NEW YORK 12.01.2018

Warum nicht Frauen als Kardinäle?

Der US-amerikanische Kardinal Joseph Tobin sieht in theologischer Hinsicht durchaus Chancen für die Kardinalsernennung von Frauen.

US-Kardinal Joseph Tobin will ganz neue Wege gehen. «Vielleicht ist meine Theologie nicht allzu gründlich durchgearbeitet – aber ich sehe keinen zwingenden theologischen Grund, warum der Papst keine Frau zur Kardinalin ernennen könnte», sagte der Erzbischof von Newark kürzlich im Gespräch mit der «New York Times».

«Da muss noch mehr gehen»

Tobin verwies auf Fälle von Laien, die bis ins 19. Jahrhundert die Kardinalswürde erhalten haben. Zugleich schloss er aber die Priesterweihe für katholische Frauen kategorisch aus – auch wenn Frauen wie Maria Magdalena zu den Vertrauten von Jesus gehört hätten.

Dies sei gerade für eine Gesellschaft wie die in den USA, wo Frauen sonst alles werden könnten, schwer verständlich und halte viele Menschen von der Kirche fern. «Ich verstehe die Unzufriedenheit», so Tobin. «Ich habe selbst acht Schwestern.» Dennoch halte er an seiner Meinung fest. Die katholische Tradition sei nicht etwas, das einfach vom Himmel gefallen sei, um etwas Launisches zu entscheiden. Sie basiere vielmehr auf allen Arten gelebter Erfahrung von Menschen, welche versucht hätten, Jesus möglichst nahe zu folgen.

Der 65-Jährige, der 2016 von Papst Franziskus die Kar­di­nals­würde erhielt, verwies auf die wiederholte Ankündigung des Papstes, die Rolle von Frauen in der katholischen Kirche aufzuwerten. Vereinzelt gebe es inzwischen Frauen in vergleichsweise hohen Leitungsposten in der römischen Kurie. «Aber ich denke, da muss noch mehr gehen», so Tobin.

«Stark eingeschüchtert»

Sehr beunruhigt zeigte sich der Kardinal im selben Interview ausserdem über die Migrationspolitik der aktuellen US-Regierung. Sie bewege sich «deutlich in Richtung einer Massenausweisung von Flüchtlingen und Einwanderern». Tobin sagte weiter: «Meine Leute sind schon stark eingeschüchtert. Ich befürchte sehr, dass die Regierung damit weitermachen wird, wenn wir keinen Weg finden, ihre Herzen zu verändern.»

Er habe niemals davon gehört, dass Jesus seinen Pfad verlassen habe, um grundlos mit dem anklagenden Finger auf Menschen zu zeigen. «Was er in sehr starken Worten kritisiert, sind diejenigen, welche die Armen nicht sehen, welche sie nicht als das sehen, was sie sind», so der Kardinal. «Und genau das ist es, was gegenwärtig passiert, denke ich. Wir entwickeln eine nationale Stromschnelle.»

Andererseits seien Wunder, wie sie die Bibel beschreibe, wirklich möglich. Das grösste Wunder aber sei, dass Gott Mensch geworden sei.

kath.ch

Zahlen und Fakten

Das Kardinalsamt: Zweithöchste Würde

Das Kardinalsamt ist die höchste Würde in der katholischen Kirche nach derjenigen des Papstes. Der auf Lebenszeit verliehene Kardinalstitel beruft den Träger zur Mitverantwortung an der Gesamtleitung der Kirche im Kardinalskollegium sowie in der Römischen Kurie. Die Würde wird vom Papst in der Regel an ausgewählte, verdiente Bischöfe verliehen. Im Dezember 2017 gab es 216 Kardinäle, von denen 120 unter 80-jährig waren und somit im Konklave für die Papstwahl wahlberechtigt wären.

jcg