Cressier 16.03.2017

Diffuse Ängste zur Sprachenfrage

Erst hielt der Gemeinderat den offiziellen Infoabend ab (Bild), danach trug Sébastien Berset (1. Reihe, links) seine Argumente vor.
Die Primarschule in Cressier bleibt französischsprachig. Sie soll mit dem Wechsel zum Schulkreis Murten sogar als französischer Pol gestärkt werden. Dennoch fürchten einige Bürger um das «sprachliche Gleichgewicht» in Cressier, wie sich am Dienstag zeigte.

Mit aktuell fünf Klassen verpasst die Gemeinde Cressier die Vorgabe des neuen Schulgesetzes, dass ein Schulkreis mindestens acht Klassen umfassen muss. Deshalb schliesst sie sich dem Primarschulkreis Murten an. Der Gemeinderat hat die Schulkonvention mit Murten im Januar 2017 unterzeichnet (die FN berichteten). «Wir wollen verhindern, dass uns das gleiche Szenario blüht wie Bärfischen», sagte Jean-Daniel Pointet, Syndic von Cressier, am Dienstag am Informationsabend zur zukünftigen Organisation des Schulwesens. In Bärfischen werden seit einiger Zeit nur noch handwerkliche Fächer unterrichtet.

Stattdessen wolle der Gemeinderat die französischsprachige Primarschule in Cressier mit dem Beitritt zum zweisprachigen Schulkreis Murten stärken. Murten plane, aus Cressier den französischsprachigen Pol des Schulkreises Murten machen, sagte Gemeinderätin Madeleine Hayoz. Dies erlaube Cressier, für jede Stufe eine Klasse zu führen. Wie im Schulkreis Murten bereits jetzt möglich, können Eltern aus Cressier ab dem Schuljahr 2018/19 zudem wählen, ob ihr Kind deutsch oder französisch eingeschult wird: Französisch wie bisher in Cressier oder Deutsch in Murten.

«Das schockiert mich»

Obwohl der Beitritt von Cressier zur Murtner Schulkonvention vordergründig organisatorische und buchhalterische Konsequenzen hat, bereitet die anstehende Änderung einigen Bürgern Sorge: Allen voran Sébastien Berset, der Ende Dezember 2016 beim Gemeinderat eine Petition mit 140 Unterschriften eingereicht hatte. Diese forderte unter anderem, auf die Unterzeichnung der Schulkonvention zu verzichten. Der Gemeinderat ging jedoch nicht darauf ein, worauf eine Gruppe von 31 Bürgern einen Rekurs beim Oberamtmann des Seebezirks eingereicht hat (die FN berichteten). Berset meldete sich am Dienstagabend in der Diskussionsrunde als erster zu Wort. Syndic Jean-Daniel Pointet machte ihm jedoch sogleich klar, dass er an diesem Abend mit ihm nicht über seine Sprachen- und Territorialitätsfragen diskutieren könne, da der Oberamtmann noch nicht über den Rekurs entschieden habe und es sich somit um ein laufendes Verfahren handle. «Das schockiert mich», kommentierte Berset seine Abweisung und setzte sich wieder.

Die Versammlung nahm ihren Lauf und die vielen Fragen wurden vom Gemeinderat, von Kantonsvertretern oder von Nicole Wyss, Schulleiterin der französischsprachigen Abteilung in Murten, beantwortet. Sei es zum Transport, zu Feiertagen, zu Lagern oder zur Klassenzusammensetzung.

Feierabend für Gemeinderat

Mehrere Bürger bemerkten, sie hätten Berset gerne angehört. Als der Gemeinderat die Versammlung nach der Fragerunde abschliessen wollte, intervenierte eine Bürgerin. Daraufhin fragte Pointet, wer Berset anhören wolle. Drei Viertel hoben die Hand. Der Syndic beendete die Versammlung und verliess mit fünf Gemeinderäten und einigen Bürgern den Saal. Er arbeite bereits sei sieben Stunden für die Gemeinde und habe nun genug, betonte Pointet. Die Kantonsvertreter sowie ein Gemeinderat blieben.

Samuel Russier, Generalsekretär bei der kantonalen Direktion der Institutionen sagte, dass er es wichtig finde, dass die Diskussion weiter laufe. «Der Gemeinderat hätte für den Abend vielleicht besser zwei Phasen vorsehen sollen», sagte er gestern auf Anfrage. Denn es sei gut gewesen, dass die Eltern konkrete Fragen stellen konnten, die sprachpolitische Diskussion sei aber auch wichtig.

Sébastien Berset sagte, dass Cressier eine der am besten durchmischten zweisprachigen Gemeinden im Kanton sei. «Wenn dies so aufrechterhalten werden soll, dann muss die Schule französisch bleiben.» Wie Syndic Pointet zu Beginn des Abends aufgezeigt hatte, waren in Cressier per Ende 2016 46 Prozent französischer, 35 Prozent deutscher und 18 Prozent anderer Muttersprache. Gemeinderat Léo Colautti, der sich explizit als Bürger äusserte, verstand Berset nicht. «Ich sehe das Problem nicht, denn Cressier ist eine autonome französischsprachige Gemeinde mit einer französischsprachigen Schule, und das wird auch so bleiben.» Eine Frau versuchte, die diffusen Ängste Bersets und anderer Bürger zu konkretisieren: Viele würden wohl befürchten, dass in Cressier etwas verloren gehe, wenn fortan die deutschsprachigen Schüler in Murten zur Schule gingen. Somit würden die Kinder beider Sprachen nicht mehr gemeinsam aufwachsen.

Ob diese Entwicklung auch wirklich eintreten wird, ist alles andere als sicher. Denn wie am Dienstag klar wurde, ziehen viele Deutschsprachige bewusst nach Cressier, um ihre Kinder dort französisch einzuschulen, damit sie zweisprachig aufwachsen. Und dies können sie auch in Zukunft tun.

Kommentar

Karin Aebischer

Eine Chance verpasst

D

er Gemeinderat von Cressier hat am Dienstagabend die Diskussion mit Schulkonventions-Petitionär Sébastien Berset unterbunden und damit viele Anwesende vor den Kopf gestossen. Die Bürgerinnen und Bürger konnten zwar ihre Fragen und Anliegen anbringen, hätten aber auch gerne die Argumente des Petitionärs angehört, um sich eine Meinung bilden zu können. Zwar hat es sich für den Verlauf des Abends bestimmt gelohnt, die sprachpolitischen Fragen nicht gleich zu Beginn zu behandeln. Denn so konnten viele andere Fragen aus dem Publikum geklärt werden. Dass diese Thematik dann aber separat nach der eigentlichen Informationsveranstaltung nachgeholt werden musste, und der Gemeinderat dabei den Saal verliess, wirkte jedoch sonderbar. Dieses Vorgehen der Gemeindebehörde trägt zudem kaum zur Klärung der diffusen Ängste zum Schulkreiswechsel in Cressier bei. Es ist zwar üblich und keineswegs befremdlich, zu laufenden juristischen Verfahren keine Stellung zu nehmen; der Gemeinderat hat am Dienstagabend mit seinem Abgang aber die Chance verpasst, den Puls der Bevölkerung zu spüren.