Interview mit Schwingerkönig Matthias Glarner 16.06.2017

«Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt»

Auch beim Schwarzsee-Schwinget werden alle Augen auf den amtierenden Schwingerkönig Matthias Glarner gerichtet sein.
Schwingerkönig Matthias Glarner ist am Sonntag Gast beim Schwarzsee-Schwinget – und steht damit im Fokus des Interesses.

Am 28. August 2016 krönte sich Matthias Glarner beim Eidgenössischen in Estavayer – für viele überraschend – mit dem Sieg im Schlussgang gegen Armon Orlik zum Schwingerkönig. Vor dem Schwarzsee-Schwinget in Plaffeien spricht der 31-jährige Berner im FN-Interview über seine neue Popularität und darüber, wie sich seine Rolle im Sägemehl durch den Erfolg verändert hat.

Matthias Glarner, am Sonntag kehren Sie als Schwingerkönig zurück auf Freiburger Boden – ans Schwarzsee-Schwinget. Wie hat sich Ihr Leben seit dem Königstitel von Estavayer verändert?

Es ist nicht so, dass sich mein Leben um 180 Grad gedreht hat, dafür bin ich mit meinen 14 Aktiv-Jahren schon zu lange im Schwingsport mit dabei und habe in dieser Zeit schon alles erlebt. Aber das Interesse an meiner Person ist natürlich extrem gestiegen. Früher war ich insbesondere in der Region Berner Oberland bekannt, heute interessiert man sich schweizweit für mich.

Sie scheinen eher zurückhaltend zu sein, sind jedenfalls alles andere als ein extrovertierter Typ. Wie gehen Sie damit um, vermehrt in der Öffentlichkeit zu stehen?

Es ist schon so, dass ich nicht gerne im Mittelpunkt stehe. Aber ich kann ja zu allem Ja oder Nein sagen. Wenn ich etwas tue, was ich nicht gerne mache, bin ich selber schuld. Dank dem Königstitel durfte ich schon viele angenehme Dinge erleben. Ich kann Verpflichtungen auch geniessen.

Mussten Sie lernen, bei den zahlreichen Anfragen an Sie manchmal Nein zu sagen?

Mit über 30 Jahren hat man bereits gelernt, Nein zu sagen. Aber ich musste sicher schon strenger gegenüber mir selbst sein. Es gibt sehr viel schöne Anfragen; da müsste man schon fast ein Zwilling oder gar Drilling sein, um allen gerecht zu werden. Aber meine Zeit ist begrenzt, da musst du zuweilen hart sein.

Täuscht der Eindruck, dass Sie eine Spur weniger präsent sind in den Medien als Ihr Vorgänger Matthias Sempach, und wenn ja, ist das so gewollt?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass ich viel gemacht habe und dass bis Weihnachten alle etwas von mir bekommen haben. Inzwischen ist es aber so, dass es leistungsabhängig ist, wie gross das Interesse an mir ist.

Die Anfrage für dieses Interview haben Sie persönlich beantwortet und nicht ein Management …

Ich versuche, alles so unkompliziert wie nur möglich zu halten. Ich habe keinen eigentlichen Manager, sondern einen guten Kollegen, der mir hilft; er betreut auch Killian Wenger. Weil ich meine Agenda am besten kenne, habe ich selber geantwortet, das ging am ­einfachsten.

Inwiefern besteht die Gefahr, aus dem Königstitel auch finanziell den grösstmöglichen Profit zu holen und sich neben dem Sägemehlring zu verzetteln?

Ich habe mir meine Engagements gut überlegt. A, mit wem ich zusammenarbeite, und B, ob es eine langfristige Partnerschaft wird. Stimmen Aufwand und Ertrag für mich überein? Ich habe nun ein Gesamtpaket gefunden, das für mich passt. Ich ging nur Partnerschaften ein, zu denen ich zu 120 Prozent stehen kann.

«Ich versuche, alles so unkompliziert wie nur möglich zu halten.»

Neben dem Schwingen arbeiten Sie zudem in einem 60-Prozent-Teilpensum. Kommen Sie mit all den Verpflichtungen überhaupt noch zum Trainieren?

Ich habe das Gefühl, dass ich sogar ganz wenig mehr trainiere als vor dem Eidgenössischen in Estavayer. Aber wie gesagt, das ist gefühlsmässig. Das Training steht bei mir nach wie vor ganz klar im Vordergrund. Zuerst werden die Trainings in meine Agenda eingetragen.

Wie wichtig ist für Sie Ihre Arbeit bei den Bergbahnen Meiringen?

Sehr wichtig. Einerseits lenkt mich die Arbeit ab, und ich habe so nicht nur das Schwingen im Kopf, andererseits gibt mir der Beruf Sicherheit für das Leben nach der Sportlerkarriere. Ich bin in der Personalabteilung tätig, führe Projekte zur Teambildung durch, mache Schulungen und bin in meiner Funktion das Bindeglied zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitern. Von Dienstag bis Donnerstag arbeite ich, rundherum findet das Schwingen statt. So passt es für mich.

Verändert hat sich nicht nur Ihr Leben, sondern auch Ihre Rolle im Sägemehl. Sie sind nun der Gejagte.

Das habe ich im bisherigen Saisonverlauf schon gemerkt. Meine Gegner agieren nun eine Spur defensiver im Kampf gegen mich. Ein gestellter Gang gegen den König zählt halt schon ziemlich viel. Ich nehme die neue Ausgangslage aber als Herausforderung an, an der ich wachsen kann. Ich will dadurch im Vergleich zu Estavayer zum noch besseren Schwinger werden.

Der König hofft, dass seine Gegner ihm wieder öfters gratulieren müssen

Es gibt kritische Stimmen, die sagen, dass Sie es als Konterschwinger mit dem Königstitel besonders schwer haben werden. In dieser Saison konnten Sie noch keinen Eidgenossen bezwingen …

So wie ich schwinge, habe ich es zum König gebracht. Ich werde mich sicher nicht selbst neu erfinden. Ich werde stattdessen meinen Weg weitergehen. Ich bin überzeugt, dass das zum Erfolg führen wird. Jeder sollte konstant an sich arbeiten. Und es ist klar, dass ich im Winter nicht zu mir gesagt habe: Du bis jetzt König, du musst nichts mehr lernen. Es ist ein Prozess, der ständig weitergeht. Sicher aber werde ich den einen oder anderen Gang künftig noch aktiver schwingen müssen.

«Ich nehme die neue ­Ausgangslage als Herausforderung an, an der ich wachsen kann.»

Der Saisonhöhepunkt ist in diesem Jahr das Unspunnenfest. Gehen Sie diesen Anlass mit der gleichen Entschlossenheit an, wie es beim Eidgenössischen der Fall war?

Für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Eidgenössisches auf dem Programm ist oder nicht. Mein Trainingsaufwand bleibt konstant. Wie bereits erwähnt ist er eher um ein paar Prozent gestiegen im Vergleich zum Vorjahr. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Saisonplanung der Trainings. Aber das ist in jedem Jahr der Fall.

Sie sind 31 Jahre alt. Wie sieht Ihre längerfristige Planung aus? Haben Sie sich bereits mit Ihrem Karriereende auseinandergesetzt?

Meine Zeitrechnung geht bis zum Eidgenössischen 2019 in Zug. Was danach kommt, kann ich heute noch nicht sagen. Entweder habe ich dann Lust, noch ein oder zwei weitere Jahre zu schwingen, oder eben nicht. Ich lasse das jetzt noch offen.

Unmittelbar steht das Schwarzsee-Schwinget in Plaffeien bevor. Der Kanton Freiburg ist spätestens seit letzten August ein gutes Pflaster für Sie. Ein gutes Omen?

Ich habe natürlich sehr gute Erinnerungen an den Kanton Freiburg. Ich werde am Sonntag versuchen, den Schwung von Estavayer nach Plaffeien mitzunehmen.

Sie konnten am Schwarzsee-­Schwinget schon einige Kränze holen, für ganz zuvorderst hat es bisher aber nicht gereicht …

Schwarzsee und ich: Das war immer eine spezielle Geschichte. Es ist nicht immer alles rund gelaufen, obwohl ich stets optimistisch anreiste. Ich glaube fest daran, dass nun ein erfreuliches Kapitel hinzukommt. Ich habe ja gezeigt, dass es auf Freiburger Boden gut klappen kann.

Die grösste Konkurrenz dürfte aus dem eigenen Lager kommen und nicht von den Einheimischen. Können Sie den Freiburger Schwing-Fans Hoffnung machen, dass Ihre Schwinger bald wieder national für Furore sorgen werden?

Man sollte die Freiburger wie alle Südwestschweizer nicht schlechter machen, als sie sind. Es hat einige sehr gute darunter, die nur schwer zu bezwingen sind, wie die Talente Steven Moser und Lario Kramer. Sie werden ihren Weg machen. Wenn Leute wie Hans­peter Pellet und Stefan Zbinden aufhören, gibt es nun mal ein Loch. Das wird uns Bernern dereinst nicht anders ergehen. Ich bin zuversichtlich, dass es auch in Zukunft starke Freiburger Schwinger geben wird.

Zur Person

Schwingerkönig und Projektleiter

Matthias Glarner ist 31 Jahre alt und in Heimberg bei Thun zu Hause. Der ältere Bruder von FC-Thun-Spieler Stefan Glarner ist 115 kg schwer und 186 cm gross. 2003 gewann er beim Emmentalischen Schwingfest seinen ersten Kranz. Seither kamen 110 dazu. Glarners grösster Erfolg ist der Titel des Schwingerkönigs 2016 in Estavayer. Insgesamt gewann der vierfache Eidgenosse 14 Kranzfestsiege (darunter 3 Teilverbandsfeste und 2 Bergfeste). Nachdem er den Beruf des Polymechanikers erlernt hatte, studierte Glarner Sportwissenschaften und Geschichte. Heute arbeitet er als Projektleiter bei den Bergbahnen Meiringen.

fs

 

Schwarzsee-Schwinget

Mit den drei Königen Glarner, Wenger, Sempach

Wegen den anhaltenden Umbauarbeiten auf dem Kasernenareal in Schwarzsee findet das einzige Bergkranzfest der Südwestschweiz zum dritten Mal in Folge in Plaffeien statt. Der organisierende Schwingklub Sense kann am Sonntag beim Anschwinget um 8.30 Uhr einmal mehr ein illustres Teilnehmerfeld präsentieren. Neben den 90 Südwestschweizern sind Berner und Innerschweizer Gäste gemeldet, darunter mit Matthias Glarner (2016), Matthias Sempach (2013) und Kilian Wenger (2010) gleich drei Schwingerkönige. Lange stand hinter dem Einsatz von Sempach ein Fragezeichen, musste der Berner doch am letzten Wochenende für das Mittelländische auf dem Gurten verletzungshalber passen. Doch diese Woche hat der Sieger von 2016 ebenfalls grünes Licht gegeben.

Die Südwestschweizer werden von Steven Moser (Sense) sowie Michael Matthey und Pascal Piemontesi (Mont-sur-Rolle), der zuletzt das Neuenburger Kantonale gewonnen hat, angeführt. Vor Jahresfrist hatte Marc Guisolan den einzigen Freiburger Kranz geholt.

fs