechnologie. 1978 flog er erstmals in einem Ballon, seit 1985 ist er Pilot. ­Tièche hat sich auf Streckenflüge über die Alpen, Höhen- und Nachtflüge spezialisiert. Er hält sowohl den Schweizer Rekord im Höhen- (11 450 m) als auch im Streckenflug (703 km) und hat bereits in den Jahren 2004, 2011, 2014, 2015 und 2016 am Gordon-Bennett-Cup teilgenommen. ms

Zur Person

Laurent Sciboz

Der 50-jährige Laurent Sciboz wohnt in Sommentier, arbeitet als Informatiker und leitet seit 20 Jahren Forschungsprojekte im Bereich des Internets der Dinge (IoT). Der Freiburger praktiziert seit 1989 den Freiflug als Gleitschirmpilot und besitzt seit 2011 die Lizenz als Ballonpilot. Im selben Jahr hat Sciboz auch die Zulassungen für den Nachtflug und für die Steuerung von Gasballons erhalten. Er besitzt eine Konzession als Amateurfunker und hat bisher dreimal (2014/15/16) am Gordon-Bennett-Cup teilgenommen. ms

Gasballons

Wenn ein Kaffeelöffel Sand über Sieg und Niederlage entscheidet

Der Gordon-Bennett-Cup ist die Weltmeisterschaft im Gasballonfahren. Im Vergleich zu den Heissluftballons, die man vornehmlich am frühen Morgen oder abends am strahlend blauen Himmel beobachten kann, haben Gasballons einige Unterschiede: Gasballons sind rund und nicht birnenförmig. Ihr Volumen weist nur einen Viertel des Volumens eines Heissluftballons auf. Gefüllt werden die Gasballons mit Helium oder Wasserstoff und nicht mit der von einem Brenner erhitzten Luft.

1000 Kubikmeter Wasserstoff

1000 Kubikmeter (eine Million Liter) Wasserstoff enthält der «FR Challenge», der Ballon der beiden Freiburger Piloten Nicolas ­Tièche und Laurent Sciboz. Mehr ist gemäss Reglement des Gordon-Bennett-Cups nicht erlaubt. Wasserstoff ist rund vierzehn Mal leichter als Luft und hebt den Ballon in die Höhe. Zum Ausgleichen des Auftriebs haben die Piloten rund 600 Kilogramm Gewichte in Form von Sand und Wasser angehängt. Wollen ­Tièche/­Sciboz mit ihrem Ballon steigen, reduzieren sie das Gewicht, indem sie Ballast abwerfen. Wollen sie den Ballon absenken, lassen sie über das Ventil, das sich zuoberst an der Hülle befindet, Gas ab.

Je nach Wetterlage herrschen auf verschiedenen Höhen unterschiedliche Windrichtungen und -geschwindigkeiten. Die richtige Flughöhe und den besten Wind erwischen: Das ist die Kunst beim Gasballonfahren. Auf der Suche nach dem perfekten Wind benötigt allerdings jedes Manöver entweder Gas oder Sand, je nachdem, ob es rauf- oder runtergehen soll. Es gilt, mit den entsprechenden Ressourcen haushälterisch umzugehen. Ist der Vorrat aufgebraucht, muss der Ballon landen. Im Jahr 2015 war der Ballon der Freiburger nach vier Nächten noch als einziger in der Luft; sämtliche Konkurrenz musste vom Boden aus zusehen, wie der «FR Challenge» dem WM-Titel entgegenschwebte. Doch nach 2067 Flugkilometern ging der Sand aus, der Ballon konnte nicht mehr steigen und musste landen. Dreizehn Kilometer hatten zum Sieg gefehlt.

Jedes Kilogramm zählt

«Oftmals sind es nur Kaffeelöffel, die man abwirft», erklärt ­Tièche. Ganze Sandsäcke abzuwerfen, wie es manchmal in Filmen zu sehen sei, sei viel zu gefährlich. «Ein 15 Kilogramm schwerer Sack, der aus grosser Höhe abgeworfen wird, kann ein Hausdach durchbrechen oder einen Menschen erschlagen.»

Wenn es hart auf hart kommt, Sand und Wasser aufgebraucht sind, wird schon mal anderer «Ballast» abgeworfen, um den Ballon leichter zu machen. Dann werden das Trinkwasser und der gebrühte Kaffee ausgeleert, oder das mitgeführte Rettungsboot wird über Bord geworfen.

Das Gewicht ist ein entscheidender Faktor, wenn man möglichst lange in der Luft bleiben will. Das Freiburger Team hat denn auch viel Energie, Zeit und Geld in die Entwicklung eines Ballons investiert, der leichter, dichter und weniger anfällig ist als herkömmliche Ballons. Für den Korb hat man einen extrem leichten Prototypen entwickelt, der nur 20 Kilogramm und damit einen Viertel eines normalen Korbes wiegt. Die Grundfläche ist nicht wie üblich quadratisch, sondern dreieckig. Die Ballonhülle haben die Freiburger aus einem eigens entwickelten Stoff konstruiert, der weniger sensibel auf Temperaturschwankungen reagiert. Mit 112 Kilogramm ist die Ballonhülle vergleichsweise leicht.

Da versteht es sich von selbst, dass auch Nicolas ­Tièche und sein zweiter Pilot Laurent Sciboz kein unnötiges Gewicht mitbringen wollen. «Eine Diät haben wir nicht gemacht», sagt ­Tièche, «aber wir geben seit drei Monaten Acht, was wir essen. Jedes Kilo zählt.»ms