Murten 09.10.2017

«Roxx soll Geborgenheit vermitteln»

Jugendarbeiter Martin Bula zeigt ein Bild von der Einweihungsfeier des früheren Jugendhauses Tivoli im Jahr 1987.
1987 wurde in Murten das erste Jugendhaus Deutschfreiburgs eingeweiht. Der langjährige Jugendarbeiter Martin Bula war damals als Gast dabei. In den FN erinnert er sich an 30 bewegte und bewegende Jahre.

30 Jahre Offene Jugendarbeit: Im Murtner Jugendhaus Roxx gab es am Samstag einen Grund zum Feiern: Martin Bula setzt sich seit 25 Jahren als Jugendarbeiter für die Jugendlichen ein.

 

Martin Bula, Sie waren 1987 als Gast bei der Einweihung des Jugendhauses Tivoli dabei. Was haben Sie für Erinnerungen daran?

Es hat mich erstaunt, dass die Gemeinde damals so schnell reagiert hat. In Murten gab es ja keine Jugendunruhen wie in Zürich, wo 1980 die Opernhauskrawalle stattfanden. Trotzdem war der Wunsch nach selbstbestimmtem, alternativem Kulturraum da. Die Stadt, und mit ihr auch die Stadtpräsidentin Ursula Lerf (FDP), hat diesen Wunsch aufgenommen. Gerade für eine ländlichere Gegend war das sehr fortschrittlich und verdient grosse Wertschätzung. Nicht alle Parteien standen hinter dieser Pionierleistung: In konservativen Kreisen wurde das Thema Jugendhaus immer wieder infrage gestellt.

 

Das frühere Jugendhaus Tivoli war damals ja auch nicht unumstritten in der Bevölkerung. Fast hatte es den Ruf als eine Art «Reitschule von Murten».

Das Tivoli durchlief verschiedene Phasen. Zuerst betrieb es eine eingeschworene Clique: Wer nicht dazugehörte, hatte im Tivoli nichts verloren. Die Mitglieder dieser Clique kamen teilweise aus schwierigen sozialen Verhältnissen und verbrachten jede freie Minute dort, da sie wenig andere Möglichkeiten hatten. In den 90er-Jahren kam durch den Jugoslawienkrieg die Zeit der Migrationsfragen. Es war eine Herausforderung, die Aggressivität in den Griff zu bekommen. Damals war ich schon als Jugendarbeiter im Einsatz. Ich möchte aber betonen, dass das Tivoli auch eine Projektionsfläche war: Nicht ein Bruchteil dessen, was gemunkelt wurde, ist tatsächlich passiert. Die Zeit, als das Jugendhaus bei einigen umstritten war, wird nun aber hoffentlich vorbei sein. Das jugendliche Publikum im Roxx ist heute gut durchmischt.

Wie hat sich Ihre Tätigkeit als Jugendarbeiter in den letzten 25 Jahren verändert?

Seit acht Jahren haben wir am Mittwochnachmittag auch ein Angebot für Kinder, MiNa. Inzwischen sind wir drei Mitarbeiter, darunter eine Frau. Früher haben wir mehr Ausflüge mit den Jugendlichen unternommen, etwa in den Europapark. Auch Aktivitäten wie Kanufahren, Klettern oder Goldwaschen standen auf dem Programm. Heute sind alle diese Angebote kommerzialisiert. Was sich heute nicht kommerzialisieren lässt, ist die Beziehungsarbeit. Wir sind hier ja nicht zur Aufsicht, sondern leisten Beziehungsarbeit, da­runter auch Gassenarbeit.

 

Wie sieht Ihr Einsatz bei der Gassenarbeit aus?

Nach Veranstaltungen, wie etwa nach der Fastnacht, der Soli-Disco oder dem Schulschlussfest, dislozieren sich ganze Gruppen etwa auf die Pantschau an den See. Dort trinken sie Alkohol, manche zum ersten Mal. Durch die Hitze begünstigt, verlieren manche die Orientierung oder gar das Bewusstsein. Ich suche diese Gruppen dann gezielt auf und versuche zum Beispiel zu organisieren, dass sie sicher nach Hause kommen. Zu einem späteren Zeitpunkt greife ich das Thema Alkoholkonsum wieder auf. Auch in Muntelier oder Merlach treffen sich die Jugendlichen am See. Sie machen keinen Unterschied zwischen den Gemeindegrenzen. Schon seit Jahrzehnten wünsche ich mir, dass sich die umliegenden Gemeinden von Murten finanziell an der Jugendarbeit beteiligen.

 

Welches sind die Chancen der Jugendarbeit?

Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Das Thema mediale Kommunikation nimmt in der heutigen Zeit einen immer grösseren Raum ein. Anders als in den Achtzigern wurden die Jugendlichen heute von der Wirtschaft als ökonomische Kraft entdeckt. Das Roxx soll in der umtriebigen Konsumgesellschaft eine Art Ruhepol für die Jugendlichen sein. Es soll Kontinuität und Geborgenheit vermitteln, einen Ort des Vertrauens verkörpern. Es ist immer jemand hier, der den Kindern und Jugendlichen zuhört. Es mag sein, dass sie Hunderte von Face­book-Freunden haben, doch hier wird ein Raum zur Begegnung mit realen Personen geschaffen. Das ist nicht ersetzbar.

 

Welches sind die Grenzen?

Die Vereinsamung, die auch weite Teile der älteren Generation betrifft, darf nicht auf die Jugend übergreifen. Es ist wichtig, dass die Gemeinschaft offen und tolerant gegenüber den Jungen bleibt, auch wenn sie manchmal unbequem sind. Ziehen sie sich ins Private zurück, hat niemand mehr die Möglichkeit, auf sie Einfluss zu nehmen.

Chronologie

Jugendarbeit in den Gemeinden

Pionier-Gemeinde in Sachen Jugendarbeit ist Marly. Dort ist Jugendarbeiter Michel «Mitch» Favre bereits 1985 zu 30 Prozent angestellt worden. Er hat heute ein 90-Prozent-Pensum, daneben sind bei der sozio-kulturellen Animation in Marly drei weitere Personen beschäftigt, alle zwischen 30 und 60 Prozent. In den fünf Gemeinden des Sense-Mittellandes (Tafers, St. Antoni, Heitenried, Alterswil, St. Ursen) wird die Jugendarbeit seit 2015 regional über die Jugendarbeit Sense Mitte geführt. Ein Jugendarbeiter ist zu 40 Prozent angestellt, eine weitere Jugendarbeiterin zu 20 Prozent. In Tafers selber wird seit 18 Jahren eine offene Jugendarbeit angeboten. Für alle Gemeinden im Sense-Oberland wurde 2011 der Trägerverein Jugendarbeit Sense-Oberland gegründet. Der Jugendarbeiter ist seit Mai 2012 zu 50 Prozent angestellt. Auch im Sense-Unterland bieten die Gemeinden offene Jugendarbeit an. In Bösingen gibt es diese seit September 2005, der Jugendarbeiter ist heute zu 60 Prozent angestellt. In Schmitten ist die gemeindeeigene Jugendarbeit im Juli 2007 eingeführt worden, Angebote gab es aber schon vorher in Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden. Die Schmittner Jugendarbeiterin ist heute zu 50 Prozent angestellt. In Wünnewil-Flamatt hat die Jugendarbeit im Jahr 2000 begonnen, damals mit einer 50-Prozent-Stelle. Seit 2016 ist der Jugendarbeiter zu 80 Prozent angestellt. Beide Dörfer verfügen über einen Jugendraum. In Düdingen ist für die Jugendarbeit ein 100-Prozent-Pensum eingeplant. Der Jugendarbeiter ist zu 90 Prozent angestellt, mit den restlichen 10 Prozent kann er Hilfspersonen einsetzen. Der Jugendraum ist 1994 eröffnet worden. In Ueberstorf gibt es zwar keinen Jugendarbeiter, doch es ist mit Unterstützung der Jugendkommission und des Gemeinderats eine Jugendarbeit in Zusammenarbeit mit den Jugendlichen im Aufbau. Sie halten selber Aufsicht beim Jugendraum. In Kerzers im Seebezirk ist eine Jugendarbeiterin seit Mai 2007 zu 60 Prozent angestellt. Der Jugendraum war aber schon vorher durch die Jugendkommission und die Schüler betreut worden. Seit Januar 2017 ist ein weiterer Jugendarbeiter in einem 60-Prozent-Pensum tätig (vorher 40), zudem ist ein Praktikant angestellt. In Gurmels ist die Jugendarbeiterin mit einem 40-Prozent-Pensum angestellt und hat eine Mitarbeiterin (30 Prozent). Die Jugendarbeit existiert dort seit 2003. In der Gemeinde Mont-Vully ist ein Jugendarbeiter in einem 80-Prozent Pensum tätig. Unterstützt wird er von zwei Praktikantinnen. Die Jugendarbeit hat dort ihre Wurzeln in den 90er-Jahren. In der Stadt Freiburg ist heute der Verein Reper um die Jugendarbeit besorgt. Drei Personen sind in der Jugendanimation und der Gassenarbeit tätig. Bereits ab Mitte/Ende der 1970er-Jahre existierten in Freiburg Freizeit-Quartierzentren mit Jugendarbeitsangeboten. Heute sind diese Freizeitzentren Reper angegliedert.

ak

 

Finanzierung

Gemeindevertreter haben sich geeinigt

Gut Ding will Weile haben: Schon seit Jahrzehnten wünscht sich die Gemeinde Murten, dass die umliegenden Gemeinden die offene Jugendarbeit unterstützen. Nun scheint die Umsetzung dieses Wunsches einen Schritt näher gerückt zu sein. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Murten, Galmiz, Greng, Gurwolf, Merlach und Muntelier hat sich dieses Jahr getroffen und einen Vorschlag ausgearbeitet. «Es bahnt sich eine Zusammenarbeit an», sagte Gemeinderat Alexander Schroeter am Samstag im Jugendhaus Roxx. Die Idee sei, dass künftig die beteiligten Gemeinden einzelne Projekte im Roxx, wie etwa den Gänggelimärit oder die Disco in Ice finanzieren sollen. «Die Gemeinden haben sich geeinigt.» Welche Gemeinde welchen Anlass oder welche Anlässe sponsern werde, stehe noch nicht fest. «Die Gemeinden wissen, welcher Summe ihre anteilsmässige Beteiligung entspricht.» Ab 2018 soll der Vorschlag umgesetzt werden.

An der Jubiläumsfeier des Jugendhauses Roxx hat unter anderem eine Vertreterin der Gemeinde Muntelier teilgenommen. Die Vertreter der übrigen betroffenen Gemeinden hatten sich etwa wegen anderen Verpflichtungen entschuldigt. «Ich finde es richtig, dass die umliegenden Gemeinden die offene Jugendarbeit in Murten in irgendeiner Form unterstützen», so Gemeinderätin Christine Haenni aus Muntelier. Etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die das Roxx besuchen, kommt aus Murten, die andere Hälfte verteilt sich auf umliegende Gemeinden. Laut Schroeter könnten alle Gemeinden davon profitieren, wenn die Jugendarbeit künftig regional organisiert und finanziert wird (die FN berichteten). «Das Einzugsgebiet der Roxx-Besucher entspricht etwa dem Schulkreis der Primarschule Murten.» Im Siedlungsraum Murten und Umgebung leben rund 12 000 Einwohnern.

ea