PLASSELB 15.07.2017

Ohne Liebe zur Bergwelt geht nichts

Joël Brülhart (links) und Elmar Zbinden vom Freiburgischen Alpwirtschaftlichen Verein begutachten eine Alpweide.
Die Alpweiden im Plasselbschlund liegen im Flyschgebiet. Diese Woche war Alpinspektion. Die spezielle Bodenbeschaffenheit verlangt von den Bewirtschaftern einiges an Engagement und Arbeit.

«Trotz der schwierigen Bodenverhältnisse geben sich die Bewirtschafter grosse Mühe, die Alpen zu pflegen und zu erhalten», sagt Elmar Zbinden. Er ist Vorstandsmitglied des Freiburgischen Alp­wirtschaftlichen Vereins. Der Verein war am Donnerstag und Freitag im Plasselbschlund unterwegs. Die freiburgischen Alpbetriebe sind in 18 Zonen eingeteilt. Im Lauf von 18 Jahren erhält jeder Betrieb sicher einmal Besuch vom Freiburgischen Alpwirtschaftlichen Verein. Die Zone «Plasselbschlund» umfasst 72 Alpweiden, die auf dem Gebiet der Gemeinden St. Silvester, Plasselb, Le Mouret, La Roche und Val de Charmey (Cerniat) liegen.

Am Donnerstag besuchte die Kommission die Alpen Räscherli, Obere Tatüren, Moosbode, Gross und Klein Bösingerhubel, Chli Kapberg, Lanthemannli, Stöck und Chüjers (siehe Kasten). Erleichtert wird die Arbeit ein wenig durch die gute Weg-Erschliessung der meisten Alpen. «In den vergangenen Jahren ist in dieser Hinsicht einiges gegangen», stellt Zbinden fest. Sei es auf Initiative der Mehrzweckgenossenschaft Ärgera-Höllbach oder auf Initiative der Eigentümer.

Name «Moosbode» sagt viel

Der Name der Alp Moosbode gibt einen Hinweis auf die Schwierigkeiten, auf die die Bewirtschafter auf diesen Alpen, die im Flyschgebiet liegen, treffen. Die Weiden sind geprägt von Pflanzen, die die Feuchtigkeit lieben, etwa Spierstauden und Kratzdisteln. Abwechselnd treffen die Bewirtschafter je nach Witterung auf vernässte Stellen oder auf Kuppen, die vor allem von Borstgras bewachsen sind. Sie kämpfen gegen Rutschungen, müssen Drainagegräben öffnen und die drohende Verbuschung im Zaum halten. Kommt dazu, dass auch Wildschweinrotten bedeutende Schäden anrichten, vor allem auf dem Chli Kapberg.

Liebe zur Alpwirtschaft

Ein besonderes Beispiel, mit welcher Liebe und welchem Aufwand eingefleischte Älpler ihre Liegenschaft unterhalten und pflegen, erlebte die Kommission auf der Alp Chüjers. Die Familie Andrey, Vater Alfons und Sohn Kanis, haben 2001 eine verfallende Liegenschaft zu neuem Leben erweckt. 1994 war ihr Alpbetrieb in der Chleuwena beim grossen Erdrutsch in Falli-Hölli zerstört worden. Als sich Ende der 1990er-Jahre die Gelegenheit ergab, die Alp Chüjers zu erwerben, haben sie die Alphütte in kürzerster Zeit mit viel Eigenarbeit neu aufgebaut. Die Liegenschaft auf 1288 Metern über Meer verfügt nun über einen Komfort, wie man ihn nicht einmal in jedem Wohnhaus im Tal findet. Bewirtschaftet wird der Betrieb zusammen mit den Alpweiden Lanthemannli und Stöck. Bestossen wird er mit Gusti, die sich im komfortablen Stall bestimmt auch wohl fühlen.

Schwalben und Kuckuck

Ein weiteres Beispiel der Verbundenheit mit der Alpwirtschaft geben die Gebrüder Walter und Markus Trachsel aus Oberschrot. Während der Sommermonate ziehen sie mit ihren dreissig Milchkühen und dem Jungvieh in den Plasselbschlund. Sie bewirtschaften drei eigene Alpen – Räscherli, Gross und Klein Bösingerhubel – sowie die Alpen Obere Tatüren und Moosboden, die sie vom Kanton Freiburg pachten. Sie ziehen mit dem Vieh von den Vorweiden auf die höher gelegenen Alpweiden und wieder zurück, je nach Graswuchs. Die Milch liefern sie täglich in die Talkäsereien. Die Kühlung der Milch ist kein Problem: Die Milchkannen werden in den Brunnentrog gestellt, wo sie vom kalten Wasser umspült werden. Mit besonderer Sorgfalt pflegen die Gebrüder Trachsel auch die Weiden: Sie entfernen Unkräuter wie Disteln, Minze und Farn. Dort, wo es möglich ist, wird das Gras als Notvorrat zu Heu aufbereitet.

Dabei bleibt den beiden Alp- und Naturfreunden noch Zeit zum Beobachten der Vogelwelt. So freut sich Walter Trachsel, dass dieses Jahr auf dem Bösingerhubel erstmals Schwalben genistet haben – auf 1362 Metern über Meer. Und seit vielen Jahren kann er beobachten, wie ein Kuckuck bei der Hütte seine Eier in ein Bachstelzen- oder Rotschwanz-Nest legt.

Elmar Zbinden sparte auf der Inspektionswanderung denn auch nicht mit Lob für das grosse Engagement auf den Alpbetrieben. «Ohne Liebe zur Alpwirtschaft und Bergwelt nimmt diese Mühen niemand auf sich», meinte er. Dazu kommt die Gastfreundschaft, die die Kommissionsmitglieder bei ihrem Besuch geniessen durften.

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Familien aus Bösingen gaben dem Hubel den Namen

Wie kommen Alpweiden im Plasselbschlund zum Namen «Bösingerhubel»? Der verstorbene Landwirt und Volkskundler Pius Käser wies in seiner Festschrift «100 Jahre Käserei Bösingen» (1990) darauf hin, dass Mitte des 19. Jahrhunderts das Gebiet der Kapberge und der Räscheren im Besitz von Bösinger Landwirten war. Grosser und Kleiner Bösingerhubel sind ein deutlicher Hinweis auf diese Tatsache. Bekannt ist aber auch, dass die bekannten Bösinger Familien Rappo ihre Viehherden im Plasselbschlund sömmerten und dass sie dort auch kästen. Eine dieser Familien trug den Zunamen Chüjers, die Alp «Chüjers» erinnert noch heute daran.

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120 Jahre im Dienste der Alpwirtschaft

Der Freiburgische Alpwirtschaftliche Verein feiert heuer sein 120-jähriges Bestehen. Die Beweggründe, die zur Gründung führten, sind aktueller denn je: Die Rahmenbedingungen für die Bewirtschaftung der Alpen verbessern und so die Zukunft der Freiburger Voralpengebiete zu sichern.

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