Bern 17.03.2017

Sie bringt die Guglera auf die Bühne

Die erste eigene Produktion von Anaïs Clerc handelt vom Asylzentrum in der Guglera.
Die Eröffnung des Asylzentrums in der Guglera hatte im Sensebezirk viele Kontroversen ausgelöst. Die gebürtige Freiburgerin Anaïs Clerc bringt die Diskussion nun auf die Bühne: Heute Abend feiert ihr Stück «Die letzte Kuh» Premiere im Brückenpfeiler Bern.

Es ist ein heikles Thema, das sich Anaïs Clerc für ihr erstes eigenes Theaterstück ausgesucht hat. Es geht um die Angst von Menschen vor Menschen. Um die Gleichgültigkeit in den Aussagen mancher Leute. Um die Reaktionen auf die Eröffnung des Asylzentrums in der Guglera. «Ich war damals, als die Eröffnung des Asylzentrums bekannt gegeben wurde, extrem überrascht ob der Reaktionen, auch in meinem näheren Umfeld», sagt die gebürtige Freiburgerin. Einige hätten ihre Furcht ausgesprochen, sich in ihrem Garten aufzuhalten oder in den Coop zu gehen, sobald die Asylsuchenden einmal da sind. «Damit habe ich sehr Mühe.» Dies zu thematisieren, indem sie es auf die Bühne bringt, hat sich die 25-Jährige zu ihrer Aufgabe gemacht. Dabei galt es, einen Mittelweg zwischen Satire und Ernsthaftigkeit zu finden. Die Wahlbernerin respektiert die Ängste der Leute; sie und ihre Schauspieler wollen sich nicht darüber lustig machen. Das Stück solle kein Schwank sein. «Über einige Aspekte mokieren wir uns allerdings schon, denn über Leute, die etwa eine Bürgerwehr gründen, kann ich nur lachen.» Es werde aber niemand namentlich genannt oder sonst blossgestellt.

Im Theaterstück «Die letzte Kuh» geht es um die Freundschaft zwischen zwei Männern: zwischen dem jungen Bauernsohn Peter, der aus dem Dorf wegwill, und dem Asylbewerber Amaniel, der im Dorf bleiben will (siehe Kasten rechts). Bei der Recherche, die Anaïs Clerc im Vorfeld des Schreibprozesses angestellt hat, verbrachte sie viel Zeit auf dem Berner Amt für Migration. Dort hat sie unter anderem einen jungen Mann aus Kabul kennengelernt, der in seinem Heimatland als Journalist arbeitete. Er ist das indirekte Vorbild für den Protagonisten Amaniel. «Es gibt einen recht langen Monolog – eines der Herzstücke der Produktion –, bei dem Amaniel von seiner Flucht erzählt. Dieser Monolog beruht auf einem Augenzeugenbericht.»

Dennoch sei sie sich natürlich der Diskrepanz bewusst, die entsteht, wenn ein junger Schweizer das Schicksal eines Flüchtlings aus Afghanistan darstellen soll. So hätten sie auch überlegt, Rollen an tatsächliche Asylsuchende zu verteilen. «Das war jedoch schwierig zu organisieren. Ausserdem wäre die Sprachbarriere recht gross, und für mein erstes Stück traue ich mir das noch nicht zu.»

Satellit-Projekt gewonnen

Anaïs Clerc beschäftigt sich seit Jahren mit dem Theater. So hat sie etwa im Frühling des vergangenen Jahres bei der Aktionswoche «Theater kennt keine Grenzen» mitgemacht, bei der sich die Theatergruppen aus Schweizer Kindern vom Ferienpass und ausländischen Kindern vom Durchgangszentrum zusammensetzen. Seit Januar arbeitet sie bei der Freiburger Musiktheatergruppe «Just a Moment» mit, bei der Menschen mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen Theater spielen. Heute Abend im Rahmen des Satellit-Projekts der Jungen Bühne Bern (siehe Kasten oben) ihr eigenes Stück auf die Bühne zu bringen, welches sie geschrieben und bei dem sie Regie geführt habe – das sei schon ein Traum, der für sie wahr werde, sagt Anaïs Clerc. Co-Regisseur des Stücks ist Jann Siffert; dieser wisse ihre Ideen durch seine strukturierte Vorgehensweise gut umzusetzen. Vor negativen Reaktionen habe sie keine Angst, denn sie könne auf ihr Umfeld zählen: «Ich bin froh, dass meine Familie und meine Freunde akzeptieren, dass ich mich im nun Theaterbereich zu etablieren versuche.»

Aufführungen, Fr., 17.3., 20 Uhr; Sa., 18.3., 20 Uhr; So., 19.3., 17 Uhr; jeweils im Brückenpfeiler Bern. Reservation: dieletztekuh@hotmail.com

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Satellit-Projekt für eigene Produktion

Die Junge Bühne Bern wurde 2006 gegründet und hat ihren Hauptwirkungsort im Brückenpfeiler in Bern. Sie engagiert sich für Kinder und junge Theaterbegeisterte. Der Verein umfasst über 100 aktive Mitglieder. Neben zahlreichen Projekten mit Kindern und Jugendlichen aus dem Grossraum Bern engagiert sich die Junge Bühne Bern auch für die Integration von Asylsuchenden und Wahlschweizerinnen und -schweizern, unter anderem mit der Projektwoche «Theater kennt keine Grenzen». Mit dem Satellit-Projekt gibt die Junge Bühne Bern jungen Kunstbegeisterten die Möglichkeit, ihr eigenes Stück zu realisieren. Drei bis fünf Gewinnerprojekte werden dann von der Gruppe selbstständig umgesetzt; die Junge Bühne stellt einen Probe- und Aufführungsort zur Verfügung.

kf
«Über Leute, die etwa eine Bürgerwehr gründen, kann ich nur lachen.»

Anaïs Clerc

Drehbuchautorin und Regisseurin

Theaterstück

Bauernsohn Peter will raus, Flüchtling Amaniel will rein

Das Theaterstück «Die letzte Kuh» handelt vom Schicksal zweier junger Männer, deren Grundvoraussetzungen unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Bauernsohn Peter (Lukas Hadorn) fühlt sich eingeengt in den dörflichen Strukturen, will Modedesigner werden und möglichst schnell weg aus dem Dorf und von den Verpflichtungen, die sein Vater (Pascal Haldimann) und seine Mutter (Nina Suter) für ihn vorgesehen haben. Bald wird das Leben aller Dorfbewohner durcheinandergebracht durch die Neuigkeit, dass im nicht mehr benutzten Schulheim ein Asylzentrum eröffnet werden soll. Einige Dorfbewohnerinnen, etwa Yvonne (Andrea Umi­ker) oder Thesi (Maike Selter), regen sich darüber extrem auf. Einer der Flüchtlinge ist Amaniel (Roman Hostettler): Er möchte, im Gegensatz zu Peter, unbedingt im Dorf bleiben. Die beiden schliessen eine enge Freundschaft und versuchen gemeinsam, aus den Strukturen auszubrechen und ihre eigene Vorstellung von Glück zu verwirklichen.

kf