Ringen 12.01.2017

Eine Sensler Ringerin geht ihren Weg

Erzielte in den ersten Monaten in Schweden bereits grosse Fortschritte: Eveline Lötscher.
Die Senslerin Eveline Lötscher hat einen Traum: Sie will an olympischen Spielen teilnehmen – als erste Schweizer Ringerin. Um dieses Ziel zu erreichen, lebt und trainiert die 16-Jährige im schwedischen Klippan.

Schweizer Ringer fahren regelmässig an olympische Spiele. Medaillen bleiben aber die Ausnahme, insbesondere in der jüngeren Vergangenheit. Letztmals holte Hugo Dietsche 1984 mit Bronze in Los Angeles Edelmetall für die Schweiz. Eine Ringerin – diese Disziplin steht für die Frauen erst seit 2004 im olympischen Programm – hat es hingegen noch nie bis Olympia geschafft. Auch nicht die einstigen Aushängeschilder bei den Frauen Nadine Tokar und Karin Stingelin. Letztere war einst für die Ringerstaffel Sense aktiv gewesen.

Professionellere Strukturen

Trotz dieser wenig Mut machenden Vorzeichen will eine 16-jährige Freiburgerin an ihre Chance auf eine Olympia-Teilnahme glauben. Um ihren Traum zu erfüllen, geht Eveline Lötscher ganz eigene Wege: Seit dem letzten Sommer besucht sich in Schweden das Gymnasium – aber nicht als gewöhnliche Austauschschülerin, wie es jedes Jahr Hunderte über den ganzen Erdball verstreut tun. Lötscher verfolgt ihren Traum im Ringergymnasium von Klippan, einer Kleinstadt, die gut 20 Kilometer von Helsingborg entfernt liegt.

Christoph Feyer, der Aktiv-Trainer der RS Sense und Konditionstrainer der Schweizer Nationalkader-Ringer, hatte sie auf die Möglichkeit in Schweden aufmerksam gemacht. «Ich war sofort überzeugt, diesen Weg einschlagen zu wollen», sagt Lötscher, die über die Festtage in die Schweiz zurückgekehrt ist. 2015 startete die Ringerin aus St. Silvester an einem Turnier in Klippan, wo sie anschliessend für einige Tage blieb, um Land und Leute kennenzulernen. Dabei sah sie sich in ihrem Vorhaben bestätigt, zumal sie Bekannte in Schweden hatte und auch der Sprache bereits ein wenig mächtig war.

Heute spricht Lötscher, die im Alter von sechs Jahren mit dem Ringen begonnen hat, fliessend schwedisch und hat ihren Entscheid noch nie bereut. «In Schweden habe ich viel mehr Trainingsmöglichkeiten. Zudem lassen sich Sport und Schule besser verbinden als in der Schweiz», hält Lötscher, die bei einer Gastfamilie untergebracht ist und die von ihren Eltern und der RS Sense finanziell unterstützt wird, fest. Der Trainingsumfang ist tatsächlich intensiv: Noch vor Schulbeginn steht um 7 Uhr das erste Training auf dem Programm, am Abend folgt eine zweite Einheit. Das zahlt sich aus. «In Technik und Ausdauer habe ich bereits grosse Fortschritte erzielt. Drei Trainer arbeiten mit uns und betreiben etwa auch Videoanalysen. So bleiben die Dinge besser im Kopf. Alles ist hier eine Spur professioneller.» Es sind dies Strukturen, die in der Schweiz nicht geboten werden können.

«Bin vorne dabei»

Kommt hinzu, dass Lötscher in Klippan auf denselben Matten stehen kann wie Jenny Fransson und Sofia Mattson, die an den Spielen in Rio 2016 die ersten olympischen Medaillen für die aufstrebende Ringernation Schweden holen konnten. Die Fortschritte der Freiburgerin wirken sich auch auf ihre Resultate aus: Zweimal startete sie im letzten Jahr bei internationalen Turnieren in Schweden (Helsingborg und Västerås, das grösste europäische Turnier), beide Male holte sie sich Bronze. «Das hat mir gezeigt, dass ich vorne dabei bin. Wenn man gewinnt, ist das der Beweis dafür, dass sich das harte Training ausbezahlt hat.» Geholfen hat ihr dabei, dass sie in ihrer neuen Heimat kräftig an Muskelmasse zugelegt hat. Sie habe zwar immer noch ein wenig Mühe gegen Ringerinnen, die ihr kraftmässig überlegen seien, doch daran arbeite sie. Lötscher selbst setzt vorab auf ihre Schnelligkeit. «Ich bin eine Ringerin, die gerne Druck macht und aktiv ist.»

Druck macht sich Lötscher auch selbst. Dies war mitunter ein Grund, weshalb sie im letzten Jahr ihre angestrebte Selektion für die Kadetten-EM verpasst hatte. Es war eine erste grössere Enttäuschung für die Ringerin, die ansonsten auf der Erfolgsspur ist. Ein noch grösserer Dämpfer droht indes. Eigentlich möchte Lötscher das dreijährige Gymnasium in Klippan zu Ende bringen. Zurzeit ist aber offen, ob die Freiburgerin über das laufende Schuljahr hinaus in Schweden bleiben kann. «Es gibt Probleme mit der Schule, die es zu lösen gilt», sagt Lötscher.

Rückkehr wäre Rückschritt

Eine Rückkehr in die Schweiz wäre hinsichtlich ihres Olympia-Traums ein herber Rückschlag. «Hier ist Ringen eben nur eine Randsportart. Ich könnte nicht mehr so viel trainieren, die Fortschritte wären kleiner.»

Ungemach droht aber nicht nur durch ihre persönliche Situation, auch das Ringen als olympische Sportart stand zuletzt auf der Kippe. Nachdem es vorläufig von den Spielen ausgeschlossen wurde, wählten die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die älteste Kampfsportart der Welt im September 2013 wieder ins Programm für die Sommerspiele 2020 und 2024. Der Traum Lötschers steht deshalb auf wackligen Beinen – und die grössten Hindernisse stehen der Senslerin dabei womöglich nicht einmal auf der Matte im Wege.

Einschätzung

«Ich hoffe, sie hat die Geduld und den Biss.»

Eveline Lötscher will an die olympischen Spiele. Doch wie realistisch ist dieses Ziel für die Freiburgerin? «Grundsätzlich hat Eveline das Potenzial und die richtige Einstellung zum Sport, um ihren Traum überhaupt träumen zu dürfen», sagt Patrick Dietsche, Chef Leistungssport von Swiss Wrestling, dem Schweizer Ringer­verband. «Da die Leistungsdichte in der Weltspitze aber sehr hoch ist und der Ringsport vor allem im Osten und Asien eine ganz andere Bedeutung hat, ist es für Schweizer grundsätzlich schwierig, sich einen der raren Quotenplätze für Olympia zu erkämpfen. Der Weltverband zählt 113 Mitgliedsländer, wovon sich rund 65 an den Ausscheidungen für die Spiele beteiligen.»

Dietsche begrüsst Lötschers Eigeninitiative, sich im Ausland weiterzuentwickeln. «Eveline hat mit der Verlagerung ihres Lebensmittelpunktes an dem schwedischen Olympiastützpunkt sicher den ersten Schritt in die richtige Richtung getan. Der Schweizer Verband seinerseits versucht, seine Strukturen so anzupassen, dass er Athleten, die auf die Karte Sport setzen, effizient und zielgerichtet unterstützen kann.» Was die Freiburgerin nun brauche, sei Durchhaltewillen. «Eveline ist noch sehr jung und ich hoffe, sie hat die Geduld und den Biss, ihren Weg weiter konsequent zu gehen. Wenn ihr das gelingt, hat sie sicher die Chance auf eine Teilnahme an den olympischen Spielen, voraussichtlich 2024.»

fs