Freiburg 17.06.2017

Life Kinetik: Scheitern mit Spass

Erich Schaller (rechts) beim Training mit den Junioren des EHC SenSee Future.
Bei der Trainingsmethode Life Kinetik geht es darum, Gehirn und Körper spielerisch zu fordern, meist sogar zu überfordern. Trainer Erich Schaller will die Methode in Freiburg populär machen. Ein Selbstversuch.

Nach links springen und mit der rechten Hand auf den Oberschenkel schlagen – easy. Nach links springen und mit der rechten Hand einen Ball hochwerfen – ebenso einfach wie nach links zu springen und mit der rechten Hand den Ball zu prellen. Das ist die Ausgangslage einer typischen Übung aus dem Trainingsprogramm von Life Kinetik. Drei an sich einfache Tätigkeiten, doch gleich wird mich Trainer Erich Schaller aus meiner Komfortzone katapultieren. Zunächst erhält jede der drei Tätigkeiten eine Nummer. Schaller gibt die Kommandos, ruft er Drei, fange ich an zu prellen, bei Eins schlage ich mir mit der Hand auf den Oberschenkel. Für mein Gehirn gerade noch verkraftbar.

Doch plötzlich ersetzt Schaller die Zahlen durch Dinge. Jungennamen ersetzen die Eins, Mädchennamen die Zwei, Städte die Drei. Ruft er nun Patricia, muss ich den Ball hochwerfen, höre ich Oslo, sollte ich zu prellen anfangen. Obwohl es körperlich nicht anstrengend ist, spüre ich erste Schweisstropfen auf meiner Stirn. Mir wird klar, warum im Zusammenhang mit Life Kinetik mitunter von Gehirnjogging die Rede ist. Bereits angezählt, soll ich in einem nächsten Schritt bei Namen, die im Alphabet oberhalb von P und Städten, die in der Schweiz liegen, das Kommando ignorieren. «Stefan!», ruft Schaller – und ich bin definitiv überfordert. Mein Körper macht nach dem Zufallsprinzip irgendwelche Bewegungen, bloss damit ich nicht völlig untätig dastehe.

Überforderung als Prinzip

«Alles gut! Das ist normal», sagt Schaller lächelnd. «Bei Life Kinetik geht es immer darum, zu überfordern.» Der 53-Jährige aus Marly hat letzten Sommer in München den fünftägigen Kurs bei dem Erfinder der Life Kinetik, Horst Lutz, absolviert. «Wenn jemand eine Übung grad knapp kann, muss man den Schwierigkeitsgrad sofort erhöhen», sagt Schaller. Nur wenn es immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt werde, arbeite das Gehirn auf Hochtouren.

Das ist der grösste Unterschied zu herkömmlichem Koordinationstraining: «Dort geht es meist darum, Automatismen zu entwickeln.» Durch ständiges Üben und Wiederholen wird irgendwann die Koordination besser. Life Kinetik hingegen strebt nach Höherem. «Es geht um Denkanstösse, darum, eigene Lösungen zu finden.» Indem das Gehirn aktiviert und gefordert wird, soll es später in Stresssituationen besser reagieren und schneller nach Lösungen suchen. «Oft werden in den Übungen bewusst die verschiedenen Regionen im Gehirn gefordert, damit zusätzliche Synapsen entstehen», sagt Schaller.

Das Gehirn immer wieder von Neuem zu fordern ist leicht. Klar, irgendwann hätte ich verinnerlicht, dass ich bei einer Stadt ausserhalb der Schweiz den Ball auf den Boden prellen muss. Doch dann könnte der Trainer Städte durch Früchte ersetzen. Oder ganz einfach eine neue Ebene hinzufügen. Der deutsche Ski-Weltmeister Felix Neureuther beispielsweise, der auf Life Kinetik schwört, soll auf einem Gymnastikball stehen, mit der einen Hand Figuren in die Luft malen, mit der anderen einen Ball fangen und zugleich europäische Hauptstädte aufzählen können. Wenn er dann allerdings auch noch Zahlen addieren solle, müsse er ebenfalls passen, verriet Horst Lutz vor einigen Monaten gegenüber «Spiegel online».

«Wer einmal die Komfortzone verlassen muss, wird sich danach in der ursprünglichen Ausgangslage umso wohler fühlen», sagt Erich Schaller. Wer Schlittschuh läuft und dazu Bruchrechnen kann, wird sich umso besser und leistungsfähiger fühlen, wenn er das nächste Mal nur noch Schlittschuh läuft.

In der Schweiz noch unbekannt

In Deutschland geniesst Life Kinetik durchaus Popularität. Nebst Neureuther ist etwa auch Fussballtrainer Jürgen Klopp ein begeisterter Anhänger der Trainingsmethode. Bundesliga-Clubs von Dortmund bis Freiburg haben bereits mit Life Kinetik gearbeitet. Mehr als 3000 Trainerinnen und Trainer absolvierten den Lehrgang bei Horst Lutz.

In der Schweiz ist Life Kinetik noch unbekannt. Erich Schaller kennt keinen bekannten Sportler, der mit dieser Methode arbeitet. Seines Wissens ist er auch der einzige Trainer im Kanton Freiburg, der den Lehrgang in München absolviert hat. «Mein Ziel ist es, Life Kinetik in der Region bekannter zu machen.» Er benutzt das Wort Wachrütteln.

Schaller ist eigentlich Tennistrainer, in dieser Sportart J+S-Experte. «Ich stelle mir seit Jahren immer wieder die Frage: Woran liegt es, dass die einen mit grösserer Leichtigkeit und viel schneller etwas aufnehmen können als andere?» Mit ein bisschen Google-Recherche ist er dann auf Life Kinetik gestossen. «Und es hat mich so richtig gepackt. Es ist für mich ganz klar der Schlüssel zu mehr Erfolg.»

Nur zu gerne würde Schaller, der in einem Vollzeitpensum bei einer Versicherung angestellt ist, sich ein zweites Standbein aufbauen. Bereits hat er erste Klienten gewonnen: Die Junioren des EHC SenSee Future haben Life Kinetik in ihr Sommertraining aufgenommen. Zweimal pro Woche folgen sie eine halbe Stunde lang Schallers Kommandos. Das reicht bereits. Damit das Training wirke und sich Synapsen bildeten, müsse man zwar mindestens eine bis eineinhalb Stunden pro Woche trainieren, mehr sei allerdings nicht nötig, da es gar keinen zusätzlichen Nutzen bringe. Seit letzter Woche gehören auch die NLB-Eishockey-Spieler Sandro Brügger und Julien Privet zu den Kunden Schallers. Viele weitere sollen folgen. Ob Spitzensportler oder Hobbyteam, ob Altersheiminsasse oder Schlaganfallpatient, oder ganz einfach ein gestresster Manager im Büro – so gut wie jeder gehört zur Zielgruppe von Life Kinetik. Multitasking ist überall gefragt. Eine bessere Wahrnehmung, geschärfte Sinne und mehr Resistenz gegenüber Stress ebenfalls.

Totalversagen zum Abschluss

Ich schlage mich ganz gut, sagt Erich Schaller – und sorgt damit für einen kurzen Moment der Selbstzufriedenheit. Die letzte Übung nehme ich entspannt in Angriff. Sie heisst Parallelball und klingt einfach. Es geht darum, zwei Bälle in die Luft zu werfen und sie mit überkreuzten Armen aufzufangen. Bestimmt ist das nur Stufe eins dieser Übung, wahrscheinlich sollte ich bald dazu noch mit den Füssen meinen Namen schreiben und gleichzeitig Goethe rezitieren. Doch ich scheitere bereits beim simplen Fangen. Plötzlich die Höchststrafe: Schaller kommt mit zwei Tüchern, die mutmasslich vor allem beim Training mit den Senioren zum Einsatz gelangen. Die Tücher habe ich im Griff, kaum versuche ich es wieder mit den Bällen: Totalversagen.

Die Lektion ist zu Ende. Das ständige Scheitern schlägt nicht auf die Laune. Schliesslich ist genau das die Idee von Life Kinetik. Statt Frust überwiegt die Lust, mich dem spielerischen Hirnstress bald wieder zu stellen. Von Neuem zu scheitern. Anders zu scheitern. Besser zu scheitern.