Kerzers 20.05.2017

Die letzten intakten Waldlandschaften

Die Vorbereitungen für die Eröffnung der Ausstellung liefen gestern auf Hochtouren.
Nebst den Ozeanen und den Wüsten gelten intakte Wälder als die letzten Refugien der Wildnis. Doch unberührte Waldgebiete gibt es nur noch wenige. Der Mensch ist aber vom Wald abhängig. Dies zeigt sich in der neuen Ausstellung im Papiliorama in Kerzers.

Der Mensch hinterlässt seine Spuren, auch in entlegensten Waldgebieten. Unberührte Wälder gibt es noch in Südamerika, Kanada, im tropischen Asien und Sibirien. In Europa sind sie einzig in Georgien zu finden. Nun widmet sich eine Ausstellung im Papiliorama in Kerzers mit der provokanten Frage «Eine Welt ohne Wald?» dem Thema. ­Dabei handelt es sich um eine Gemeinschaftsproduktion des Papilioramas mit Wissenschaftlern der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL der Berner Fachhochschule. Eine Vortragsreihe zum Schutz und zum Nutzen der Wälder ergänzt die Ausstellung (siehe Kasten).

Baumstarkes Ökosystem

Caspar Bijleveld, Direktor des Papilioramas, war gestern noch mitten in den Vorbereitungsarbeiten für die Eröffnung am Abend. «Wir werden es schaffen», sagt er zuversichtlich und lacht. Wissenschaftler der HAFL seien an ihn herangetreten mit der Idee, das Thema Wald in einer Ausstellung im Papiliorama aufzugreifen. Er war begeistert. «Die Wälder sind der Lebensraum von bis zu 90 Prozent der Tier- und Pflanzenarten, die auf dem Land leben.» Zudem sei jeder fünfte Mensch für seinen Lebensunterhalt direkt von Wäldern abhängig.

Wälder gelten als grüne Lungen der Welt und bieten Schutz vor Naturgefahren. «Doch ungeachtet dessen schreitet der Raubbau an diesem einmaligen Ökosystem voran.» Die Gründe dafür: Landhunger und die zunehmende Nutzung durch den Menschen. Es sei wichtig, dass sich die Menschen die Frage stellen, wie eine Welt ohne Wald aussieht, betont der Papiliorama-Direktor Bijleveld.

Dabei gelte es auch, zwischen intakten Primärwäldern und intensiv genutzten Naturwäldern und Plantagen klar zu unterscheiden. «Zwar wird die Waldfläche in den kommenden Jahrhunderten wohl zunehmen, weil die Menschen von Waldprodukten abhängig sind», aber der Nutzen für das Ökosystem einer Plantage oder urbaner Wälder sei mit jenem von Primärwäldern in keiner Art und Weise zu vergleichen.

Der beste Lebensraum

Auf einer Reise in Georgien sei er durch einen dicht bewachsenen Wald gewandert, «wie ich vorher noch nie einen gesehen hatte». Er habe sich gewundert, was das denn für ein Wald sei. Erst nach seiner Rückkehr in die Schweiz habe er realisiert, dass diese unberührten georgischen Wälder einzigartig und deshalb speziell sind. «Unberührte Wälder sind mit jenen hierzulande nicht zu vergleichen.» Die Zeiten, in welchen intakte Buchen- und Eichenwälder weite Strecken des Landes überdeckten, seien schon lange vorbei. Umso wichtiger sei es, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Denn, wo Wald wächst, findet auch der Mensch den besten Lebensraum, «Wasser, Essen, Schutz und ein ausgewogenes Klima», ist auf einer Ausstellungstafel zu lesen.

Und natürlich gäbe es ohne Wälder auch keine Waldprodukte mehr. Deren Vielfalt ist gross, wie ein Blick auf eine andere Ausstellungstafel zeigt: Kaugummi, Bücher, Gitarren, Brennholz, Gewürze, Farbstoffe, Medikamente, Weihrauch, Latex, Pneus und Öle sind nur einige der vielfältigen Waldprodukte, mit denen der Mensch tagtäglich zu tun hat.

Indirekt werde der Mensch dem Wald in Zukunft auch mit dem Klimawandel stark zusetzen, ist im Papiliorama in Kerzers zu erfahren. Muss sich der Mensch nun ernsthafte Sorgen machen, dass der Wald in absehbarer Zukunft verschwindet? «Nein, nicht in den nächsten 300 Jahren oder noch länger», steht auf einer Tafel, «trotz Klimawandel oder möglichen unvorhersehbaren Ereignissen». Waldfähige Gebiete werde es auch in Zukunft geben. Doch die entscheidende Frage sei, was der Mensch daraus macht.

Programm

Drei Referate zum Wald

Das Papiliorama in Kerzers ist im Sommer von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Für die Besichtigung der Ausstellung «Eine Welt ohne Wald?» wird kein zusätzlicher Eintritt erhoben. Die Vortragsreihe mit renommierten Experten wird nach der Ausstellungseröffnung von gestern mit einem Referat von Claude Martin, dem ehemaligen Direktor des WWF International, am 23. Juni fortgesetzt. Am 15. September geht Ernst Brugger von der Universität Zürich der Frage nach, ob sich Investitionen in Tropenwälder lohnen. Am 10. November folgt ein Vortrag von Caspar Bijleveld, Direktor des Papilioramas. Er widmet sich der Frage, wie der Wald unter schwierigen Voraussetzungen geschützt werden kann. Der Eintritt für die Vorträge ist frei. Sie beginnen jeweils um 17.15 Uhr.

emu
«Unberührte Wälder sind mit jenen hierzulande nicht zu vergleichen.»

Caspar Bijleveld

Direktor Papiliorama