Wittenberg 09.09.2017

Schweizer im Rom der Reformation

Der Schweizer Pavillon liegt eingebettet in einem Park.
Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund beteiligt sich an den Jubiläumsfeiern der Reformation Martin Luthers. Der Schweizer Pavillon in Wittenberg, dem Geburtsort des damals neuen Glaubens, ist beliebt bei den Besuchern der Weltausstellung.

Heute Samstag übergibt Peter Schmid, Vizepräsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), dem Bürgermeister der deutschen Kleinstadt Wittenberg ein Geschenk: die Kopie einer Zürcher Bibel. Sie entstand in 96 Tagen auf einem Modell einer frühneuzeitlichen Druckerpresse und auf handgeschöpftem Papier – zwei Seiten Neues Testament pro Tag. Und sie wurde von Hand gebunden. Das Vorbild ist die Froschauerbibel von 1531, die erste vollständige Übersetzung ins Deutsche, die drei Jahre vor der bekannteren Luther-Bibel entstanden ist. Anlass der Übergabe ist die Finissage der Weltausstellung Reformation in Wittenberg, das offiziell den Namenszusatz «Lutherstadt» trägt.

Zum 500. Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag an die Tür der Schlosskirche Wittenberg im Jahr 1517 hat der SEK einen Pavillon eingerichtet. Am 20. Mai wurde er im Beisein von SEK-Präsident Gottfried Locher und dem Präsidenten der Schweizerischen Bischofskonferenz, Charles Morerod, eröffnet. Er sei mit dem Echo auf die Schweizer Ausstellung «Prophezey» zufrieden, sagt Projektleiter Serge Fornerod in der Leseecke des Pavillons. Der Murtner Theologe hat einen grossen Teil des Sommers in der Lutherstadt verbracht. «Wir haben von Beginn an gespürt, dass die Besucher den Pavillon als etwas Besonderes wahrnehmen», so Fornerod.

Es steckt viel Aufwand und der Wille dahinter, den Pavillon in die Umgebung des Stadtparks einzufügen. «Es war uns ein Anliegen, dass Form und Inhalt kohärent sind», so Fornerod. Zugleich habe man versucht, reformierte Schlichtheit in den schuppenartigen Bau zu bringen.

Beliebter Schweizer Pavillon

Viele Besucher hätten den Schweizer Auftritt mit Bewunderung aufgenommen. Sie haben den Pavillon als leicht zugänglich, interaktiv, überraschend und erlebnisreich gewürdigt, so Fornerod. Gerade die Druckerpresse habe viel Beachtung erhalten. Oft fragten ihn die zumeist deutschen Besucher jedoch, was die Schweizer in dieser Ausstellung zu suchen hätten, erinnert sich Fornerod und schmunzelt. Sie hätten darüber gestaunt, dass sich Reformierte im Zentrum des lutheranischen Glaubens präsentieren.

Die Antwort liege auf der Hand: Die Schweizer Reformierten feierten nicht 500 Jahre Luther, sondern 500 Jahre Reformation. «Und die Reformation ist weit mehr als Luther», so Fornerod. Sie habe in der Schweiz einen unabhängigen Weg begangen. Dennoch ehrten die Schweizer die Tatsache, dass sich die protestantische Bewegung von dieser Kleinstadt aus in die halbe Welt ausgebreitet habe. Alle reformatorischen Bewegungen und Traditionen des Spätmittelalters sollten thematisiert werden; die deutschen Kollegen hätten diese Meinung geteilt und wollten mit der Teilnahme der Schweizer die Vielfalt des protestantischen Spektrums aufzeigen. «Wir mussten hier sein», sagt Fornerod, «und zwar mit einer ständigen Präsenz. Es sollte nicht nur ein Besuch sein.» Der Auftritt sei ein grosser Erfolg geworden, die Rückmeldungen seien durchwegs positiv. «Viele waren geradezu begeistert.» Die Schweizer hätten viel gelernt und ein Netzwerk von Freunden gesponnen.

«Traumauftrag für Handwerker»

Das Zentrum der Ausstellung ist die 400 Kilogramm schwere Eichenpresse, die ein auf solche Objekte spezialisierter Schreiner aus Yverdon eigens für die Weltausstellung hergestellt hat. «Ein Traumauftrag für jeden Handwerker», betont Fornerod. Der SEK wird die Presse nun französischen Verlagen für einen Auftritt im Oktober an der Frankfurter Buchmesse ausleihen. Später wird sie anlässlich der Feiern des 500 Jahre-Jubiläums der Reformation durch Huldrych Zwingli in der Schweiz benötigt.

Fornerod führt an diesem Tag ein Gespräch mit dem deutschen Bauleiter des Pavillons. Es geht um die Frage, ob der SEK ihn wie abgemacht wieder abbauen wird oder ob die Stadt Wittenberg interessiert ist, ihn zu übernehmen und weiter zu nutzen – eine Frage, die man gerade in Murten im Zusammenhang mit der Expo 02 und dem Monolith gut kennt. «Es wäre ein starkes Symbol, ein Stück Schweizer Präsenz in Wittenberg», ist Fornerod überzeugt. Ausserdem könne sich der SEK so die Ausgaben für den Abbau sparen. Es ist anzunehmen, dass einige wenige Objekte der Weltausstellung diese überleben werden – Fornerod hofft, dass der Schweizer Pavillon dazu gehört.

Bis zu 600 Besucher empfangen

Trotz aller Begeisterung: Daran, dass die Besucherzahlen der Ausstellung insgesamt nicht gerade berauschend waren, konnten auch die Schweizer nichts ändern. Im Schnitt haben 200 Besucher den Weg in den Pavillon gefunden, rechnet Fornerod vor, an einzelnen Wochenenden seien sogar bis zu 400 Personen gekommen, was die Kapazitäten der Gastgeber jedoch ausgereizt habe. Einmal begrüsste er sogar 600 Personen. «Wir nehmen uns Zeit für unsere Gäste. Das hier ist kein Supermarkt.» Aufgrund der Einzigartigkeit des Anlasses seien die Prognosen der Organisatoren «überoptimistisch» gewesen, wie Fornerod es ausdrückt. Zur Halbzeit hatten die Organisatoren des Grossanlasses erst etwa 70 000 Eintrittskarten verkauft, gerechnet hatten sie jedoch mit einer halben Million Besuchern. Einfach rasch ins sachsen-anhaltische Hinterland zu reisen und durch die Ausstellung zu schlendern, das sei nicht allen möglich gewesen. Ausserdem habe es in Deutschland – wie übrigens auch in der Schweiz – viel mehr Veranstaltungen im Rahmen des Jubiläums gegeben, als die Macher zu Beginn der Planungsarbeiten erwartet hatten. «Die Leute hatten die Wahl, und Wittenberg liegt halt einfach nicht am Weg.»

Den ganzen Sommer über dort

Projektleiter Serge Fornerod ist glücklich, dass das gewagte Grossunternehmen so gut ausgegangen ist, räumt aber auch ein: «Ich bin glücklich, endlich wieder nach Hause zu gehen.» Er weiss, dass die Zürcher Bibel, die auf einer Schweizer Druckerpresse an der Weltausstellung entstanden ist, zukünftig im Lutherhaus in Wittenberg ausgestellt und einem Studienzentrum für die Geschichte der Reformation zur Verfügung stehen wird. Sie bildet nun ein Band zwischen Wittenberg und Zürich, den beiden wichtigsten Zentren der Reformation in Europa.

«Wir mussten hier sein, und zwar mit einer ständigen Präsenz. Es sollte nicht nur ein Besuch sein.»

Serge Fornerod

Projektleiter «Prophezey»

Zahlen und Fakten

Der eigenständige Weg der Schweizer Reformation

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) präsentiert sich seit dem 20. Mai bis morgen Sonntag an der Weltausstellung «Reformation – Tore der Freiheit» mit dem kulturhistorischen Auftritt «Prophezey – die Schweizer Reformation». Der Pavillon besteht aus fünf Räumen. Der einfache Unterstand eines Basler Architekturbüros reflektiert die Schweiz und verweist auf fundamentale Werte der europäischen Identität. Die Ausstellung weist darauf hin, dass Luthers Ideen Huldrych Zwingli und Jean Calvin beeinflusst und damit Einfluss auf die Schweizer Geschichte genommen hätten. Der unabhängige Schweizer Weg habe dem Land geholfen, die konfessionellen Divergenzen ohne grössere kriegerische Konflikte zu bewältigen. Auch die Ökumene wird grossgeschrieben: Nicht nur, dass die katholische Schweizerische Bischofskonferenz den Auftritt explizit mitgetragen hat, der heilige Niklaus von Flüe gehört zu den zentralen Elementen der Ausstellung.

fca