Faoug 11.08.2017

«Es fehlen uns die Vorbilder»

Die Reinlichkeit soll laut Rita Messmer vom ersten Tag an geübt werden.
Die Therapeutin Rita Messmer befasst sich seit vielen Jahren mit der Reinlichkeit von Kindern und der Problematik von Windeln. Das fortgeschrittene Alter der heutigen Windelträger lässt sie aufhorchen.

Die Migros bietet für Mädchen und Jungen im Alter von acht bis fünfzehn Jahren passende Windeln an. Eine Entwicklung, die Rita Messmer, Therapeutin und Autorin aus dem waadtländischen ­Faoug, dem Unwissen über den biologischen Ursprung sowie der Wirtschaft zuschreibt.

Die richtige Vernetzung

In ihrem Buch «Ihr Baby kann’s!» beschäftigt sich die ehemals in Düdingen wohnhafte Rita Messmer mit den intensiven Lernprozessen eines Kindes und damit, wie die Eltern diese fördern können (die FN berichteten). «Die Biologie», so Messmer, «hat einen genetischen Entwicklungsplan.» So müsse ein Kind wichtige Impulse zur richtigen Zeit im Gehirn vernetzen, damit keine Fehlentwicklung entstehe. Der richtige Zeitpunkt der Reinlichkeit beschreibt Messmer als eine «sensible Phase», welche während den ersten drei Monaten im Leben eines Menschen stattfinde. Diese Periode sei entscheidend für die Entwicklung eines Babys, da der Impuls «urinieren zu müssen» korrekt mit dem Reiz «Wasser zu lassen» verbunden werden müsse. Während dieser Periode erlerne das Baby, wie es seine Ausscheidungen kontrollieren könne. «Die Mutter muss dieses Signal beim Kind erkennen und es über die Toilette halten, damit der Impuls im Gehirn korrekt mit dem Gang auf die Toilette vernetzt wird, und eben nicht mit der Windel.»

Wenn die Signale nicht immer erkannt würden und etwas in die Windel gehe, sei dies nicht gravierend. «Das Baby empfindet dies als unangenehm. Genetisch ist es so gesteuert, dass es nicht in seinen Ausscheidungen liegen will.» Doch sei ein Kind das tägliche Tragen einer Windel gewohnt, sieht Messmer die Gefahr einer falschen Vernetzung: «Ein Kind, welches bei mir in die Therapie kommt, beschrieb das Urinieren in die Windel sogar als angenehm, weil es sich warm anfühle. Diese Verknüpfung im Gehirn ist schwer zu lösen.»

Die heutigen Windeln sind sehr saugstark, allerdings kann sich aber diese Qualität auch als kontraproduktiv entpuppen: Die Spuren des Urinierens verschwinden im Nu, kein unangenehmer Reiz wird an das Babygehirn gesendet. «Die Gefahr, dass das Kind seine Windeln bis ins fortgeschrittene Alter trägt, wird dadurch noch grösser.»

Wirtschaftliche Aspekte

«Kennen Sie ein Bild von einem Baby ohne Windel?» Messmer ist überzeugt, dass uns die Vorbilder fehlen, weil uns meist ein Kind mit Windeln als gewöhnlicher erscheint als ein Baby in Unterhosen. «Pampers von Procter & Gamble (P&G) versuchen alle Märkte zu erreichen, um ihren Profit zu steigern, und sind sich dabei nicht bewusst, eine Kultur zu zerstören.» In China wollte das Windelgeschäft gut zehn Jahre lang nicht florieren, bis P&G die Marketingstrategie an die chinesische Kultur anpasste. Dort sind Kinder traditionell gewohnt, Unterhosen anstelle von Windeln zu tragen; deshalb fand das Argument der Saugkraft bei den Müttern nicht Anklang. Ihnen liegen aber besonders die Entwicklung und die hohe Intelligenz ihres Kindes am Herzen. Eine neue Pampers-Kampagne versprach den Müttern deshalb eine reibungslose Entwicklung, weil das Kind dank der saugstarken Windel die Nacht durchschlafen könne.

Doch die Kulturen, in welchen ein Kind die Reinlichkeit ohne Windeln erlerne, gebe es noch immer, bekräftigt Messmer: «70 Prozent der Weltbevölkerung brauchen noch heute keine Windeln für ihre Kleinsten, beispielsweise in Vietnam, Afrika, Zentral- und Südamerika.» Für Messmer ist wichtig, dass die Eltern sich bewusst werden, was sie bei ihren Kindern anrichten, wenn sie in den Entwicklungsperioden falsche Prägungen im Kindergehirn speichern lassen.

Die Gesellschaft sensibilisieren

Messmer plädiert für eine Sensibilisierung der Gesellschaft durch öffentliche Institutionen, und dies schon während der Schwangerschaft. Die Unterstützung der Lernprozesse eines Kindes durch die Eltern müsse beispielsweise in die Ausbildung der Hebammen einfliessen, damit diese ihr Wissen weitergeben könnten. Doch auch bei Kindern, die schon länger Windeln tragen, müsse man reagieren, findet Messmer. Wenn Kinder in den Kitas und Schulen nicht mehr von der Windel loskommen, muss dies laut Messmer von den Betreuerinnen und Betreuern, Lehrerinnen und Lehrern ernstgenommen werden. «Um dem Kind zu helfen, sollten die Verantwortlichen mit den Eltern zusammen nach einer Lösung suchen und sie eventuell auch über mögliche Therapien aufklären, um die Reinlichkeit zu erlernen.»

Familien mit Langzeit-Windelträgern rät Messmer zu Geduld und Verständnis. «Wir als Eltern können von einem Kind beispielsweise auch nicht verlangen, Spanisch zu reden, wenn es doch eigentlich Schweizerdeutsch gelernt hat. Wir versetzen das Kind in eine unheimliche Stress­situation, denn es kennt doch nur Schweizerdeutsch.»

«70 Prozent der Weltbevölkerung brauchen noch heute keine Windeln für ihre Kleinsten.»

Rita Messmer

Autorin