Schönenboden 13.07.2017

Den Älplervirus im Blut

«Die heutige Alpwirtschaft ist nichts für Nostalgiker», sagt Alphirt Roger Kolly.
Eine Alp zu bewirtschaften, hat nichts mit Bergromantik und Feriengefühl zu tun. Helen Kolly und ihr Sohn Roger von der Alp Schönenboden im Muscherenschlund erzählen, warum sie dieses Leben trotzdem um keinen Preis tauschen möchten.

Der Name ist Programm: Schönenboden heisst die Alp im Muscherenschlund, die von der Familie Kolly bewirtschaftet wird. Die Luft ist rein an diesem Morgen, die Farbe der Weiden kann nur mit saftiggrün beschrieben werden und über den Gipfeln der zum Greifen nahen mächtigen Berge hat es ein paar Nebelschwaden, die der ganzen Szenerie einen leicht mystischen Anstrich verleihen. Ausser dem Bimmeln der Kuhglocken ist praktisch kein Geräusch zu hören. So idyllisch diese Beschreibung auch klingt, für die Familie ist es der Alltag, den sie jeweils von Ende Mai bis Ende September erleben. Und es ist kein einfaches Leben, sondern eines mit langen Arbeitstagen und viel körperlichem Einsatz. Anton und Helen Kolly haben im Schönenboden bereits 15 Sommer erlebt. Heuer ist es das erste Jahr, dass die Alp unter dem Namen von Roger, ihrem Sohn, läuft.

Immer etwas zu tun

Der Wecker hat um 4.30 Uhr geklingelt, wie jeden Morgen im Sommer. Die wichtigste Arbeit der ersten Tageshälfte haben Roger und Helen Kolly bis zum Besuch der FN bereits erledigt: Die Kühe reinbringen, melken, das Milchgeschirr waschen und die Kälber tränken. Auf der Alp auf 1326 Metern sind ein Dutzend Kühe, 15 Rinder, vier Kälber und acht Schweine. Die Milch der Holsteinkühe geht in die nahe Käserei Gantrischli, wo sie zu Käse verarbeitet wird, rund 300 Liter pro Tag. Ist eine Weide abgegrast, werden die Kühe auf die nächste gebracht, fast immer gibt es irgendwo einen Zaun zu stellen und einen anderen abzubauen. Und gibt es ums Haus herum nichts zum Aufräumen, dann widmet sich Roger der Säuberung der Weiden und anderen Unterhaltsarbeiten. Und auch auf dem Talbetrieb muss Heu und Emd eingefahren werden. «Das Wetter und die Tiere bestimmen den Tagesablauf und geben uns den Rhythmus vor», sagt der 28-Jährige.

Berge, gute Luft und Käseschnitten

In und um die Alphütte schaut Helen Kolly zum Rechten. «Sie ist die Patronne drinnen und ich der Patron draussen. Die Rangordnung ist klar gegeben», sagt Roger Kolly mit einem Lachen. Drinnen, das bezieht sich auch die Buvette, welche die Familie betreibt. «Nur mit den Tieren verdienen wir zu wenig», sagt Helen Kolly. «An schönen Sonntagen sind alle Tische belegt.» Viele Besucher sind aus der Region, aber auch Touristen, die Ferien am Schwarzsee machen, kommen vorbei. Da die Buvette im schweizerischen Bergbeizliführer erwähnt ist, finden auch Gäste von weiter her den Weg zu ihnen.

Manche kommen vorbei, um etwas zu trinken, andere essen ein Fondue oder Raclette oder fragen nach den schon fast berühmten Käseschnitten. «Sie sind eigentlich ganz einfach zubereitet, aber viele Gäste sagen, dass sie hier oben einfach anders schmecken», sagt Helen Kolly.

Hinausgeworfen wird bei ihr niemand, so kann es sein, dass der Tag für sie sehr lang beziehungsweise die Nacht sehr kurz wird. Doch Helen beschwert sich nicht: «Ich mag den Kontakt zu den Leuten und könnte es mir nicht vorstellen, im Sommer einfach zu Hause zu sein. Ich habe gerne etwas zu tun.»

Dass Helen Kolly keine ist, die ihre Hände in den Schoss legt, sieht man beim Anblick der Alphütte. Auf jedem Fenstersims und anderen freien Plätzchen stehen oder hängen Blumen. Sie bekommt zu Recht viele Komplimente für den schönen Anblick der Hütte mit dieser farbenprächtigen Dekoration. «Ohne Blumen ist eine Hütte tot», erklärt die 52-Jährige ihr Motto. Da sie keinen Garten habe, braucht sie ihren grünen Daumen für die vielen Blumenkistli.

Im Frühjahr fängt es an zu kribbeln

Trotz langer Tage und viel Arbeit, die beiden sind sich einig, dass sie ihr Leben nicht tauschen möchten. «Man muss wohl in dieses Leben reingeboren sein», sagt Helen Kolly. Bei ihr ist das auf jeden Fall so. Schon ihr Vater ging im Sommer auf die Alp, und sie hat diesen Virus an ihre Kinder weitergegeben, erst auf dem Hohberg und nun im Schönenboden.

Helen und Roger Kolly erzählen, dass sie jeweils im Frühling die neue Alpsaison kaum erwarten können. «Wenn die Tage länger werden und die Sonne stärker wird, dann fängt es an zu kribbeln», sagt Roger Kolly. Offiziell geht er jeweils erst Mitte Mai erstmals in den Muscherenschlund, um die ersten Zäune zu stellen. Ab und zu sehe er aber auch im Winter auf den Tourenski nach dem Rechten: «Einfach mal schauen, wie es im Schönenboden aussieht.»

Mit Leib und Seele

«Wir haben Roger nie gezwungen», sagt Helen Kolly. «Wenn er die Alp nicht hätte übernehmen wollen, dann hätten wir das akzeptiert.» Sie ist aber froh, dass es so ist, wie es ist, denn nachdem ihr Mann Anton vor zwei Jahren beim Holzen einen schweren Unfall hatte, von dem er sich langsam erholt, ist Rogers Einsatz mehr denn je willkommen. «Ich wollte Landwirt werden, seit ich ein kleiner Bub war», sagt Roger Kolly. Er habe dieses Leben wie selbstverständlich mitbekommen und nie etwas anderes gewollt. «Es ist in mir drin. Ich bin mit Leib und Seele und viel Herzblut dabei», sagt er mit Überzeugung.

Alleine könnte er das nicht, betont auch er. Er sei auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Im Sommer ist er auf der Alp, im Winter bewirtschaftet er in Plaffeien einen landwirtschaftlichen Betrieb. Obwohl es die gleichen Kühe sind, bekommt er für die im Tal gemolkene Milch 20 Rappen weniger pro Liter. Die Milch geht im Winter in die Industrie zu Cremo. Um das Einkommen aufzubessern, geht er zudem auswärts arbeiten. Letztes Jahr war er zum Beispiel in einem Betrieb angestellt, in dem Schindeln hergestellt werden. «Bei den heutigen Milchpreisen reicht es nicht, nur Landwirt zu sein.» Der Betrieb müsse aber auch eine Grösse haben, die mit seiner Abwesenheit vereinbar ist. Auch hier sei er auf seine Eltern angewiesen. «Das geht nur als Familie oder gar nicht.»

Das Einkommen sei heute die grösste Herausforderung für einen Alphirten, sagt Roger Kolly. «Im Sommer sind wir auf der Alp und können logischerweise keine andere Arbeit ausüben. Im Herbst müssen wir dann immer schauen, eine Arbeitsstelle zu finden.» Es gebe wenig Stellen, die so saisonal besetzt werden können. «Es ist nicht selbstverständlich, einen flexiblen Arbeitgeber zu finden, der einem jedes Jahr wieder eine Stelle anbieten kann.» Früher seien die Alphirten im Winter auf den Bau oder in die Holzerei gegangen.

In einer anderen Welt

Obwohl die Alp nur 13 Kilometer von Plaffeien entfernt ist, ist es eine andere Welt – eine abgeschiedene Welt. Das Mobiltelefon hat an den meisten Orten keinen Empfang. «Es gibt ein paar Stellen, wo es klappt, wenn man Glück hat», verrät Roger Kolly. Meistens schätze er es aber, nicht erreichbar zu sein. Für Notfälle wäre ein besseres Netz praktisch, aber bis jetzt sei es auch gegangen. Die Alp hütte hat einen Festnetzanschluss. Durch den Strom, der 2004 gelegt wurde, ist der Alltag etwas einfacher geworden, drinnen wie draussen. In den Anfangsjahren hat Helen Kolly nur mit Holz gekocht, der Ofen heizte zugleich auch den Boiler. Sie mag den alten Holzofen trotz den Annehmlichkeiten des Stroms aus der Steckdose immer noch und feuert ihn immer noch jeden Tag an. «Irgendeine Pfanne ist immer drauf», sagt sie.

«Elektrizität ist kein Luxus», sagt auch ihr Sohn. Der Strom helfe, die Alp einfacher und effizienter zu bewirtschaften. Wenn man Produkte verkaufen wolle, müsse man sie richtig kühlen können. Früher wurde die Milch mit dem Brunnenwasser gekühlt. «Die heutige Alpwirtschaft ist nichts für Nostalgiker», sagt er. Eine Alp sei ein Betrieb, der bewirtschaftet werde. Wie beim Talbetrieb falle auch hier viel administrativer Aufwand an. «Wir müssen unsere Arbeit dokumentieren, mit den Tieren und auf der Alp.» Im Alpjournal für die Sömmerungsbeiträge steht zum Beispiel, wie viel Kraftfutter die Tiere erhalten haben und wann welche Wiesen von Unkraut befreit wurden oder welche Weide wann abgegrast worden ist.

Feierabendbier muss verdient sein

«Viele Leute sagen, dass wir im Sommer auf die Alp in die Ferien gehen», sagt Roger Kolly. Diese lade er gerne mal ein, ein paar Tage mitzuarbeiten. «Natürlich ist es schön, abends mit einem Bier auf der Bank zu sitzen und die Landschaft zu geniessen. Aber dieses Bier will tagsüber verdient sein.» Wenn man es sich einfach machen wolle, müsse man nicht «z Bärg» gehen. Ihm gefalle dieses Leben, sagt er. Wo er sich in zehn Jahren sieht, darüber will er heute nicht nachdenken: «Wir nehmen jeden Tag, wie er kommt, und machen das Beste daraus.» Pläne weit im Voraus zu machen, bringe wenig. Der Unfall seines Vaters habe dies eindrücklich gezeigt.

«Wenn die Tage länger werden und die Sonne stärker wird, dann fängt es an zu kribbeln.»

Roger Kolly

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